Von Gymnasium Tutzing

Tutzinger Ideenwerkstatt

Schüler*innen diskutieren über Ideen für die Zukunft von morgen - Ein Bericht von Stefan Flierl

Sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen befassen und mögliche Konzepte zu deren Lösung diskutieren, genau das taten Schüler*innen in ihrer Freizeit im Rahmen einer Ideenwerkstatt, die unter dem Titel „Zehn für Zukunft – Gesellschaftliche Veränderungen wahrnehmen und gestalten“ an der Akademie für Politische Bildung Tutzing stattfand. Einer inhaltlich abwechslungsreichen Workshopphase folgte zum Abschluss eine lebendige Podiumsdiskussion mit drei Abgeordneten des Bayerischen Landtags. Mit dabei auch ein Team des Gymnasiums Tutzing.

DSC02969.JPG
Die an der Ideenwerkstatt teilnehmenden Schüler*innen mit den zur Abschlussdiskussion eingeladenen Abgeordneten des Bayerischen Landtags und dem Organisationsteam

Ideenwerkstatt als Schlusspunkt des Projekts „Zehn für Zukunft“

Die zweitägige Wochenendveranstaltung bildete den durch die Corona-Pandemie etwas verspäteten Schlusspunkt des Projekts „Zehn für Zukunft“, das im Rahmen der Begabtenförderung an interessierte und engagierte Schüler*innen der 10. Jahrgangsstufe am Gymnasium adressiert ist und von der MB-Stelle für die Gymnasien in Oberbayern-West in Kooperation mit der Akademie für Politische Bildung und dem Gymnasium Tutzing im Schuljahr 2019/20 bereits zum dritten Mal durchgeführt wurde. Mit Unterstützung von Experten planten und gestalteten vier Schülergruppen aus Olching, Neuburg an der Donau, München-Moosach und Tutzing für die Ideenwerkstatt zu einem gesellschaftlich relevanten Thema ihrer Wahl über mehrere Monate hinweg je einen Workshop, den sie im professionellen Tagungsambiente der Akademie durchführten.

Vielseitige Workshops: Migration, Grundeinkommen, Bionik und Digitalisierung

DSC02944_quadratisch.png
"Wer hat's erfunden?" - Migration befördert(e) maßgeblich den Austausch von Know-how

Dabei hätten die Themen der Workshops nicht vielseitiger und kontroverser ausfallen können: Die Schülergruppe aus Olching beleuchtete zum Auftakt den gesellschaftlichen Wandel durch Migration in Geschichte und Gegenwart. Eine Organisatorin bereicherte diesen Workshop in besonderer Weise mit einem biografischen Bericht über die Integrationserfahrungen ihres Opas, der in den 1960er Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen war und in München Wurzeln schlug. Neben der historischen Betrachtung des Phänomens Migration standen unter anderem die akuten Missstände der EU-Flüchtlingspolitik sowie die Frage nach den gesamtgesellschaftlichen Chancen und Herausforderungen von Zuwanderung und nach einem gelingenden Miteinander im Fokus.

Der zweite Workshop, organisiert von der Schülergruppe des Staatlichen Gymnasiums München/Moosach, befasste sich mit der sozialpolitischen Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens (kurz: BGE). Ihr zweistündiger Workshop war darauf ausgelegt, die Teilnehmer*innen in kurzer Zeit zu einem möglichst fundierten Urteil zu befähigen. Dies gelang auch: Nach einer stichhaltigen Auseinandersetzung mit den von Experten prognostizierten Chancen und Risiken der Einführung eines BGE ergab sich am Ende des Workshops, nach der anfänglich dominierenden Unentschiedenheit des Plenums, ein wesentlich differenzierteres Meinungsbild, das sich einerseits in Zustimmung und andererseits in begründeter Ablehnung äußerte. Dabei blieb man nicht bei der Frage nach der Finanzierbarkeit hängen, wie dies in der öffentlichen Debatte oftmals der Fall ist.

