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Wie Tutzings Käfer nach Basel kamen

Vor 25 Jahren wurde das Schweizer Eigentum an der Sammlung von Georg Frey nach langem Streit bestätigt

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Georg Frey

Ein bemerkenswertes Stück Tutzinger Historie ist das einstige Käfermuseum an der Beiselestraße. Auf dem Grundstück sind derzeit bauliche Veränderungen vorgesehen. Zwei Varianten gelten als möglich: entweder eine Erweiterung des aus den 1950er Jahren stammenden ehemaligen Museums oder der Neubau von drei Einzelhäusern.

Viele ältere Tutzinger werden sich angesichts dieser Planungen an die hitzigen Vorgänge um die berühmte Käfersammlung des Unternehmers Georg Frey (1902 bis 1976) erinnern. Was sich rund um sie in Tutzing abspielte, war wie ein Krimi. Über Jahre zogen sich die Auseinandersetzungen hin, bis das Naturhistorische Museum in Basel vor genau 25 Jahren in einem Rechtsstreit zum Eigentümer der Sammlung erklärt wurde - fast zwei Jahrzehnte nach Georg Freys Tod.

Der frühere Chef des Münchner Unternehmens Loden-Frey hatte annähernd drei Millionen Käfer-Exemplare aus aller Welt zusammengetragen und für sie in Tutzing das Museum errichtet. Mit großer Leidenschaft widmeten er und Experten wie der Schweizer Dr. Marcus Würmli ihnen dort viel Zeit. Sogar eine wissenschaftliche Schriftenreihe über Insektenkunde gab Frey heraus, die „Entomologischen Arbeiten aus dem Museum G. Frey“

Heftige Auseinandersetzungen über die Sammlung

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Barbara Frey

Freys Frau Barbara soll dafür allerdings weniger Verständnis aufgebracht haben. Nach dem Tod von Georg Frey kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Sammlung. Georg Frey selbst wollte sie der Zoologischen Staatssammlung in München überlassen - das hat er sogar testamentarisch verfügt. Doch sein Wunsch soll nicht testiert und damit nicht rechtsverbindlich gewesen sein.

Auch Streit mit der bayerischen Regierung gab es. Von ihr fühlte sich Alleinerbin Barbara Frey nicht gut behandelt. Sie schloss die Münchner Staatssammlung aus. Während Sohn Herbert Frey als Testamentsvollstrecker den Wunsch des Vaters erfüllen wollte, bot Barbara Frey die Käfersammlung weltweit an - nur nicht den Münchnern. Viel mehr angetan war sie vom Naturhistorischen Museum in Basel, das großes Interesse zeigte.

In der Schweiz wurde öffentliche Aufmerksamkeit für die Angelegenheit geschürt. Ein Verein „Käfer für Basel“ wurde gegründet. Sein Präsident wurde Michel Brancucci, der Leiter der Abteilung Entomologie - Insektenkunde - im Basler Museum. Mit Hilfe von Spendern brachte er zwei Millionen D-Mark für die Sammlung zusammen. Barbara Frey schenkte den Schweizern die Käfer und vermachte sie ihnen zusätzlich per Erbvertrag. Alles schien schon klar zu sein, der Abtransport aus Tutzing wurde vorbereitet.

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Für das Haus an der Tutzinger Beiselestraße, in dem Georg Frey einst Millionen Käfer gesammelt hat, gibt es bauliche Veränderungspläne

Ein denkwürdiger Polizeieinsatz in Tutzing verhinderte die Räumung des Museums

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So sah es früher in dem Tutzinger Museum aus

Doch als die Käfer abgeholt werden sollten, kam es zu einem denkwürdigen Polizeieinsatz - und die Räumung des Museums wurde verhindert. Der Kampf um die Käfer sorgte regelrecht für internationale Verwicklungen bis in höchste politische Kreise hinein. Bei der Basler Fasnacht 1988 bildeten die Käfer das zentrale Thema.

