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Überraschung bei den Tutzinger Grünen

Die langjährige Gemeinderätin Christine Nimbach nur auf Platz fünf der Gemeinderatsliste

Der über lange Zeit recht kleine Ortsverein der Grünen in Tutzing ist in jüngerer Zeit deutlich gewachsen. Etliche neue Mitglieder haben sich auch spontan bereiterklärt, sich für die Gemeinderats-Kandidatenliste aufstellen zu lassen. Das führt zu einem kräftigen personellen Wechsel - und den hat besonders Christine Nimbach zu spüren bekommen, die dem Tutzinger Gemeinderat seit bald 24 Jahren angehört. Aber bei der Aufstellungsversammlung für die Gemeinderatsliste 2020 im Gasthaus "Tutzinger Hof" musste sie erst einmal ein paar Rückschläge verkraften.

Ganz früh war sie Mitte der 1990er Jahre beim Ortsverein dabei, der bald sein 25jähriges Bestehen feiern kann. Drei Amtsperioden, von 1996 bis 2014, hat sie die Tutzinger Grünen völlig allein im Gemeinderat vertreten, seit 2014 ist Bernd Pfitzner ihr Partner. Bei der Aufstellungsversammlung hat Christine Nimbach zusammen mit zwei anderen Bewerberinnen - Flora Weichmann und Heike Dewitz - für Listenplatz eins kandidiert. Und da erhielt Nimbach gerade mal zwei Stimmen - eine tiefe Enttäuschung für sie.

Auf Platz eins gewählt wurde die 36 Jahre alte Flora Weichmann, die seit zwei Monaten auch gemeinsam mit Tyll Gundermann das Ortsprecher-Duo der Tutzinger Grünen bildet. Auf Platz zwei kam dann im Zuge des bei dieser Partei üblichen Wechsels zwischen "Frauenplatz" und "offenem Platz" mit klarer Mehrheit Bernd Pfitzner. Christine Nimbach kandierte für Platz drei wieder, aber auch da klappte es nicht - gewählt wurde Heike Dewitz. Dann gab es wieder einen offenen Platz, den erreichte Michael Ehgartner. Für Platz fünf bewarb sich Christine Nimbach abermals - endlich mit Erfolg: Sie bekam alle Stimmen. Und da gab sie sich schon wieder ganz zuversichtlich: „Ich baue auf die Tutzinger, dass sie mich wie in den letzten Jahren wieder in den Gemeinderat wählen.“

Die Gemeinderatsliste der Tutzinger Grünen

1. Flora Weichmann
2. Bernd Pfitzner
3. Heike Dewitz
4. Michael Ehgartner
5. Christine Nimbach
6. Clemens Mattheis
7. Patricia aus dem Siepen (Kampberg)
8. Tyll Gundermann (Kamperg)
9. Nicole Bercher von Jordan
10. Eberhard Möller
11. Karina Mayer (Traubing)
12. Markus Roepke (Traubing)
13. Alejandra Sierra-Raab
14. Max Mayer (Diemendorf)
15. Ninon Ballerstädt
16. Johannes Schweinberger
17. Sabine Mieth (Diemendorf)
18. Thorsten Kerbs
19. Vera Brisslinger
20. Timo Burmeister

Ersatz:
Magdalena Roepke
Rene Turudic
Christine Adler
Richard Brisslinger

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© L.G.

"Eine realistische Chance" sehen (von links) Landratskandidatin Martina Neubauer, Eberhard Möller, Karina Mayer, Bernd Pfitzner, Johannes Schweinberger, Heike Dewitz, Christine Nimbach, Max Mayer, Flora Weichmann, Ninon Ballerstädt, Michael Ehgartner, Patricia aus dem Siepen, Clemens Mattheis, Nicole Bercher von Jordan, Markus Roepke und Tyll Gundermann.

Ziel: Verdopplung auf vier Gemeinderatsmandate

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Zwei Landratskandidaten in Tutzing: Bernd Pfiitzner (2014) und Martina Neubauer (2020) © L.G.