DSC02960_quadratisch.png
Die Akademie für Politische Bildung bot ein professionelles Ambiente für die Durchführung der Schüler-Workshops

Am zweiten Tag der Ideenwerkstatt gestaltete die Schülergruppe des Descartes-Gymnasiums Neuburg an der Donau einen Workshop zum Thema Bionik. Auf spielerische und experimentelle Weise machten die vier Schülerinnen die Teilnehmer*innen zunächst mit diesem noch relativ unbekannten interdisziplinären Forschungsfeld vertraut: Bionik – im Deutschen ein aus den Begriffen Biologie und Technik gebildetes Kofferwort – bezeichnet die Übertragung von in der Natur vorkommenden Strukturen und Prozessen, die aufgrund der Evolution als besonders effizient erachtet werden, auf die Technik. Als berühmtester Vertreter gilt Leonardo da Vinci, der den Flug von Vögeln studierte, um mechanische Flugmaschinen konzipieren zu können. Eine im Alltag weit verbreitete Erfindung, die auf einem Ansatz der Bionik basiert, ist der von Kletten inspirierte Klettverschluss. Im Zentrum des Workshops stand schließlich die spannende Frage, inwieweit die Klimabionik einen Beitrag zur Lösung der Klimakrise leisten kann, beispielsweise im Bereich der Energiegewinnung und bei der Einsparung von Ressourcen.

Einen vierten Workshop gestaltete das Team des Gymnasiums Tutzing zum Wandel der Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung. Nach einer anfänglichen Reflexion der positiven wie auch negativen Erfahrungen mit dem digitalen Arbeiten während des Lockdowns in der ersten Jahreshälfte beleuchtete die Gruppe, wie sich die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung der Arbeitswelt konkret äußert und welche An- und Herausforderungen mit diesen Prozessen auf die Menschen zukommen. Ein abschließender Meinungsaustausch zu den Chancen und Risiken einer in naher Zukunft mehr und mehr von „Big Data“, KI, Robotern & Co. geprägten digitalen Arbeitswelt fiel auch zu diesem Thema differenziert aus: Neben Vorfreude auf die „digitale Zukunft“ äußerten die Teilnehmer*innen ebenso Skepsis und Bedenken – beispielsweise im Hinblick auf ethische Fragestellungen und Probleme des Datenschutzes.

Podiumsdiskussion mit drei Abgeordneten des Bayerischen Landtags

DSC02964_quadratisch.png
Die von Jörg Siegmund (links stehend) moderierte Podiumsdiskussion mit den Landtagsabgeordneten Benjamin Adjei (Bündnis 90/Die Grünen), Diana Stachowitz (SPD) und Matthias Enghuber (CSU) (v.l.n.r)

Zum Abschluss der Ideenwerkstatt bekamen die Jugendlichen die Gelegenheit, im Rahmen einer eineinhalbstündigen Podiumsdiskussion mit gleich drei Landtagsabgeordneten – nämlich mit Benjamin Adjei (Bündnis 90/Die Grünen), mit Matthias Enghuber (CSU) und mit Diana Stachowitz (SPD) – über Themen zu debattieren, die sich aus den Workshops ergaben und/oder die ihnen besonders am Herzen lagen. Die sich aus der Zusammensetzung des Podiums ergebende kontroverse, aber von allen Beteiligten natürlich fair und leidenschaftlich geführte Debatte dürfte den Teilnehmer*innen eines aufgezeigt haben: Demokratie lebt von der Beteiligung aller, von der Meinungsvielfalt und vom demokratischen Austausch und Ringen um die besten Lösungen – auch wenn dies manchmal anstrengend ist und demokratische Lösungen meist Kompromisslösungen sind bzw. sein müssen. Zu diesem wertvollen Erkenntnisgewinn konnte die Ideenwerkstatt als Ganzes mit Sicherheit auch ein Stück weit beitragen.