Unterdessen gab es in München Versuche, die Käfer als nationales Kulturgut einzustufen, um ihre Ausfuhr ins Ausland von einer ministeriellen Erlaubnis abhängig zu machen. Das führte zu kontroversen Diskussionen darüber, ob überwiegend aus dem Ausland stammende tote Insekten als nationales Kulturgut eingestuft werden können.

Das Bundesverwaltungsgericht bejahte diese Frage tatsächlich. Andere Gerichte bestätigten jedoch die Verfügungsberechtigung von Barbara Frey über die Käfersammlung.

Als die Schweizer nach Tutzing kamen, passte ihr Schlüssel nicht mehr

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Das Naturhistorische Museum in Basel

Alles war also recht widersprüchlich. Die Schweizer fühlten sich als Eigentümer der Käfer, durften sie aber nicht in ihr Land bringen. Das Spektakel nahm filmreife Züge an. Brancucci hatte von Barbara Frey einen Schlüssel des Tutzinger Museums erhalten - doch der passte nicht mehr, als der Schweizer im August 1992 in Tutzing war.

Jahrelang zog sich ein Rechtsstreit über die Gültigkeit des Leih- und des Erbvertrags hin. Schließlich siegte der Basler Verein 1995. Nun endlich war er rechtmäßiger Eigentümer der Käfer. Doch noch immer durfte er sie nicht aus Deutschland ausführen.

In dieser Phase kam die im äußersten Südwesten Deutschlands gelegene Stadt Weil am Rhein dem benachbarten Nationalmuseum jenseits der Grenze zu Hilfe. Sie stellte den Eidgenossen zwei Räume ihres „Museums am Lindenplatz“ zur Verfügung. Tatsächlich trafen die Kisten dort im Juli 1995 ein.

Noch zwei weitere Jahre dauerte es, bis die deutsche Bundesregierung im Oktober 1997 endlich die Ausfuhr genehmigte. Kurz darauf fuhren Lastwagen mit den Käfern durch Basel zum Museum, begleitet von einer Pfeifergruppe in Käfer-Kostümen der Fasnacht 1988.

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Schätze aus Freys Sammlung: (v.li.) Weiß gefleckter afrikanischer Fruchtkäfer, Golofa porteri, Goliathkäfer, Bockkäfer

Der Tutzinger Georg Frey ist in Basel hochgeschätzt

Im Nationalmuseum gehört die „Käfersammlung Frey“ seitdem zu den wichtigsten Exponaten. Nach einer Zählung enthält sie rund ein Viertel der heute etwa 370 000 bekannten Käferarten und -typen.

Die mehr als zwei Millionen präparierten Käfer sind auf rund 6700 Kästen verteilt. 16 440 Einträge in einer Datenbank betreffen allein Blattkäfer, gefolgt von Blatthorn-, Bock-, Schwarz-, Rüssel- und Laufkäfern. Als besonders kostbar geltende Prachtkäfer bringen es auf 4506 Einträge.

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Rund zwei Millionen Käfer bewahrt das Basler Museum in etwa 6700 Kästen auf © Fotos: Naturhistorisches Museum Basel / Gregor Braendli / L.G.
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Die meisten Exemplare stammen aus Afrika und Südamerika. Für bedeutsam halten Experten zum Beispiel farbenprächtige Rosenkäfer aus Afrika oder seltene Bockkäfer aus Papua Neu Guinea.

Der Tutzinger Georg Frey ist im Naturhistorischen Museum Basel hochgeschätzt. Seine Schriftenreihe über Insektenkunde wurde 2005 in die Zeitschrift „Entomologica Basiliensia“ integriert. Sie wurde umbenannt in „Entomologica Basiliensia et collectionis Frey“.

Die Familie Frey wohnt nach wie vor in Tutzing. Das einstige Tutzinger Museum aber, dessen Umbau nun bevorsteht, hat längst andere Eigentümer. Wer davor steht, sieht nichts, was an die Käfer erinnert.

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Die einst "Tutzinger" Käfer locken heute in Basel viele Besucher an. Rechts Eva Sprecher, ehemalige Kuratorin der Käfersammlung Frey, bei einer Führung © Fotos: Naturhistorisches Museum Basel / Gregor Braendli / EM2N / L.G.
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