Die Aufstellungsversammlung spiegelte viel Änderungswillen und auch Motivation für kommunalpolitisches Engagement wider. „Ich freue mich auf den Wahlkampf“, sagte der 40 Jahre alte Michael Ehgartner: „Ich habe Lust, rauszugehen, an den Haustüren zu klingeln und die Leute zu überzeugen, dass sie ihr Kreuz bei den Grünen machen.“

Einige der Kandidaten haben sich recht kurzfristig zu kommunalpolitischem Engagement entschlossen, einige standen solchen Aktivitäten auch früher nicht unbedingt positiv gegenüber. „Ich war immer skeptisch gegenüber einer Gemeinderatskandidatur“, bekannte Tyll Gundermann, der sich intensiv mit Meteorologie befasst und als Unternehmer Bauobjekte als Werbeflächen vermarktet. Acht Wochen nach seiner Wahl zum Ortssprecher aber zeigt er sich begeistert von dieser neuen Aufgabe: „Sie ist mein Hobby geworden.“

Für die Liste habe es mehr Interessenten als Plätze gegeben, sagte Gundermann, der den Tutzinger Bevölkerungsquerschnitt mit verschiedensten Berufen und fast allen Generationen „ziemlich gut repräsentiert“ sieht. Flora Weichmann kündigte „viel Schwung“ für den Wahlkampf an und nannte zuversichtlich das Ziel: „Vier Sitze im Gemeinderat.“

Basis für den Wahlkampf und die Gemeinderatsarbeit soll ein Wahlprogramm mit folgenden Themen sein:
- Bezahlbares Wohnen und Einführung von Genossenschafts-Bauprojekten
- Klimaschutz und Energiewende in Tutzing
- Stärkung des Umwelt-, Natur- und Artenschutzes in Zusammenarbeit mit den Landwirten
- Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs mit neuer Taktgebung für alle Ortsteile
- Zusätzliche Anbindung der Ortsteile durch Einrichtung von Wartebankerln und Fahrgemeinschaften
- Verkehrswende hin zu gleichberechtigten Verkehrsteilnehmern von Fußgängern, Fahrrad- und Autofahrern
- Neugestaltung der Hauptstraße in Tutzing - hin zu einer lebenswerten Ortsgestaltung.

Landratskandidatin Martina Neubauer, die an der Versammlung teilnahm, gratulierte den Tutzinger Grünen zu ihrer Entwicklung in den vergangenen Monaten und zu ihrer Gemeinderatsliste. Die Ausgangsposition der Partei im gesamten Landkreis bezeichnete sie als hervorragend. Dies sei durch jahrzehntelange gute Arbeit in den kommunalen Gremien erreicht worden. Sie gab sich überzeugt: „Wir haben die realistische Chance, nicht nur die Anzahl unserer Mandate in den Gemeinden und dem Kreistag wesentlich zu erhöhen, sondern auch den einen oder anderen Bürgermeistersessel sowie das Landratsamt zu gewinnen.“

Fairer Handel, ökologisches Bauen, Carsharing

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Viel Gesprächsstoff gab es bei der Versammlung im Tutzinger Hof © L.G.

Der 51 Jahre alte Pfitzner, der selbst 2014 Landratskandidat war, erzählte von seinem Einzug in den Tutzinger Gemeinderat 2014: „Damals war ich der Zweitjüngste, heute bin ich der Viertjüngste, zwei Nachrücker sind jünger.“ Seinen Eindruck vom Gemeinderat schilderte er so: „Die alten Herren, die sagen: Das hamma noch nie so gemacht, da könnte ja jeder kommen.“ Ihm sei es trotzdem gelungen, „grüne Farbtupfer zu setzen“. Photovoltaik-Anlagen auf dem Gymnasium, der Grundschule Traubing und dem Rathaus nannte er beispielhaft, eine energetische Untersuchung aller kommunalen Gebäude, das am Bahnhof platzierte Carsharing-Auto oder - gemeinsam mit Toni Aigner von den Freien Wählern beantragt - einen finanziellen Startschuss für Radständer am Bahnhof. Ebenso offen verwies er auf erfolglose Anträge, so für eine kommunale Wohnbaugesellschaft. Mit mehr grünen Gemeinderäten in der nächsten Periode hofft er auf stärkere Durchsetzung grüner Vorhaben. An der Hauptstraße, versprach er, werde er „für jeden Zentimeter kämpfen“, um die Aufenthaltsqualität zu steigern.

