Zu den Besonderheiten des neuen Tutzinger Gemeinderats, der seit Mai 2020 amtiert, gehört auffallendes Interesse für die Jugend. Die Bildung eines Jugendbeirats hat er kurz vor Weihnachten beschlossen, um die Stelle eines Jugendpflegers ging es am Dienstag im Hauptausschuss. Begleitet werden diese Aktivitäten von sonderbaren Aktionen: „Jugend unerwünscht“ - diese Worte hat jemand auf eines der Tutzinger Ortsschilder geschrieben, allerdings so unleserlich, dass man eher rätseln muss, was da steht.

Vor Jahren hörte eine Jugendpflegerin in Tutzing nach wenigen Monaten wieder auf
Eine Jugendpfleger-Stelle gibt es in Tutzing eigentlich schon seit Jahren. Sie war zur Zeit des Bürgermeisters Dr. Stephan Wanner auch schon einmal für relativ kurze Zeit besetzt. Die damalige Jugendpflegerin schied schon nach ein paar Monaten wieder aus. Der Geschäftsleiter der Gemeinde führte das jetzt im Hauptausschuss auf unklare Tätigkeitsbeschreibungen zurück: „Sie stand vor meiner Tür und fragte mich: Was soll ich eigentlich tun?“ Irgendwann hörte sie auf, und seitdem ist die Stelle unbesetzt. Der Jugendbeauftragte der Gemeinde, Claus Piesch von den Freien Wählern, will erreichen, dass sie möglichst schnell neu besetzt wird - und zwar am besten nicht in Teilzeit wie damals, sondern in Vollzeit.
Ein Viertel der Tutzinger Bevölkerung bildet die Jugend, berichtete Piesch seinen Kollegen. Genau sind es 2506 Mitbürger unter 27 Jahre, die definitionsgemäß als „Jugend“ gelten. Viele von ihnen, aber bei Weitem nicht alle sind irgendwo organisiert: in Vereinen, in den Kirchen oder in anderen Institutionen. Zahlreiche junge Menschen aber haben nicht solchen Anschluss und solche Kontakte. Aber sie, argumentierte Piesch, hätten genauso Betreuungs- und Unterstützungsbedarf: „Man muss sie von zu Hause, vor Ort abholen.“ Dafür gibt es das Stichwort „offene Jugendarbeit“. Gerade auch für sie benötige man jemanden, „der selbst aktiv anpackt“. Dabei sieht er einen Jugendpfleger oder eine Jugendpflegerin nicht als Aufsichtsperson für die Jugend, sondern als Ansprechpartner der Verwaltung für alle Belange der Jugend, um sie zu betreuen und sich um sie zu kümmern.

Beifall für den Vorstoß, aber Fragen nach der Finanzierung und den Aufgaben
Quer durch die Parteien und Gruppen fand Pieschs Vorstoß Beifall - allerdings mit viel Wenn und Aber. Mehrere Sprecher hielten die Finanzierung einer solchen Stelle für völlig ungeklärt. Und das könne sich über zehn Jahre immerhin auf eine halbe bis ganze Million Euro summieren, rechnete Dr. Thomas von Mitschke-Collande (CSU) vor, dem der Antrag auch zu unkonkret war. So ähnlich sahen es andere wie Elisabeth Dörrenberg (CSU) oder Dr. Wolfgang Behrens-Ramberg (Tutzinger Liste).
Wieder andere, so Verena von Jordan-Marstrander (Freie Wähler) und Flora Weichmann (Grüne), setzten sich dafür ein, es auch ohne klare Finanzierung einfach mal zu wagen, zumal Piesch auf mögliche Fördermittel verwies. Er kennt sich mit dieser Thematik gut aus, denn er ist auch Vorsitzender des Starnberger Kreisjugendrings. Zu den Mahnungen wegen konkreter Aufgabenbeschreibungen verwies er auf einen "Packen von Informationen" zu diesem Thema und auf mögliche Unterstützung, so durch den Kreisjugendring oder das Jugendamt. Der Geschäftsleiter der Gemeinde sprach sich für eine Verknüpfung mit anderen Verwaltungstätigkeiten und "vorab definierte Aufgabenbereiche" aus.

Die Diskussion wogte hin und her, bis Bürgermeisterin Marlene Greinwald einen Vorschlag machte: Wenn es gewünscht werde, könne man abstimmen. Man könne die Ergebnisse dieser Beratungen aber auch als „positives Signal“ für einen Jugendpfleger werten und in den derzeit laufenden Haushaltsberatungen weiter besprechen, ob die Finanzierung einer solchen Stelle vielleicht doch möglich erscheint. Und so wird der Gemeinderat nun verfahren - ohne Beschluss. Claus Piesch freute sich nach der Sitzung sehr darüber: "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung."
Saubere und unsaubere Mahnungen
Der bereits vor Weihnachten auf Antrag der FDP beschlossene Aufbau eines Jugendbeirats kam diesmal nur am Rande zur Sprache. Ein solches Gremium sei ebenfalls ein gutes Signal, sagte Piesch, er mahnte aber wegen vieler unterschiedlicher Interessen einen breiten Austausch an: „Ein Jugendbeirat kann sich nicht um 2000 junge Leute kümmern.“ Deshalb sei eine Kontaktperson in der Verwaltung sinnvoll, um eine Vernetzung der Jugendarbeit mit der Gemeinde zu erreichen. An den Vorbereitungen der FDP zu diesem Thema waren unter anderem Gymnasiasten und Mitglieder des Tutzinger Freizeitclubs JM beteiligt.
Die eher unsaubere Kritik „Jugend unerwünscht“ auf dem Tutzinger Ortsschild ist übrigens nicht neu. Die gleiche Behauptung stand auch schon einmal in einer Freinacht mitten auf der Verkehrsinsel, wo sich mittlerweile der Kreisverkehr befindet. Damals hatten sich die Verfasser allerdings betont ordentlich verhalten, sich um eine saubere, lesbare Schrift bemüht und sich damit Sympathien eingehandelt. Die aktuellen Ortsschild-Ergänzer scheinen, falls es sich um junge Leute gehandelt haben sollte, eher erreichen zu wollen, dass eine Jugend dieser Art in Tutzing tatsächlich unerwünscht ist.

Das Bild auf der Startseite zeigt eine Illustration am Kindergarten neben dem Feldafinger Bahnhof (Foto L.G.)
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