Von Thorsten Kerbs

Richtige Lehren aus einem falschen Aufruf

Zettel beim Tutzinger Dampfersteg belegt Klärungsbedarf - Ein psychologischer Exkurs

Zettel-Dampfersteg1.jpg
Der Zettel an der Plakatwand beim Dampfersteg © Thorsten Kerbs

Das Foto zeigt einen Zettel, der am 16. August 2020 am Aushangbrett gegenüber dem Dampfersteg zu sehen war und vielleicht noch ist. Gerne würde man mit der Verfasserin oder dem Verfasser reden, denn Gesprächs- und Klärungsbedarf scheint es zu geben. Das wird deutlich, wenn man sich den Text sorgfältig durchliest. Gehen wir das doch gleich mal an:

Als zentraler Gedanke wird formuliert, dass die Erstklässler der Corona-Krise in der Schule Dinge lernen werden, die für sie von Nachteil sind. Als Andeutung schwingt mit, dass der verordnete Verzicht auf Umarmungen, den Handschlag und das Sprechen ohne Maske größeren Schaden anrichten wird als die Hygieneregeln Nutzen stiften können. Womit wir schon mitten in einer Verschwörungstheorie wären, in der die Existenz und Gefährlichkeit von Covid-19 oder zumindest die Wirksamkeit der empfohlenen Maßnahmen in Frage gestellt wird.

Das Phänomen der Verschwörungsmythen ist psychologisch hoch interessant. Die Bereitschaft des Einzelnen, auf unbeweisbare, teils abstruse Ideenwelten anzusprechen, geht auch auf biographische Faktoren zurück. Eine große Rolle spielt dabei ein Mangel an sprachlichem Austausch und Aufmerksamkeit, die den Betroffenen in jungen Jahren zuteilwurden. Schweigen, der Vollzug unerklärt bleibender Handlungen sowie eine Kultur des Wegschauens in der Herkunftsfamilie, das führt im späteren Leben der Kinder zu einer diffusen Hilflosigkeit und Unsicherheit. Die komplexe und vielschichtige Welt, in der Kinder aufwachsen, bleibt ihnen ohne Erklärung und Einordnung ein undurchschaubares Rätsel. Wenn in einem solchen Umfeld dann noch starke Gefühle zirkulierten, über die hinweg geschwiegen wird, zum Beispiel rund um ein Familiengeheimniss, ist das die entwicklungsgeschichtliche Grundlage für spätere diffuse Verunsicherung.

Wir erlegen unseren Kindern von Beginn der Schulzeit an Zumutungen auf

Zettel-Dampfersteg2.jpg
An der Anschlagtafel hängt der Zettel zwischen lauter anderen Informationen © Thorsten Kerbs

Die instabile Gefühlswelt, die aus einer Kindheit mit solchen Vorzeichen erwachsen kann, entfaltet besonders in Krisensituationen Wirkung. Unsicherheit, schwebende Gefahrenzustände, widersprüchliche Vorgaben, all das ist für Menschen mit solchen Voraussetzungen schwer zu ertragen. Wo der reifere, emotional stabilere Mensch es gelernt hat, Spannungszustände auszuhalten, greifen vorbelastete Menschen zur schnellsten, aber nicht besten Lösung. Und für die menschliche Psyche ist es tatsächlich am einfachsten, ein unangenehmes Gefühl mit einem anderen, besser erträglichen Gefühl zuzudecken.

Ärger, Zorn und Wut sind solche Gefühle, die wir uns zugestehen und die sich in fast jeder Lebenslage aus dem Ärmel schütteln lassen. Wo sie im Verbund mit einer löchrigen Argumentation auftauchen, kann man davon ausgehen, dass dieser Ärger eigentlich für eine in der Psychologie so genannte Deck-Emotion steht. Unter dem sichtbaren Gefühl, also unter Zorn, Wut und Hass, liegt die Befindlichkeit versteckt, um die es eigentlich geht, also Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Aber tief im Gewölbe des Verschwörungsmythos verborgen, ganz zuunterst, findet sich fast immer ein berechtigtes Anliegen, ein wahrer Kern. Deshalb ist es auch wichtig, Verschwörungstheoretiker nicht pauschal mit Häme zu übergießen oder zu ignorieren. Es braucht Aufklärung, ein solides und beharrliches Argumentieren und das Eingehen auf den stimmigen Punkt. In der Demokratie müssen wir uns einfach die Mühe machen, auch das schwierige Gespräch zu führen.