Engagiert stellten die Kandidaten ihre Spezialgebiete, Ideen und Wünsche vor. Wohnen und Verkehr sind für Flora Weichmann Schwerpunkte, und sie will daran mitarbeiten, dass beim eingeleiteten Wandel des Gymnasiums alles „gut über die Bühne geht“. Heike Dewitz (Platz 3) engagiert sich schon lange für den fairen Handel, den sie in Tutzing auch gern auf faire Kleidung ausdehnen würde. Sie leitet den Weltladen an der Hauptstraße, war im Pfarrgemeinderat und hat die Frauengruppe mit organisiert. Frauen müssten mehr in der Kommunalpolitik auftreten, sagte sie. Ökologisches Bauen gehört zu den Anliegen von Christine Nimbach. Sie bedauerte, dass sie sich mit ihrer Forderung nach Reduzierung der Parkplätze beim Neubau des Verbands Wohnen am Kallerbach nicht durchgesetzt hat. Mehrere Carsharing-Plätze, meinte sie, wären dort sinnvoller gewesen.

Kritik an 600 Quadratmetern Mindestgröße für Einfamilienhaus-Grundstücke

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Zuversicht gab's auch vom Plakat © L.G.

Eine Reihe von Themen spielte in den Ausführungen immer wieder eine Rolle. So bezahlbarer Wohnraum: Für manche Familien sei es nicht mehr möglich, in Tutzing zu wohnen, kritisierte Heike Dewitz. Christine Nimbach sprach sich für eine Erfassung von Leerständen aus. Sie erwähnte beispielhaft ein großes leerstehendes Gebäude in Diemendorf. Michael Ehgartner ist auch als Initiator einer Wohnbaugenossenschaft für Tutzing bekannt geworden. Er war beruflich schon mit etlichen Immobilienthemen befasst: „Ich war Makler und Bauträger, zurzeit arbeite ich als Sachverständiger in einem Immobilienbewertungsbüro in München.“ In Tutzing liege beim Wohnen „ein bisserl was im Argen“, kommentierte er. Kritisch beurteilte er die in der Ortsbausatzung verlangte Mindestgröße von 600 Quadratmetern für ein Einfamilienhaus-Grundstück: „Wenn ich soviele Vorgaben mache, wird das Wohnen noch teurer.“ Tutzing solle nicht verstädtern, doch eine Nachverdichtung in vernünftigem Rahmen sei sinnvoll. Zu oft vorgebrachten Gegenargumenten sagte er: „Ich glaube, die Älteren haben noch Tutzing als Dorf im Kopf.“ Und tatsächlich werde ja groß gebaut, „aber oft nicht schön“.

Vom Fach ist auch Eberhard Möller, der Architektur, Bauingenieurwesen und Denkmalpflege studiert hat und als Professor an der Hochschule in Karlsruhe ein Kollege des für Tutzing tätigen Stadtplaners Florian Burgstaller ist. Er habe sich beruflich unter anderem mit genossenschaftlichem Wohnen befasst, berichtete er, aber „leider“ auch mit einem Parkhaus: „Ich brauchte das Geld.“ Von der Kirche bis zum Sport im TSV ist Möller vielseitig engagiert, unter anderem als Abteilungsleiter für Volleyball und als Fußballtrainer.

