Verkehr
9.11.2019
Von vorOrt.news

Vertrag verhindert mehr Busfahrten

Junge Tutzinger setzen sich für bessere Verbindungen in die Ortsteile und Siedlungen ein

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40 Minuten warten oder fahren: Was ist sinnvoller?

40 Minuten wartet ein Bus der neuen Linie 978 regelmäßig am Tutzinger Bahnhof, bevor er seine nächste Fahrt starten kann. Diese Zeit könnte gut für weitere Busfahrten genutzt werden. Bürgermeisterin Marlene Greinwald hat dies schon vor längerer Zeit angeregt. In etlichen Siedlungen und Ortsteilen von Tutzing gibt es erheblichen Bedarf für verstärkten öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Über eine Ausweitung der vom Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) betriebenen neuen Linie 978 zum Beispiel nach Kampberg gab es schon Gespräche mit der Verkehrsbeauftragten des Landkreises, Susanne Münster.

MVV hält Ausweitung der Busverbindung für möglich

Auch der MVV hat eine Nutzung der Wartezeit für weitere Verbindungen bereits als möglich und kurzfristig umsetzbar bezeichnet. Bus nach Kampberg und Unterzeismering? Doch wie sich mittlerweile herausgestellt hat, gibt es dabei eine Hürde in Form eines Vertrags mit dem RVO, der die Strecke zwischen Tutzing und Weilheim bedient. Der RVO-Bus hält auch in Kampberg - allerdings nur morgens und am frühen Nachmittag, zu den Schulzeiten. Bei einer Ausweitung der MVV-Linie nach Kampberg würden aber offenbar vertragsrechtliche Probleme mit dem RVO gesehen.

Dass ein Vertrag tatsächlich ein unüberwindbares Hindernis für bessere Busverbindungen sein soll, können einige junge Tutzinger nicht glauben. Eine Projektgruppe der Jugendfeuerwehren von Tutzing und Traubing befasst sich nämlich zurzeit intensiv mit dem öffentlichen Personennahverkehr in dieser Gemeinde. Das ist Bestandteil eines Ausbildungsprojekts „Demokratieführerschein für Jugendliche“. Im Tutzinger Gemeinderat haben sie ihre Vorstellungen kürzlich präsentiert und dabei nachdrücklich für bessere Busverbindungen in die diversen Siedlungen und Ortsteile der Gemeinde plädiert.

Der Verkehrsausschuss wird sich demnächst mit dem Thema befassen

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Mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer erreichbar: Gewerbegebiet Kampberg

Als das Vertrags-Argument mit dem RVO zur Sprache kam, reagierte Paul Friedrich, einer der jungen Vortragenden, souverän gelassen. Auch wenn der Vertrag mit dem RVO noch bis 2022 laufe, meinte er, könne man ja vielleicht jetzt schon anfangen, darüber zu reden, „und zeigen, dass die Politik heute schon an morgen denkt“. Eine Bemerkung, auf die die Gemeinderäte spontan mit Gelächter reagierten.

Und es wird sich etwas tun: Bereits für die nächste Sitzung des Umwelt-, Energie- und Verkehrsausschusses am 26. November kündigte Bürgermeisterin Greinwald Beratungen über dieses Thema an. Diskussionen im Ort über den öffentlichen Verkehr gibt es zur Genüge. So gibt es offenkundig viel Bedarf an regelmäßigen Verbindungen in etliche Ortsteile, von Diemendorf über Obertraubing bis Unterzeismering und Kampberg, so auch ins dortige Gewerbegebiet am Primelweg, ebenso wie in die Siedlungen, so zum Höhenberg oder ins Fischerbuchet. Wie sich gezeigt hat, war auch die Einführung neuer Buslinien nicht nur mit Verbesserungen verbunden. Im Gegenzug hat die Ambulante Krankenpflege das von ihr 20 Jahre lang mit ehrenamtlichen Fahrern betriebene Bürgermobil eingestellt, das regelmäßig zum Beispiel zum Einkaufszentrum an der Lindemannstraße, zur Kellerwiese und nach Kampberg gefahren ist. All diese und etliche andere Ziele lässt der neue Bus aus.

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Viele Autos, kein Bus: Einkaufszentrum Lindemannstraße
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Seit den Zeiten des Bürgermobils ohne öffentliche Verbindung: Kellerwiese

Gut vorbereitete Präsentationen und geschickte Antworten

Der „Demokratieführerschein“ ist ein Konzept, mit dem junge Menschen ein von ihnen selbst gewähltes Anliegen aktiv kommunalpolitisch verfolgen können. Sie sollen sich dabei zum einen kommunalpolitisches Wissen aneignen, zum anderen bei der Umsetzung ihres Projekts auch gleich erfahren, wie Kommunalpolitik funktioniert. Mit Möglichkeiten der ÖPNV-Erweiterung in Tutzing, dem in diesem Fall gewählten Thema, haben sich die jungen Leute intensiv befasst, wie sie mit ihren gut vorbereiteten Präsentationen und mit geschickten Antworten auf Fragen im Gemeinderat bewiesen haben.

Drei Mitglieder der Jugendfeuerwehren - Lukas Dreher, Paul Friedrich und Anna-Eftichia Chatziiordanidou - haben die Vorschläge in Kurzreferaten vorgestellt. Sie verwiesen auf großen Bedarf an öffentlichen Verbindungen für viele Einwohner, von Jung bis Alt. Mit besseren öffentlichen Busverbindungen könnte auch die große Verkehrsbelastung durch Autos reduziert werden, argumentierten sie, und für Autofahrer könnten sich die Kosten verringern. Dabei verwiesen sie auch auf die am Bahnhof eingeführte Parkgebührenpflicht. Natürlich spielten auch das Klima und der Umweltschutz eine wichtige Rolle.

Überraschender Beschluss im Landkreis Weilheim-Schongau

Erstaunt stellte Stefanie von Winning (CSU) fest, dass die Projektgruppe in ihre Überlegungen auch Haunshofen einbezogen hatte. Das Dorf befindet sich zwar in der Nähe von Diemendorf, gehört aber zu Wielenbach und damit zum Landkreis Weilheim-Schongau. Die RVO-Linie 9600 führt über Kampberg, Bauerbach, Haunshofen und Diemendorf, und auch da sehen die jungen Leute Verbesserungsbedarf, zumal die Bushaltestelle für die Diemendorfer Bürger eher schlecht erreichbar ist.

Doch im Nachbarlandkreis deuten sich auffallende Änderungen an: Nach einem überraschenden Beschluss des dortigen Kreistags vor ein paar Tagen sollen alle Bahnhöfe des Landkreises Weilheim-Schongau so bald wie möglich in das MVV-Tarifgebiet einbezogen werden. Durchgesetzt haben das die Gruppe „Bürger für den Landkreis“ (BfL) und die FDP. Damit könnten sich wegen der Streckenverläufe auch für die MVV-Verbindungen in Tutzing ganz neue Potenziale ergeben.

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Zwei Dörfer, zwei Landkreise: Vorn Diemendorf, hinten Haushofen © Fotos: L.G.

Mit ihrem selbstbewussten Auftritt haben die jungen Tutzinger erkennbar Eindruck hinterlassen. In Hinblick auf Nachwuchs für die kommunale Arbeit rief Bürgermeisterin Greinwald ihnen zu, als sie den Saal verließen: „Wir sehen uns im Gemeinderat wieder!“

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