Der Eigentümer des Tutzinger Seehofs will sich von diesem Grundstück trennen. Das hat das Unternehmen UBM Development Deutschland GmbH, der das ufernahe Areal gehört, auf Anfrage bestätigt. Der Vorsitzende ihrer Geschäftsführung, Dr. Bertold Wild, erklärt dies so:
„Die UBM hat das Grundstück seinerzeit auf der Basis eines Gemeinderatsbeschlusses der Gemeinde Tutzing gekauft, der zum Inhalt hatte, auf dem Grundstück eine Wohnnutzung vorzusehen. Nachdem die Gemeinde dieses Verfahren jedoch abgebrochen hat, wurde seitens der UBM auf der Basis des bestehenden Bebauungsplans ein Vorbescheid für ein Boardinghaus beantragt. Daraufhin hat die Gemeinde Tutzing eine Veränderungssperre erlassen. Eine Hotelnutzung ist nach unseren Kalkulationen, die gutachterlich bestätigt wurden, nicht wirtschaftlich möglich. Verkaufsbereitschaft besteht.“
Von der Sondernutzung Hotel zur Wohnbebauung
Für das Seehof-Grundstück, auf dem die Familie Grotz von 1918 bis 1987 ein Hotel betrieben hat, wurde in Tutzing früher stets auf eine baurechtlich vorgeschriebene „Sondernutzung Hotel“ verwiesen. Vor knapp einem Jahrzehnt schien sich dies aber zu ändern. In der Gemeinde zeigte sich im Gegensatz zu den früheren Auffassungen Bereitschaft, auf dem Seehof überwiegend Wohnbebauung zuzulassen. In dieser Phase gab es hierzu einen Gemeinderatsbeschluss, auf dessen Punkt 5 sich UBM bezieht:
In diesem Beschluss wurde damals auch der Kauf des kleinen Grundstücks neben dem Dampfersteg durch die Gemeinde angekündigt. Auf dem Uferareal hat die Familie Grotz früher neben ihrem Hotel ein Café betrieben.
Mittlerweile ist die Gemeinde aber wieder zur Hotelnutzung des Seehofs zurückgekehrt. Im November 2018 hat der Gemeinderat für das Seehof-Grundstück eine Veränderungssperre und eine Änderung des Bebauungsplans beschlossen. Danach soll eine von der Hotelnutzung abweichende Nutzung verhindert werden. Anderen vorgebrachten Forderungen wurde damit eine Absage erteilt. Plädoyers für eine Wohnbebauung auf dem Seehof-Gelände waren zuvor vor allem mit dem Wunsch nach einer kleineren Bebauung des Seehof-Grundstücks verbunden worden, um eine öffentliche Teilnutzung des Geländes zu ermöglichen - so besonders am ufernahen Teil des Areals mit der Mariensäule. Dabei spielte die Argumentation vieler Experten eine Rolle, dass für einen Hotelbau aus Wirtschaftlichkeitsgründen eine größere Bebauung notwendig sei.
Das Seehof-Grundstück wurde in 25 Jahren vier Mal verkauft
Die Gebrüder Wiesner, die den Seehof in den späten 1980er Jahren von der Familie Grotz kauften, sahen ein größeres Bauwerk als den alten Seehof mit 110 Hotelzimmern vor. Dieser Plan wurde 1998 mit dem Bürgerentscheid „Hotel ja, aber kein Koloss neben dem Schloss“ abgelehnt. Über die Jahre wurde der Seehof mehrmals weiterverkauft: 2002 an den Bauträger Hörmann, 2004 an eine Seehof GmbH mit dem Haupteigentümer Dr. Wolfgang Düren, 2012 schließlich an die zum österreichischen Baukonzern UBM gehörende Firma Münchner Grund, deren Nachfolger die UBM Development Deutschland ist. Das war der vierte Verkauf des Seehof-Grundstücks innerhalb von 25 Jahren - ein weiterer wäre Nummer fünf.
