Kultur
12.6.2021
Von vorOrt.news

Ein Tor sucht einen neuen Platz in Tutzing

Was hinter einer eigenwilligen Kunstausstellung mit mehreren Standorten in unserer Gemeinde steckt

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Blick aufs Boot: Am Tutzinger Seeufer scheint es diesem Tier zu gefallen. Mit einer "Schiffsnase" ist es quasi neu geboren - in seinem früheren Leben dienten seine Bestandteile wahrscheinlich als Möbel. © L.G.

„Dimension Door“ heißt eines von mehreren recht außergewöhnlichen Kunstobjekten, die neuerdings an ganz verschiedenen Stellen von Tutzing zu sehen sind - oder zumindest waren. Das Tor stand kurz auf der Ilkahöhe bei der kleinen Kirche St. Nikolaus und ist schon wieder verschwunden. Es habe wieder abgebaut werden müssen, weil es sich zu nah bei der Kirche befunden habe, sagt die Organisatorin der Ausstellung, Sinem Arslan. Doch im Restaurant nebenan und auf dessen Terrasse stellen die Akteure kleine Skulpturen, Gemälde und Fotografien aus. „Für das Tor suchen wir einen tollen neuen Platz“, so Sinem Arslan: „Falls jemand zündende Ideen hat - immer her damit!“ Damit könne ein wanderndes Tor Geschichte schreiben, fügt sie augenzwinkernd hinzu.

Die recht ausgefallenen Objekte sorgen derzeit in Tutzing für einiges Aufsehen. Sie stammen von einem Berliner Künstlerkollektiv namens „Pegasus Product“. Ein merkwürdiges Tier mit einer langen Nase steht beispielsweise direkt am Seeufer in der Nähe des Nordbads. Ein weiterer der Standorte ist „Marie’s Happy Food Café“ in der Greinwaldstraße 2. Es handelt sich um Kunstobjekte mit Hintergrund: Die Gruppe verwendet Material von auf der Straße entsorgten Möbeln zur Herstellung neuer Gegenstände - ein Comeback der besonderen Art. „Heute gibt es mehr Müll denn je - aus Stoffen, die länger denn je überdauern können“, so beschreiben die Organisatoren die Idee: „Was von einer Zivilisation übrig bleibt, sofern sich Zugang verschafft werden konnte, ist meistens, wofür es kein Interesse gab, was nicht gebraucht werden konnte, was wertlos war.“ So könne eine Sperrmüllsammlung an jeder Straßenecke eine Spur und eine Momentaufnahme darstellen.

Die Organisatoren entfachen Kunstbegeisterung in Tutzing

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Pegasus verwandelt Tutzing in einen mythischen Garten © Einladung zur Ausstellung bei Marie's Happy Food and Drinks

Sinem Arslan hat 2011 in Tutzing Abitur gemacht, seitdem ist sie weit herumgekommen. Die 30-jährige gebürtige Kölnerin, die in Andechs aufgewachsen ist, hat eine Weile in Istanbul gelebt und dort schon Ausstellungen organisiert, später hat sie in Hamburg in einer Galerie auf St. Pauli ein Praktikum absolviert. Nach einer Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau wurde sie am Gasteig Projektleiterin für Konzerte, Theater und Festivals, parallel dazu begann sie an der Münchner Universität mit dem Studium der Kunstgeschichte. Seit einem Monat ist sie außerdem Vorstand in dieser Baugenossenschaft „Bauimpuls“ in Starnberg mit dem Thema „Wohnen für alle“. Sie kümmert sich dort um soziale Kunst. Ihr Traum aber ist das Kuratieren von Ausstellungen - und damit hat sie nun in Tutzing begonnen. Sie will „Kunst zugänglich für alle gestalten, grenzübergreifend, festgefahrene Muster lockern“ - in der Überzeugung, dass jeder ein Kunstverständnis hat und auf irgendeine Art und Weise einen Zugang finden kann. „Vielleicht schaffe ich es auch, eine gewisse Berührungsangst aufzulockern“, sagt sie.

Die Ausstellung mit den Tutzinger Außeninstallationen kam auf Einladung der Inhaber von Marie’s Happy Food Café zustande. Im Künstlerkollektiv Pegasus Product hat Sinem Arslan Gleichgesinnte wie Anton Peitersen, Dargelos Kersten und Gernot Seeliger gefunden. Auch in Tutzing haben die Organisatoren offenkundig Kunstbegeisterung entfacht, so bei Nico, Gitti und Klaus Greif vom Nordbad. Dort hat Gernot Seeliger vor einigen Jahren schon einmal Kunstwerke gezeigt.

Dass für die neue Tutzinger Ausstellung ganz verschiedene Standorte gewählt wurden, beeinflusste wiederum die Kunstobjekte. So ist die „Schiffsnase“ in Verbindung mit dem Ufer beim Nordbad entstanden, wie Sinem Arslan erzählt. Sie verfügt bisher noch nicht über eigene Räumlichkeiten - so kam es zur Idee mit mehreren Ausstellungsflächen. Irgendwann will sie aber doch einen festen Standort hinzunehmen. „Er darf auch in einer Stadt liegen“, sagt sie, „das wäre gerade ein Modell für mich, das ich mir sehr gut vorstellen kann.“ Stadt und Land auf diese Art zu verbinden, sei ihr ein persönliches Anliegen: „Mich nicht zwischen dem dynamischen, städtischem Kulturleben und meiner ländlichen Heimat entscheiden zu müssen, das bedeute mir viel.“ Aber auch, wenn sie eines Tages über einen festen Standort verfügt, will sie am Konzept mit einer Reihe von Flächen dennoch festhalten. Dafür darf die Tutzinger Ausstellung nun sozusagen als Pilotprojekt gelten. Doch die Überlegungen reichen schon weiter. Für die Starnberger Baugenossenschaft will Sinem Arslan nach Möglichkeit in zwei Jahren eine Galerie mitten im Münchner Museumsviertel gegenüber dem Brandthorst-Museum eröffnen. Das könnte dann ein zweiter Standort neben Tutzing/Land werden, sagt sie: "Wir stecken noch in den Vertragsverhandlungen."

Weitere Informationen zu Pegasus Product und Beispiele der Arbeit unten im pdf.

In Tutzing gibt es zurzeit auch einen Hausmarkt mit dem Ansatz "aus alt mach neu":
Aus Alt macht Neu-Kunstwerke

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