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Blicke auf das Tutzing von morgen

Zwischen Bahnhof und Hauptstraße wird Vieles neu - doch die Historie schimmert überall durch

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Das alte Hotel Simson war ein Magnet in Tutzing © Archiv Gernot Abend

Vieles wird neu in Tutzing. Das wird jetzt gerade im Bahnhofsviertel und weiter bis hinunter zur Hauptstraße immer deutlicher. Wer genau hinschaut, spürt dabei, wie überall die reichhaltige Historie durchschimmert. So etwa beim schon weit gediehenen neuen "Hotel Simson": So nennen seine Initiatoren den extravaganten Dreiecksbau an der Bräuhausstraße respektvoll in Erinnerung an das frühere Hotel gleichen Namens an diesem Standort. Alle möglichen neuen Überlegungen werden auch immer wieder mal für das Bahnhofsgebäude ins Gespräch gebracht. Würde es sich, falls es die Bahn verkaufen sollte, für eine öffentliche Nutzung, beispielsweise die Gemeindebücherei, eignen?

Auf die Eröffnung des Tutzinger Bahnhofs 1865 waren schon seinerzeit wichtige Entwicklungen gefolgt. Dem Bau der Bahnstrecke folgte bald das "Gasthaus zur Eisenbahn". Aus ihm entstand zehn Jahre später mit umfangreichen baulichen Veränderungen das "Hotel Simson", das um die Jahrhundertwende zum eleganten Magneten und zum Inbegriff der Sommerfrische wurde. Nach Nutzungen als Verwaltungslager der Nationalsozialisten, Mädchenschule, Reservelazarett und Flüchtlingsquartier in den Jahren 1936 bis 1946 zog das Unternehmen Boehringer Mannheim ein, das dann über Jahrzehnte nicht nur diese Ecke von Tutzing, sondern das gesamte Leben in der Gemeinde mit prägte. Der alte Hotelbau wurde dabei bis zuletzt mit genutzt.

Für ein paar Jahre kam dann noch der Schweizer Roche-Konzern nach Tutzing, der Boehringer Mannheim 1997 übernommen hat. Seine Verantwortlichen erklärten zunächst, am Standort Tutzing festhalten zu wollen, kündigten aber nur zwei Jahre später die Schließung dieses Werks an. Schon Boehringer Mannheim hatte sich lange vorher mehr nach Penzberg orientiert, nachdem aus früheren Plänen für einen Werksneubau in Tutzing nichts geworden war.

Zwischen Bahnhof und Hauptstraße wird sich Tutzings Charakter deutlich wandeln

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Das neue Hotel Simson (links) ist schon weit gediehen. Daneben "Lakeside-Living" und "FourSite" (rechts). © L.G.

Das alles ist lange vorbei. Nachdem Roche Tutzing Ende 2001 komplett verlassen hatte, scheiterten über Jahre alle möglichen Pläne für eine neue Nutzung. Das alte Industriegelände lag über viele Jahre brach. Mittlerweile aber tut sich dort was. Passanten erkennen das an Bauarbeiten, Besucher von Gemeinderatssitzungen erfahren immer wieder mal ein paar Neuigkeiten über den Stand der Dinge, so dieser Tage im Bau- und Ortsplanungsausschuss. Da ging es um ein paar Veränderungen an den betreffenden Bebauungsplänen, aber größere Diskussionen gab es nicht.

Immer mehr tritt nun zu Tage, wie sich der Charakter von Tutzing im Gebiet zwischen dem Bahnhof und der Hauptstraße in deutlichem Wandel befindet. Begonnen hat diese Entwicklung schon vor Jahren mit der Wohnsiedlung „Lakeside Living“ und dem großen Gewerbekomplex „FourSite“, in dem sich der Drogeriemarkt Rossmann befindet. Nun wird die sich abzeichnende weitere Entwicklung mehr und mehr erkennbar. Das neue Hotel Simson ist schon weit gediehen, und bald werden wohl auch die Arbeiten am zweiten Teil des künftigen Gebäudequintetts beginnen, einer ebenfalls in ausgefallener Form geplanten Zentrale für das IT-Unternehmen Lobster, das von seinem heutigen Sitz in Pöcking wieder an seinen Gründungsort Tutzing zurückkehren will.

Für die drei weiteren vorgesehenen Gebäude auf dem einstigen Industriegelände sind noch keine konkreten Pläne bekannt. Dafür soll es aber mit recht bedeutsamen Neubauten weiter unten an der Bahnhofstraße zügig weiter gehen. Damit steht auch dieses Areal mit tiefen historischen Wurzeln in Tutzing vor einem bedeutsamen Wandel.

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So soll die künftige Zentrale des IT-Unternehmens Lobster an der Ecke Bahnhof-/Bräuhausstraße aussehen © Twiehaus Architekten und Ingenieure, Tutzing
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Blick aufs Tutzing von morgen: Links Lakeside-Living und FourSite, in der Mitte das neue Hotel Simson, dahinter Lobster, rechts weitere künftige Bauten und ganz rechts das Krankenhaus © ehret + klein Projektentwicklung, Starnberg

Neubauten auch am Kloster und am Krankenhaus

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Ein wichtiger Teil von Tutzing sind Kloster und Krankenhaus. Auch dort wird es bedeutsame Veränderungen geben. © L.G.

Die Ursprünge des Klosters reichen weit zurück. Schwestern, die benediktinischen Klosterleben und Mission in Einklang bringen wollten, kamen nach Tutzing, nachdem sie zunächst unter schwierigen Bedingungen im oberpfälzischen Reichenbach und dann in Emming - heute St. Ottilien - gelebt hatten.