"Es ist gruselig, wie die Kinder zwischen den Autos rumlaufen"

Ein wichtiges Thema war bei der Versammlung auch der Verkehr. Als „grauenhaft“ bezeichnete ihn Heike Dewitz: „Es ist gruselig, wie die Kinder morgens zwischen den Autos rumlaufen.“ Immer wieder wurde Gleichberechtigung für Autos, Radfahrer und Fußgänger angemahnt. Eberhard Möller, der Stadt- und Verkehrsplanung als eines seiner Lieblingsgebiete bezeichnete, zitierte kopfschüttelnd aus einem Schreiben des Landratsamts, der Fußgänger müsse sich nach dem Kfz-Verkehr richten. Möller hatte sich unter anderem intensiv und letztlich erfolgreich - gegen Widerstände des Landratsamts - für Tempo 30 vor den Schulen eingesetzt. Aber auch die Interessen der Gewerbetreibenden müssten einbezogen werden, mahnte Clemens Mattheis. Er plädierte ausdrücklich für eine Vereinbarung von Ökologie und Ökonomie: „Es ist wichtig, keine Luftschlösser zu bauen.“ Zur Traubinger Straße sagte Mattheis: „Krass, wie da gefahren wird.“ Die Gehsteige seien zu schmal, die Hecken würden mancherorts nicht geschnitten, so dass „die Hälfte des Gehwegs weg“ sei.

Etliche weitere Themen kamen zur Sprache. Mehrere Mitglieder plädierten für ein „Repair-Café“ in Tutzing, in dem Könner ehrenamtlich schadhafte Geräte instandsetzen. Zu kurz kommen nach Meinung etlicher Grüner in Tutzing auch andere Konzepte. So das Ausleihen von Werkzeugen („Tool-sharing“), das „Mitfahrbankerl“, um Menschen ohne Auto Mobilität zu ermöglichen oder der Trend „Urban Gardening“ mit ideenreichen gärtnerischen Konzepten in Siedlungsgebieten.

Die Biologin Patricia aus dem Siepen hat sich nach Tätigkeiten in der Pharmaindustrie mit Gartenberatung und -coaching selbstständig gemacht. „Blumenwiesen sind schön, aber mir reicht es nicht“, sagte sie. Gerade private Gärten sieht sie als „ökologische Nischen“, die genutzt werden müssten.

Ninon Ballerstädt erzählte, dass sie sich schon in den 1990er Jahren erfolgreich mit für die Abschaffung der öffentlichen Mülltonnen in Tutzing eingesetzt habe: „Ein paar ewig Gestrige haben sie dann wieder aufgestellt.“ Die promovierte Geowissenschaftlerin ist vielen Bürgern als „Vogelmutter“ bekannt, die ihre Patienten mit unendlicher Mühe und Geduld aufpäppelt. Wenn sie im Würmseestadion regelmäßig Mauersegler in die Freiheit starten lässt, ist das meist für viele begeisterte Zuschauer ein Erlebnis.

Früher bei der CSU, heute bei den Grünen

Der Jurist Mattheis meinte, einer mit Rechtskenntnissen bei den Grünen „würde nicht schaden“ im Gemeinderat. Die Versammlung spiegelte auch durchaus manchen politischen Richtungswechsel wider. Michael Ehgartner beispielsweise erzählte: „Ich habe politisch bei der CSU angefangen, mit 22 Jahren als jüngster Gemeinderat.“ Er wisse, wie die CSU arbeite, fügte er hinzu: „Die stellen uns Grüne immer als nicht wählbare Leute hin, die Socken stricken und Steine schmeißen.“ Er schaute sich um und sagte: „Ich sehe aber die nicht wählbaren Typen nicht - wir sind ganz engagierte Leute mit Familien, die etwas machen wollen.“

Auch Themen der Tutzinger Ortsteile kamen zur Sprache. Markus Roepke nannte den stillgelegten Langen Weiher in Deixlfurt „ein Jahrhundertthema.“ Zum neuen Kindergarten in der ehemaligen Bank führe kein Gehweg: „Die Kinder aus dem südlichen Ortsteil laufen zwischen den parkenden Autos hin und her.“ Und Traubing sei trotz der stündlichen Busverbindung 958 nach Andechs immer noch schlecht angebunden. Er müsse jeden Morgen mit dem Auto nach Feldafing zur S-Bahn fahren: „Da gibt es keinen Bus und keine Mitfahrbank.“ Flora Weichmann erwähnte das Ziel, den neuen Bus 978 statt seiner langen stündlichen Wartezeit am Bahnhof zu weiteren Plätzen fahren zu lassen. Nach Traubing werde er es aber wahrscheinlich nicht schaffen.

Quelle Titelbild: L.G.
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