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Tutzing im Wandel

Neubauten auf früherem Gelände von Boehringer-Mannheim strahlen in Nachbarbereiche aus

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Eine der Zwischenphasen nach Boehringer Mannheim markierte "TGZ". Links einer der inzwischen abgebrochenen Altbauten. © Prof. Florian Burgstaller

An der Bahnhofstraße vollzieht sich zurzeit ein gravierender Wandel. Ein komplett neues Gewerbegebiet namens „Business Area Tutzing“ entsteht dort, wo über mehr als ein halbes Jahrhundert das Unternehmen Boehringer Mannheim prägend war. Der Schweizer Roche-Konzern, der Boehringer Mannheim in den 1990er Jahren übernommen hat, hat die Gemeinde 2001 verlassen.

Seitdem lag das alte Industriegelände mehr oder weniger brach. Es gab zwar etliche Nutzungsversuche, doch sie alle scheiterten. Auch die aktuellen Planungen ziehen sich schon sehr lange hin.

Am Dienstag dieser Woche aber hat der Gemeinderat die Anträge für drei weitere von insgesamt fünf Neubauten befürwortet. Damit scheint die „Business Area Tutzing“ tatsächlich Realität zu werden.

Noch kurz vor dem Beschluss Diskussionen über Befreiungen

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Die Gebäude von Boehringer-Mannheim mit dem früheren Hotel Simson in der Mitte und dem Rundbau aus den 1990er Jahren © Prof. Florian Burgstaller

Bis zum Schluss gab es noch Diskussionsbedarf. Als alles schon klar schien, gingen bei der Gemeinde Änderungswünsche ein. Lüftungen der Tiefgarage sollen größer ausfallen, als es die Festsetzungen für den Bauraum erlauben. Und eine so genannte Attika, eine Brüstung aus Glas an einem der Gebäude, schien die zulässige Wandhöhe zu überschreiten.

Dass da nach so langer Planung wieder kurzfristig eine Korrektur erforderlich wurde, gefiel Bürgermeisterin Marlene Greinwald gar nicht - daraus machte sie in der Sitzung kein Geheimnis. Aber sie und die Gemeinderäte wollten, das war klar zu erkennen, bei diesem Ewigkeitsthema nun endlich zu einem Abschluss kommen. So stimmten sie den erforderlichen Befreiungen vom Bebauungsplan zu und auch den Anträgen für die drei Neubauten insgesamt. Bei diesen drei geplanten Bauwerken handelt es sich um ein Bürogebäude an der Bahnhofstraße, daneben ein Hotel der holländischen Bari-Group mit 130 Zimmern und schließlich eine Erweiterung der neuen P3-Klinik mit 65 Zimmern.

Zwar ist noch immer nicht alles endgültig klar: Die Unterlagen müssen noch geändert werden. Doch die so genannte Planreife hat der Gemeinderat damit erteilt. Wenn voraussichtlich in der September-Sitzung der Satzungsbeschluss folgt, dann wird der Umwandlung des alten Geländes von Boehringer Mannheim in die „Business Area Tutzing“ nichts mehr im Wege stehen.

Trend zur Größe am Bahnhof und an der Bräuhausstraße bis zur Lindemannstraße

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"Neuer Ortskern": Zwischen den Gebäuden der "Business Area" sollen einmal die Menschen flanieren © FixVisuals/e+k

Der Gemeinderat hat in der selben Sitzung den Weg für eine Langfriststrategie in Tutzing geebnet. Strategie für Tutzing gesucht Die Neugestaltung am Bahnhof steht aber schon jetzt für eine gewaltige Veränderung der Gemeinde. Stadtplaner Prof. Florian Burgstaller hat schon vor einiger Zeit von einem „neuen Ortskern“ gesprochen - mit Plätzen, Wegen und sogar einem Biergarten mittendrin. Eine solche Entwicklung dürfte erhebliche Folgen zum Beispiel auch für das Geschäftsleben haben, so wie sich auch die Veränderungen der Kundenströme teils weg aus dem Ortszentrum und hin zu den Einkaufszentren merklich auswirken. Tutzinger Geschäftsschließungen in jüngerer Zeit sind auch besonders mit diesen Entwicklungen begründet worden.