So ist es auch hier, denn aus den leicht wirren Stichpunkten ist eine Systemkritik herauszuhören, die sich in Einklang mit Empirie und wissenschaftliche Erkenntnisse bringen lässt. Welche Kritik ist das? Die liegt in dem Umstand begründet, dass wir unseren Kindern von Beginn der Schulzeit an in unverständlicher Weise Zumutungen auferlegen. Herzlosigkeiten, die nicht durch die Lehr-Lern-Forschung zu begründen sind, sondern ihr sogar widersprechen (sehr lesenswert dazu das Buch der bayerischen Grundschullehrerin Sabine Czerny, „Was wir unseren Kindern in der Schule antun“).

Die Euphorie bei der Einschulung macht bald Unlust und Enttäuschung Platz

Wer eigene Kinder hat, dem fiel zur Einschulung unweigerlich auf, mit welcher Freude sie diesem Ereignis entgegengefiebert haben. Bald endete die Euphorie und es machten sich Unlust und Enttäuschung breit. Zu Recht, denn unseren Schulen mangelt es an vielem, was Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen. Es fehlen Begegnungs- und Diskursräume, es gibt kaum Rücksichtnahme auf entwicklungspsychologische und entwicklungsbiologische Konstanten, es mangelt an erfüllenden Kontakterlebnissen, an Raum für Kreativität und Gestaltung. Weder verstärken wir die kindliche Anlage zur Zusammenarbeit noch vermitteln wir unseren Kindern aktiv Beziehungskompetenz – und die Liste der Versäumnisse ist damit noch lange nicht vollständig. Stattdessen vermitteln wir ihnen eine In-Reihe-und-Glied-Kultur. Schweigen, Zuhören, exaktes Reproduzieren, Auswendiglernen werden gefordert und belohnt. Durch eine viel zu frühe Notengebung starten wir einen Wettbewerb, der Mobbingstrukturen und im Verbund mit dem frühen Selektionsdruck in den Kindern Angst wachsen lässt. Eine Angst, die oftmals lebenslang die Einstellung zum Lernen vergiftet, gewiss aber und mit fast epidemischer Verbreitung die Freude an der so wunderbaren Mathematik.

Am Schlimmsten ist wohl, dass unsere Schulen so ziemlich das Gegenteil einer demokratischen Institution abbilden. Wie gefährlich es ist, Demokratie nur aus Büchern zu lehren, während der gelebte Alltag von Leistungsdruck und Versagensängsten geprägt ist, das sollte uns spätestens der Blick auf die vielen zornigen Wutbürger, Aluhutträger und Rechtsaußenwähler zeigen. Wie die Psychologie weiß, kommen Gefühle, die in Kindheit und Jugend entstehen, vielfach erst in der zweiten Lebenshälfte zum Tragen. Und deshalb kann man dem letzten Satz des Aushangs, nachdem ihm noch Komma und Ergänzungen beigefügt wurden, durchaus zustimmen:

Liebe Eltern, wacht um Eurer Kinder und unserer freien Gesellschaft Willen endlich auf und setzt euch für eine zeitgemäße Schule ein!

Über den Autor
IMG_1051_klein.jpg

Thorsten Kerbs

Thorsten Kerbs ist als Psychologe tätig und in körperorientierter Psychotherpie ausgebildet. Er arbeitet für die Münchner Jugendämter und leitet das Nachhilfeinstitut Bayernnachhilfe.

Add a comment

Anmelden , um einen Kommentar zu hinterlassen.

Comments

Man könnte fast meinen Herr Kerbs hat den Zettel selbst geschrieben um uns mit seinen Weisheiten zu beglücken.
(Bearbeitet)
Klar. Aber bitte nicht weitersagen ... ;-)
Anonyme Botschaften und Aufrufe sind unvereinbar mit einer offenen und ehrlichen Kommunikationskultur innerhalb unserer Gemeinschaft. Ich richte daher meine Bitte an den anonymen Autor, diese Zettel (Anmerkung: hängt nicht nur am Dampfersteg) mit einem Kontakt zu versehen oder aber zu entfernen.
@Herr Kerbs: ein wichtiger Beitrag - Danke!
(Bearbeitet)
Feedback / Report a problem