Wie schnell wird in Tutzing gefahren – und was lässt sich dagegen tun? Gleich dreimal hat sich der Umwelt-, Energie- und Verkehrsausschuss des Gemeinderats in seiner jüngsten Sitzung mit dem Thema Geschwindigkeit befasst. Das Ergebnis war jedes Mal dasselbe: Vorerst ändert sich nichts. Mal sprachen die eigenen Messwerte gegen zusätzliche Maßnahmen, mal die Einschätzung der zuständigen Behörden.
Für eine Blitzersäule an der Lindemannstraße ist die Quote zu niedrig
Geprüft wurde, ob an der Lindemannstraße in Richtung Diemendorf eine stationäre Geschwindigkeitsmessanlage aufgestellt werden könnte – eine sogenannte Blitzersäule. Solche Anlagen sollen Unfälle vermeiden, den Verkehr beruhigen, Lärm und Luftverschmutzung verringern und insgesamt eine Kultur der Verkehrssicherheit fördern. Nach den Erfahrungen wird mit solchen Säulen erreicht, dass weniger schnell gefahren wird.
Allerdings werden an eine solche Säule Bedingungen geknüpft. Erlaubt ist sie nur innerorts, das Verkehrsaufkommen muss ausreichend hoch sein, und der Standort wird gemeinsam mit Polizei und Fachaufsichtsbehörde festgelegt. Vor allem muss die Beanstandungsquote bei mehr als zehn Prozent liegen – mehr als jedes zehnte gemessene Fahrzeug muss also zu schnell unterwegs sein. Günstig ist eine solche Anlage nicht: Sie kostet 26 000 Euro bis 28 000 Euro, hinzugerechnet werden müssen weitere Kosten, so für die Montage, die Optik in der Säule und die Bearbeitung.
Die Messergebnisse an der Lindemannstraße seit 2022 zeigen eine klare Entwicklung: Anfangs lag die Beanstandungsquote bei 15,7 Prozent, sie ist aber im Verlauf der Jahre gesunken - bis auf 5,8 Prozent in diesem Jahr. Wegen dieser Entwicklung gilt eine wesentliche Voraussetzung für ein Tempolimit als nicht erfüllt. Deshalb soll in der Lindemannstraße nach einem einstimmigen Beschluss des Ausschusses keine solche Säule aufgestellt werden. Weiter soll es aber verdeckte mobile Messungen geben. Mit deren Ergebnissen soll sich der Ausschuss dann befassen.
Kein Tempo 60 an der Abzweigung Kampberg – der Ausschuss ist verärgert
Für die Staatsstraße im Bereich der Abzweigung nach Kampberg ist aus der Tutzinger Bürgerschaft ein Tempolimit von 60 Stundenkilometern angeregt worden. Das Staatliche Bauamt Weilheim und das Landratsamt Starnberg, die von der Gemeindeverwaltung dazu um Stellungnahmen gebeten wurden, bezeichneten eine solche Geschwindigkeitsreduzierung aber als nicht erforderlich und als nicht umsetzbar.
Grund: In dem betreffenden Bereich gebe es keine besonderen Problemlagen und keine Häufung von Unfällen. Im Ausschuss sind diese Auskünfte der beiden Behörden auf Verärgerung gestoßen. Das soll die Gemeindeverwaltung den Behörden mitteilen.
In der Seestraße wird langsamer gefahren als vermutet
Zu schnell gefahren wird nach regelmäßigen Hinweisen auch in der Seestraße in Tutzing. Dieses Thema hat den Ausschuss nicht zum ersten Mal beschäftigt. Sogar über konkrete Maßnahmen zur Reduzierung der Geschwindigkeit ist in früheren Sitzungen schon diskutiert worden, so beispielsweise mit bestimmten Pflasterungen oder mit Schwellen zur Tempoverringerung. Diesmal ließ die Verwaltung zunächst messen. Dreimal, jeweils im Abstand von drei Wochen, hing eine Woche lang eine sogenannte Topo-Box zur Geschwindigkeitsmessung in der Seestraße. So konnte der Ausschuss auf Grundlage konkreter Zahlen entscheiden. Die Beanstandungsquoten lagen in den drei Messwochen zwischen 1,6 Prozent und 5,3 Prozent. Angesichts dieser tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeiten sprach sich der Ausschuss einstimmig gegen Maßnahmen zur Temporeduzierung in der Seestraße aus.