Immer wieder gab es Hotelpläne, aber Realisierungschancen hatte keiner von ihnen. Gebaut wurde auf einem Teil des Seehof-Grundstücks dennoch: An der Marienstraße wurde ein Wohngebäude errichtet, das zunächst eigentlich nur als Teil eines Gesamtkonzepts mit einem Hotel gedacht gewesen war. Damit wurde die für ein Hotel verfügbare Fläche verkleinert, zum Hotel aber kam es nicht.
Die Waagschale der Diskussionen neigte sich in Tutzing vor etwa zehn Jahren mehr und mehr zu einer Wohnnutzung des Seehofs-Grundstücks. Dabei spielte auch der Eindruck von Wahlausgängen eine Rolle.
Ein Bürgerentscheid nur mit zwei Wohnbau-Varianten
So kam es zur Wende und schließlich 2013 sogar zu einem Bürgerentscheid, bei dem nur zwei verschiedene Wohnbau-Varianten zur Abstimmung standen, aber kein Hotel. Aber keine der beiden Varianten erhielt die erforderliche Mehrheit, so dass der Bürgerentscheid scheiterte. In Tutzing sahen darin viele ein Plädoyer der Mehrheit für ein neues Seehof-Hotel.
Die Plädoyers für eine Wohnnutzung des Seehofs wurden dennoch fortgesetzt - gerade mit dem Hinweis, dass nur eine solche Nutzung eine kleinere Bebauung ermöglichen und vielleicht sogar öffentlichen Zugang zu einem Teil des Grundstücks erlauben würde. In jüngerer Vergangenheit aber hat sich die Haltung der Gemeinde wieder klar zur Hotelnutzung gedreht - und zwar mit einstimmigen Beschlüssen. Auffallend war in dieser Phase eine Abkehr mancher Experten von der Forderung nach einem relativ großen Hotel. Plötzlich hörte man andere Meinungen: Auch ein kleineres Hotel könne in so einer Lage durchaus wirtschaftlich geführt werden. Zweifel an dieser These wurden allerdings mit dem hohen Grundstückswert von heute wohl acht Millionen Euro oder mehr verbunden, der mit einem kleinen Hotel kaum zu erwirtschaften sei.
Wirtschaftlich tragfähig sagen die einen - wirtschaftlich nicht möglich die anderen
Umso mehr überraschte im April 2019 ein Entwurf des Stadtplaners Prof. Florian Burgstaller für vier Gebäude nebeneinander auf dem Seehof längs der Bebauung an der Marienstraße. Diese Lösung sollte noch ausreichend Platz zur Schlossstraße hin lassen, die damit quasi zur Flaniermeile werden sollte. Dieses Konzept biete Platz für etwa 70 Hotelzimmer, meinte der Stadtplaner. Ein Hotel und daneben auch noch öffentliche Nutzung mit einem „Schlossboulevard“, wie ein Gemeinderat schwärmte: Diese Vision stieß im Gemeinderat auf viel Zustimmung.
Eine kürzlich vorgestellten „Potenzialanalyse“ der Beratungsgesellschaft Drees & Sommer wirkt aber ganz anders: Dort kommt eine solche Hotelgröße überhaupt nicht vor. Untersucht haben die Berater nur zwei Varianten mit 139 und 159 Hotelzimmern. Eine solche Hotelgröße bezeichnen sie als wirtschaftlich tragfähig.
Der Seehof-Eigentümer UBM scheint das ganz anders zu sehen. Für ihn ist eine Hotelnutzung wirtschaftlich nicht möglich. Zu einem ähnlichen Ergebnis war 2009 auch schon die Unternehmensberatungsgesellschaft Treugast bei einer „Experteneinschätzung“ im Auftrag der damaligen Eigentümer gekommen:
Damit bleibt als vorläufige Erkenntnis: Ob und in welcher Größe sich ein Hotel auf dem Seehof rentieren kann, das bleibt in der Fachwelt umstritten. Auf dem Seehof-Gelände wuchert unterdessen allerlei Grün - auch auf den Gehweg der Schlossstraße hinaus, die eines Tages zum Schlossboulevard werden soll.
Aktualisierung: Der Bewuchs, der sich auf den Gehweg der Schlossstraße ausgebreitet hatte, ist kurz nach Veröffentlichung dieses Beitrags entfernt worden.
„Ein Seehof-Hotel ist wirtschaftlich tragfähig“
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