Bevor sich die Schüler*innen mit vielen Eindrücken auf den Heimweg machten, bekamen sie als Anerkennung für ihr besonderes Engagement noch ein Zertifikat ausgehändigt. Das Organisationsteam – bestehend aus Jörg Siegmund von der Akademie für Politische Bildung, Susanne Raab von der MB-Stelle für die Gymnasien in Oberbayern-West sowie Gabriele Beulke und Stefan Flierl vom Gymnasium Tutzing – verständigten sich bereits auf eine Neuauflage des Projekts im laufenden Schuljahr. Die Ausschreibung für die Teilnahme in diesem Schuljahr erhalten die Gymnasien im MB-Bezirk Oberbayern-West in den nächsten Tagen.

Über den Autor
schullogo.png

Add a comment

Anmelden , um einen Kommentar zu hinterlassen.

Comments

Wir lesen oben, in dem hörbar mit stolzgeschwellter Brust vorgetragenem Bericht, dass „Demokratie [...] von der Beteiligung aller, von der Meinungsvielfalt und vom demokratischen Austausch und Ringen um die besten Lösungen“ lebt. Nur wird gerade dieses Prinzip mit einer Veranstaltung, die sich dem Elitären und den wohlwollend Konsensuellen verschreibt, gerade nicht vollzogen. Dazu bräuchte es eine heterogenere, alle Schulformen einschließende Schülerschaft. Und deutlich weniger Schulterklopfen, mehr Ringen. Die jungen Leute in dieser hochreinen Filterblase lernen nur, dass man die Geschicke der Welt letztlich unter sich verhandelt. Im Klüngel gut vernetzter Seilschaften, mit tatkräftiger Unterstützung derer, die sich bereits an den Schaltstellen von Macht und Einfluss befinden. Früh übt sich, so spricht es zwischen den Zeilen, zumal sich das unter den wohlwollenden Blicken einer Akademiedirektorin vollzieht, der dieser Gestus keineswegs fremd ist. Die sich und ihre Gäste, ohne sich dabei erkennbar zu schämen, in einer Veranstaltungsankündigung mit dem Attribut „kluge Köpfe“ schmückte . Derweil sitzen die Haupt- und Realschüler irgendwo und warten darauf, überspitzt formuliert, als Vergessene von der politischen Schmuddelecke abgeholt zu werden.
Am schlimmsten ist jedoch, dass all dies den beteiligten Gymnasien gar nicht aufzufallen oder der Rede wert zu sein scheint. Was letztlich dazu führt, dass auch ihre eigenen Schüler nicht über ein vorreflektiertes Niveau hinaus zu denken lernen. So oder so ist diese Leistung, wegen der beschriebenen Gedankenlosigkeit und trotz des lebendigen und fehlerlosen Stils, nur und gerade noch mit„ausreichend“ zu bewerten.
Sehr geehrter Herr Kerbs,

zwar hängt das Textverständnis immer auch davon ab, was man als Rezipient hineinlesen möchte, aber wie man anhand des obigen Berichts den – gegenüber allen teilnehmenden Jugendlichen wohlgemerkt wenig wertschätzenden – Vorwurf konstruieren kann, dass hier elitäre Nachwuchsbildung für den „Klüngel gut vernetzter Seilschaften“ und für die „Schaltstellen von Macht und Einfluss“ betrieben wurde, bleibt, überspitzt formuliert, das Geheimnis Ihrer (Verschwörungs-)Fantasie.
Wären Sie dabei gewesen, so hätten Sie sogar feststellen können, dass in den Diskussionen der derzeitige „Status quo“ (z. B. in den Politikfeldern Klimaschutz, Verkehr und Mobilität) von den Schüler*innen mehr als kritisch hinterfragt wurde und Lösungsansätze aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive diskutiert und reflektiert wurden. „Fridays for Future“ kennt diese Grenzen, die Sie in Ihrem Kommentar zwischen den Jugendlichen und den Schularten postulieren, beispielsweise überhaupt nicht.
Natürlich haben Sie vollkommen recht damit, dass politische Bildung an alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen Angebote machen und zum Ziel haben muss, diese miteinander ins Gespräch zu bringen, aber wie sich dem Artikel entnehmen lässt, handelte es sich explizit um eine schulische Veranstaltung im Rahmen der Begabtenförderung am Gymnasium.
Was die „stolzgeschwellte Brust“ anbelangt: Ja, wir sind/waren am Ende alle ein Stück weit stolz – allen voran natürlich die Schüler*innen, die im Vorfeld viel Zeit investiert und sich in anspruchsvolle Themen eingearbeitet hatten –, dass wir die Veranstaltung trotz der Pandemie-Situation so durchführen konnten.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Flierl
Hallo Herr Flierl,

