Von vorOrt.news

Verkauf des Bahnhofs: Satzungen beschlossen

Deutsche Bahn sichtet eingegangene Angebote - Preise für Bahnhöfe sehr unterschiedlich

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Bahnhof Tutzing: Kaufangebote scheinen eingegangen zu sein - die Bahn teilt jedenfalls mit, dass sie derzeit "gesichtet" werden

Die im Bieterverfahren um das Tutzinger Bahnhofsgebäude und den Bahnhofsvorplatz eingegangenen Kaufangebote werden nun erst einmal „gesichtet“. Das hat eine Sprecherin der Deutschen Bahn auf Anfrage von vorOrt.news mitgeteilt. Die Gemeinde Tutzing versucht unterdessen, ihre Interessen zu wahren.

Ein Vorkaufsrecht für den Bahnhof hat die Gemeinde zunächst nicht, wie ein Jurist kürzlich im Gemeinderat mitgeteilt hat. Doch zwei eigens hierfür erlassene Satzungen sollen dennoch Möglichkeiten schaffen. Der Bau- und Ortsplanungsausschuss des Gemeinderats hat diese Satzungen gestern einstimmig beschlossen.

In ihrem Verkaufsexposé hatte die Deutsche Bahn erklärt: „Der Verkauf erfolgt gegen Höchstgebot.“ In welchen Preisbereichen sich die eingegangenen Angebote bewegen, dazu macht sie bisher keine Angaben. „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu weiteren Details von Immobilienverhandlungen und -gesprächen nicht äußern“, so die Sprecherin der Bahn.

Es gibt Bahnhöfe für 1000 Euro und für 600 000 Euro

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Bei den aktuellen Diskussionen geht es auch um die Zukunft des Bahnhofsvorplatzes

Der Preis wäre auch für die Gemeinde das eingegangene Höchstgebot, falls sie ein Vorkaufsrecht geltend machen könnte. Durchschnittlich lag der Preis je Bahnhof zuletzt bei rund 66 000 Euro. Dieser Wert ergibt sich rechnerisch, wenn man die Verkäufe von etwa 2250 Bahnhöfen im Zeitraum zwischen 1999 und 2019 zugrundelegt. Bei diesen Verkäufen hat die Deutsche Bahn insgesamt etwa 150 Millionen Euro eingenommen, wie aus einem 2019 erschienenen Bericht der Zeitung „Welt am Sonntag“ hervorgeht. Die Gesamtfläche dieser Verkäufe wurde mit 3,5 Millionen Quadratmetern angegeben.

Die Spannweite der Preise für Bahnhöfe ist allerdings groß. Ein „ehemals stark sanierungsbedürftiges teil ruinöses Bahnhofsgebäude“ steht für 1000 Euro Mindestgebot auf der Webseite von DB Immobilien. Der Lehrberger Bahnhof im Landkreis Ansbach ist in diesem Jahr bei einer Online-Auktion für 105 000 Euro versteigert worden, nachdem ein Mindestgebot von 9000 Euro festgesetzt worden war. Andere Bahnhöfe gab oder gibt es für 29 000 Euro (Oderwitz/Sachsen), 72 900 Euro (Tharandt/Sachsen), 199 000 Euro (Freden an der Leine in Niedersachsen), 289 000 Euro (Emmerthal in Niedersachsen und Oberaula in Nordhessen) oder für 600 000 Euro (Apolda/Thüringen).

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Wundersame Verteuerung des Penzberger Bahnhofs

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Bahnhof Tutzing, Bahnhofsvorplatz, "alte Post" und Pavillon sind Bestandteile der Erhaltungs- und der Vorkaufssatzung

Gelegentlich scheinen Bahnhöfe zu Spekulationsobjekten zu werden. Aus solchen Gründen gab es beispielsweise vor ein paar Jahren Aufsehen in Penzberg: Die Stadt hat den dortigen Bahnhof für 420 000 Euro gekauft, nachdem die Bahn ihn vier Jahre zuvor für rund 180 000 Euro an einen Münchner Unternehmer veräußert hatte.

Käufer von Bahnhöfen sind nach dem Bericht der Welt am Sonntag Kommunen ebenso wie Privatpersonen. Ein „Paket“ von sage und schreibe tausend Bahnhöfen hat nach dem Zeitungsbericht vor Jahren ein einzelner Interessent erworben.

Genutzt werden die früheren Bahnhöfe für unterschiedlichste Zwecke. Hier werden sie für Wohnungen verwendet, dort für Standesämter, anderswo für Künstlerateliers oder für Kindergärten. Die Sanierung und den Umbau von Bahnhöfen betreiben die jeweiligen Akteure nicht selten mit Leidenschaft.

Verfallene Gebäude und "Geisterbahnhöfe"

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Im Erdgeschoss des Gebäudes befinden sich betriebsnotwendige technische Einrichtungen der Bahn, die auch weiterhin benötigt werden - so steht es im Verkaufsexposé

Trotzdem waren die Erfahrungen nach den Verkäufen von Bahnhöfen nicht immer die besten. „Viele davon sind nun vernagelt und verfallen – und zu Geisterbahnhöfen geworden“, schrieb die Welt am Sonntag, „vor allem auf dem Land.“ Die Bahn sei inzwischen selbst mit dem Ergebnis der Bahnhofsverkäufe nicht mehr ganz glücklich. Vor allem mit den Konzepten des Großinvestors habe man „keine gute Erfahrungen gemacht“. in einigen Fällen entschloss sich die Bahn sogar, die Bahnhöfe wieder zurückzunehmen - schon, um die Substanz der Gebäude zu sichern.

Verfallene ehemalige Bahnhöfe, besonders in den Ortskernen, gelten als Problem für die Kommunen - und für die Bahn sind sie nicht gerade eine Werbung. Sie hat inzwischen einige Milliarden Euro in die Instandhaltung und Modernisierung der noch bestehenden knapp 5400 Bahnhöfe gesteckt.

Komplett aufgegeben hat die Bahn seit 2001 etwa 300 Bahnhöfe. An den entsprechenden Strecken ist meist auch der Schienenverkehr eingestellt worden. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums sind seit der so genannten Bahnreform 1994 rund 5400 Kilometer bestehende Schienenwege stillgelegt worden.

Klärung der Nutzungsmöglichkeiten ist "Sache des Erwerbers"

Die Gemeinde Tutzing möchte das Bahnhofsgebäude und den Bahnhofsvorplatz weiterhin der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Das Ensemble des Bahnhofsgebäudes mit dem Gebäude der „alten Post“, das als städteplanerisch und historisch bedeutsam bezeichnet wird, soll erhalten werden. Diesem Zweck soll die „Erhaltungssatzung“ dienen.

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Die Ankündigung auf dem Werbeschild passt - aber was hier genau entstehen wird, ist noch offen. Feststehen dürfte immerhin, dass weiter Züge verkehren werden. © Fotos: L.G.

Die Bahn selbst hat zu den denkbaren künftigen Nutzungsmöglichkeiten im Exposé erklärt: „Es ist Sache des Erwerbers, die - auch bauplanungsrechtliche - Zulässigkeit der von ihm beabsichtigten zukünftigen Nutzung des Objekts, unabhängig von den im Exposé getroffenen Aussagen, mit den zuständigen Behörden zu klären.“

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