Der deutliche Wandel mit vielen städtischen Elementen hatte vor Jahren mit den Bauten der Siedlung „Lakeside Living“ und des Gewerbekomplexes „Four Site“ begonnen. Mit der „Business Area Tutzing“ setzt er sich nun fort, und der Trend zur Größe dehnt sich weiter aus. So deutet sich neben den Bahngleisen schon die nächste Erweiterung an. Dort, entlang der Bahnhofstraße, gelten mehrstöckige Gebäude als möglich, die sich im Stil wohl an Lakeside, Four Site und die Business Area angleichen werden. Die Park-and-Ride-Flächen sollen erhalten bleiben, indem die Häuser über ihnen sozusagen auf Stelzen aufgebaut werden. Auch im anschließenden Bereich der Heinrich-Vogl-Straße, zwischen der Bahnhofstraße und der Bahnunterführung, sind bereits mehrstöckige Gebäude geplant.

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Die "Business Area Tutzing", wie sie einmal aussehen soll. Rechts das Krankenhaus, links "Four Site" © FixVisuals/e+k

Neue große Bauwerke auch in der "Sudetendeutschen Siedlung"

Auf der anderen Seite, südlich anschließend an „Lakeside Living“, ist ebenfalls längst ein Wandel im Gange. So sollen die Blöcke des Verbands Wohnen im Schönmoos, in der so genannten Sudetendeutschen Siedlung, durch große neuere Bauwerke ersetzt werden. Das alles wird wohl auch das weitere bauliche Geschehen entlang der Bräuhausstraße bis hinaus zum Einkaufszentrum an der Lindemannstraße beeinflussen. Dort gibt es ohnehin schon mehrere ansehnliche Bauten, und zwischendrin, an der Bräuhausstraße, deutet sich immer wieder an, dass die bisherige teils kleinteilige Bebauung auf Dauer mehr mehr größeren Gebäuden weichen dürfte.

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Sie sollen anderen Bauten Platz machen: Wohnblöcke in der Sudetendeutschen Siedlung © L.G.

Kritik an "mehrstöckigen Betonklötzen" ist selten geworden

Gegen größere Bauten auf dem ehemaligen Boehringer-Mannheim-Gelände hatte es früher heftige Widerstände gegeben, so beispielsweise, als dort ein Biotechnologie-Zentrum errichtet werden sollte. Inzwischen scheint sich die Stimmung in dieser Hinsicht deutlich verändert zu haben - vielleicht unter dem Einfluss der Diskussionen über Mangel an bezahlbarem Wohnraum und an Gewerbeflächen, die wegen Gewerbesteuereinnahmen häufig als dringend erforderlich bezeichnet werden.

Auch im Gemeinderat flammte zuletzt kaum noch Kritik an der Neugestaltung auf. Eine Ausnahme bildete Christine Nimbach von den Grünen. Sie wandte sich gegen die „mehrstöckigen Betonklötze“, die ganz anders seien als die villenartige Bebauung auf der anderen Seite der Bahnhofstraße, und sie kritisierte die Grünplanung als ein „Feigenblatt“, weil zwischen den Gebäuden zwar Wege und Plätze, aber kaum Bäume vorgesehen seien.

Aber mit ihren Einsprüchen blieb die Grüne ziemlich allein. Es seien halt Gewerbebauten, hielten ihr andere entgegen. Und über den Grünplan sei schon längst unter Einbeziehung aller Gemeinderäte diskutiert und abgestimmt worden.

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Groß und klein: Gebäude zwischen Lindemann- und Bräuhausstraße © L.G.
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Jetzt muss schon die Redaktion der vorOrt.NEWS höchstselbst mit dem Zaunpfahl winken und auf das erstaunliche Phlegma hinweisen, mit dem die Tutzinger Bürgerschaft sich "mehrstöckige Betonklötze" und "große Bauwerke" vor die Nase setzen lässt. (Statt Eisdiele wird das dankbare Volk diesmal mit einem Biergarten bespaßt, hört hört.) Wahrscheinlich wird aber auch dieser Ruf ungehört verhallen und der letzte, einigermaßen bezahlbare Wohnraum wird Investoren-Geldmaschinen in Glas-und-Beton-und-Holzverschalungs-Ambiente weichen. Die Gentrifizierung hält in Tutzing Einzug, und niemand protestiert. Faszinierend das. Und traurig.
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