es sollte deutlich geworden sein, dass sich meine Kritik gerade nicht gegen die Schüler richtet, sondern an die Erwachsenen und die Institutionen, die für die Veranstaltung verantwortlich zeichnen. Dazu zählt auch die Akademie für politische Bildung, die mit ihrem Beitrag erstaunlich wenig politisches Gespür an den Tag legt. Dass die jungen Leute sich trotz dieses Rahmens kritisch hinterfragend eingebracht haben, ist erfreulich. Unrichtig hingegen ist Ihre Behauptung, bei Fridays for Future würde sich die Jugend gleichmäßig schulformübergreifend einbringen. Wie Sie hier sehen, rekrutiert sich FFF zu großen Teilen aus Gymnasiastinnen.

Leider wiederholen Sie meine Kritik nur als Abschrift, ohne selber Argumente vorzutragen. Und wenn Sie gelegentlich mal in die Vorort.news schauen würden, wüssten Sie, dass ich maximale Distanz zu jeglicher Verschwörungstheorie einnehme. Um der besseren Verständlichkeit meines Anliegens willen, fasse ich meine Kritik in Absätze, aus denen sich zwei kurze Fragen ergeben:

– Einer privilegierten Schülergruppe (weil Gymnasiasten gegenüber ihren Altersgenossen von einer um zwei bzw. drei Jahre verlängerten Schulzeit profitieren) wird von einer privilegierten Lehrergruppe (denen in Deutschland die teuerste Lehramtsausbildung und die höchste Vergütung zuteilwird) die Teilnahme an einer hoch attraktiven Veranstaltung ermöglicht. So schön das für die jungen Leute ist, drängt sich doch die Frage auf: Warum wird dieses Privileg den ohnedies Privilegierten zuteil, die zusätzliche Privilegien genau genommen am wenigsten bräuchten?

– Wäre es nicht einer politischen Akademie von Rang und Namen würdig gewesen, besonders mit einer Gruppe überdurchschnittlich Begabter, genau diese Frage zu erörtern?

Zwei klare Fragen von mir. Klare Antworten von Ihnen wären prima. Und ich verspreche, wohlwollend zu benoten ;-)

Mit freundlichen Grüßen
Thorsten Kerbs
(Bearbeitet)
Schweigen im Walde ... ;-)

Mein Auftreten war zu lehrerhaft, lieber Herr Flierl, gell? Von oben herab Fragen stellen, auf die es nur eine richtige Antwort gibt, sogenannte Pseudofragen. Das ist arrogant. Und wem verginge da nicht die Lust an der Antwort, ich weiß das. Und Legionen von Schülern empfinden im auch 2020 noch vorherrschenden Frontalunterricht ebenso.

Machen Sie es gut, und vor allem bitte in der womöglich vor uns liegenden Verschärfung der Corona-Krise: machen Sie es besonders gut für ihre Schüler. Wobei extra viel Unterstützung genau diejenigen Heranwachsenden benötigen, die für Leuchtturmprojekte am wenigsten taugen. Zum Beispiel die rund dreißig Prozent der Gymnasiasten, die rein statistisch in Bayern das Gymnasium ohne Abitur verlassen müssen. Auf die kann man, wenn sie sich mit Unterstützung ihrer Lehrer und reichlich eigener Anstrengung doch auf dieser Schulform halten, auch sehr stolz sein. Selbst wenn dieser Stolz sich wenig öffentlichkeitswirksam und im feinen Zwischenraum der Lehrer-Schüler-Beziehung abspielt.
(Bearbeitet)
Feedback / Report a problem