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Allerdings lässt sich kein Zusammenhang zwischen der Zahl der Toten im Landkreis und der gefahrenen Geschwindigkeit in der Seestraße ableiten. Die Lindemannstraße zeigt, warum die Werte dort heute so gut ausfallen. Die Quote dürfte von 15,7 auf 5,8 Prozent gesunken sein, weil gemessen wurde. Bessere Zahlen sind das Ergebnis von konkreten Maßnahmen. Auf sie zu verzichten wäre ein Denkfehler im Sinne des Präventionsparadoxes.
Und wo sehen Sie eine Verschwörungstheorie? Dem Verkehrsausschuss habe ich bescheinigt, dass er sich an die Regeln gehalten hat. Ich kritisiere eine Regel, nach der erst dann gehandelt wird, wenn genug passiert ist. Die Zehn-Prozent-Quote ist nicht mehr als eine ziemlich beliebige und wissenschaftlich nicht fundierte Verwaltungsvorgabe. Sie zu hinterfragen ist kein Angriff auf den Rechtsstaat, sondern Teil des demokratischen Diskurses.
Übrigens hat auch der Ausschuss die Antwort der Behörden zum Kampberg mit Verärgerung aufgenommen. Wenn wir Ihre Überlegung fortspinnen, müssten Sie nun streng genommen auch dem Gemeinderat vorwerfen, der AfD in die Hände zu spielen.
Demokratie bedeutet, dass Bürger Entscheidungen kritisieren und aus ihrer Sicht bessere Vorschläge machen dürfen. Wer das als Gefahr für die Demokratie bezeichnet, hat diese Regierungsform mit einer anderen verwechselt.
Es ist keine 2 Wochen her, dass Zeitungen & Onlineportale in ganz Bayern über die neuesten Verkehrsunfallstatistiken berichteten.
So beispielsweise auch im Merkur nachzulesen...
https://www.merkur.de/lokales/starnberg/verkehrstote-im-landkreis-starnberg-weit-unter-dem-schnitt-94555967.html
Ich zitiere die Überschrift, die den Tenor zusammenfasst: "Trotz Ausflugsverkehr am See: Starnberg hat eine der niedrigsten Todesraten Oberbayerns"
[Gemeint ist hier nicht nur STA allein, sondern der gesamte Landkreis; natürlich inkl. Tutzing.]
Außerdem:
Wer hinter jeder Abfuhr gleich pauschal eine unlautere Verschwörung beklagt, untergräbt übrigens nebenbei auch Rechtsstaat & Demokratie.
AfD & Co freuen sich darüber.
Dabei steigen die Opferzahlen. 2025 wurden im Straßenverkehr mehr Menschen verletzt und getötet als im Jahr davor. 74 Kinder unter 15 Jahren starben, 2024 waren es 53.
Tutzing könnte aus dem „Weiter so!“ aussteigen, ohne auf Messwerte zu warten. Im Zentrum bekommen Fußgänger, Radfahrer und der Bus den Vorrang, der Autoverkehr wird dort zurückgedrängt, etwa in der Seestraße. Große Plakate an den schnellen Ortseinfahrten kündigen das an, bevor das erste Haus kommt. Wer dort hineinfährt, sieht sofort, dass in diesem Ort auffällt, wer schnell fährt. Die Messungen belegen, dass die große Mehrheit ohnehin angemessen unterwegs ist. Die Raser sind in Tutzing schon jetzt eine kleine Minderheit, und der Ort kann das sichtbar machen.