1887 gründeten sie in Tutzing zunächst eine kleine Gemeinschaft. Im selben Jahr wurden die ersten Missionarinnen und Missionare nach Ostafrika gesandt. Später wurde auf der Tutzinger Wiese ein großes Konventgebäude errichtet. Für die Schwestern begann damit die Selbstständigkeit. Heute sind die Tutzinger Missions-Benediktinerinnen weltweit engagiert.

Das von ihnen über lange Zeit betriebene Tutzinger Benedictus-Krankenhaus haben sie vor Jahren an die Artemed-Gruppe übergeben. Sein Vorläufer war 1945 bei Weltkriegsende entstanden. Die Missions-Benediktinerinnen hatten auf Drängen der Besatzer ein Lazarett im Klostergebäude eingerichtet, das nach dem Krieg in ein Allgemeinkrankenhaus umgewandelt und mit Erfolg weitergeführt wurde.

Nach 62 Jahren unter ihrer Führung übergaben die Missions-Benediktinerinnen das Krankenhaus 2007 an die expansive Artemed-Klinikgruppe, die bundesweit aktiv ist und von Tutzing aus geleitet wird. Sie will das Krankenhaus nun so schnell wie möglich erweitern, und zwar um eine neue Notaufnahme, eine neue Intensivstation und ein neues Dialysezentrum.

Unabhängig vom Krankenhaus gibt es auch beim Kloster eine Neuplanung: Die bisherige Turnhalle soll durch einen Neubau ersetzt werden (im Bild oben rechts). Hierfür laufen Planungen beim Schulwerk der Diözese Augsburg, das wegen der Benedictus-Realschule auf der anderen Seite der Hauptstraße zuständig ist.

Von der Bahnhofstraße soll künftig eine neue Zufahrt abzweigen

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Etwa auf Höhe des noch stehenden Altbaus von Boehringer-Mannheim (links) soll die neue Zufahrt von der Bahnhofstraße abzweigen. © L.G.

Für den Tutzinger Gemeinderat sind all diese Planungen ein Dauerthema. Vieles ist schon teils öffentlich, teils nicht öffentlich intensiv behandelt worden. Dieser Tage hatte sich sein Bau- und Ortsplanungsausschuss wieder mit einigen Änderungen zu befassen. Unter anderem soll das Lobster-Gebäude wegen eines Fluchtwegs etwas höher werden als bisher geplant, auch seine Tiefgarage soll größer ausfallen.

Fest steht auch schon der Bau einer neuen Erschließungsstraße. Sie wird von der Bahnhofsstraße zur künftigen Notaufnahme und zur geplanten Intensivstation führen. Außerdem soll von ihr die Einfahrt zu einer Tiefgarage abzweigen, die unter den weiteren geplanten Neubauten auf dem ehemaligen Roche-Areal geplant ist.

Im Ausschuss gab es zufriedene Äußerungen über diese Lösung, besonders, weil die Tiefgarageneinfahrt nicht direkt von der Bahnhofstraße abzweigen wird. Doch zu längeren Diskussionen führen all diese Details nicht mehr. Die Dinge gehen ihren Weg. Bei drei Teilplänen - zwei fürs Ex-Roche-Gelände, einen fürs Kloster-Gelände - gab es nach relativ kurzer Aussprache einstimmige Beschlüsse.

Neue Überlegungen für den Bahnhof und seine Umgebung

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Viele Räume im nach wie vor der Bahn gehörenden Bahnhofsgebäude stehen schon lange leer. An Ideen für neue Nutzungen mangelt es dennoch nicht. © L.G.

Unterdessen deutet sich auch schon weiter oben, entlang der Bahngleise, eine Fortsetzung der Bauentwickung an. Auch dort wird es möglicherweise zu eher ungewöhnlichen Neugestaltungen kommen: Weil die dort befindlichen Parkplätze, die die Bahn wohl gebührenpflichtig machen will, für die Bahnfahrer erhalten bleiben sollen, gelten neue Gebäude quasi auf Stelzen als denkbar. Ein Rahmenplan, der für dieses Gebiet an der oberen Bahnhofstraße und an der Heinrich-Vogel-Straße in Arbeit ist, soll die Möglichkeiten aufzeigen. Danach könnte zwischen dem Bahnhof und der Bahnunterführung an der Heinrich-Vogel-Straße eines Tages eine ganze Reihe von Gebäuden stehen.

Noch weitere Aspekte in Zusammenhang mit diesem für Tutzing wichtigen Gebiet sind offen. So ist bisher nicht klar, was aus dem Bahnhofsgebäude selbst wird. Wie viele andere Bahnhöfe wird es für die Bahn-Zwecke nicht mehr benötigt. Aber bevor Überlegungen über denkbare neue, vielleicht öffentliche Nutzungen wie beispielsweise für die Gemeindebücherei konkretisiert werden können, muss zunächst die Eigentumsfrage geklärt werden. In dieser Hinsicht ist nach wie vor nicht bekannt, ob sich Veränderungen abzeichnen.

Als wesentliches Thema gilt in Tutzing auch schon lange ein Rahmenkonzept. „Vom Bahnhof zum See“ - so der Titel - soll danach eines Tages eine ansprechende Wegeverbindung führen - über das ehemalige Roche-Gelände und das Kloster-Gelände, hinüber zur Hallberger Alle und hinunter zum Ufer. „Aufenthaltsqualität“ ist das Schlagwort inmitten aller Neubaupläne. Die jeweiligen Grundeigentümer scheinen sich für solche Überlegungen aufgeschlossen zu zeigen. Dennoch ist das alles wohl auch noch von ihren Interessen abhängig.

Quelle Titelbild: ehret + klein Projektentwicklung, Starnberg
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