Kommentar
23.9.2025
Von Dr. Toni Aigner

„So darf man mit der eigenen Geschichte nicht umgehen“

Der langjährige Tutzinger Gemeinderat Dr. Toni Aigner wendet sich deutlich gegen den Beschluss zu Elly Ney

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Dem Beschluss des Tutzinger Gemeinderats, in einer Ruck-Zuck-Maßnahme den Straßennamen der Ehrenbürgerin Elly Ney aufzugeben und ihre Büste von der Brahmspromenade zu entfernen, muss eindeutig und nachdrücklich widersprochen werden. So darf man mit der eigenen Geschichte nicht umgehen.

Vorgänge in der Zeit des Nationalismus nicht zu verstehen und zu kritisieren ist verständlich. Nicht verständlich und abzulehnen ist, wenn amtliche Gremien wie der Gemeinderat Tutzing Beschlüsse, die mit dieser Zeit verbunden sind und von integren Persönlichkeiten und Gremien beschlossen wurden, aufzuheben. Was sind solche Ehrungen wert, wenn sie mit fadenscheinigen Gründen wieder aufgehoben werden?

Um was geht es? Elly Ney war eine weltberühmte Pianistin, schon vor dem sogenannten Dritten Reich, und zog 1937 nach Tutzing. Sie war eine Verehrerin von Adolf Hitler und antisemitisch eingestellt – wie Millionen von Deutschen in dieser Zeit. Es gibt aber keinen konkreten antisemitischen Anlass, den man ihr vorwerfen würde. Im Gegenteil: Ganz Tutzing (damals noch ein überschaubarer Ort, in dem jeder jeden kannte) wusste, dass Wilhelm Hausenstein mit seiner jüdischen Frau am Höhenberg wohnte und der damalige Bürgermeister Tutzing als „judenfrei” deklarierte. Das hat diese gerettet. Nur ein diesbezüglicher Satz der berühmten Künstlerin, die mit den Nazigrößen verkehrte, weil sie von ihnen verehrt wurde, hätte dies auffliegen lassen.

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Dr. Toni Aigner, promovierter Historiker und ehemaliger Schulleiter, war langjähriger Gemeinderat und zwei Mal Bürgermeisterkandidat in Tutzing

Der Tutzinger Gemeinderat unter seinem Bürgermeister Bleicher, der nicht verdächtig war, dem Nationalismus nahe zu stehen, verlieh schon im Jahre 1952 der weltberühmten Pianistin die Ehrenbürgerwürde – auf Grund ihrer kulturellen und sozialen Verdienste. Wo anders als in Tutzing konnte man beurteilen, ob sie dieser würdig sei?

Eine der größten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte, Theodor Heuss, hat Elly Ney sehr geschätzt und sich für sie eingesetzt, als es Widerstand gegen einen Auftritt von ihr gab. Ludwig Erhard hat sie zu einem Konzert in seinen Kanzlerbungalow am Tegernsee eingeladen und Bundespräsident Lübke kam zu ihrem 85. Geburtstag.

Das sind hochgeachtete Persönlichkeiten, welche die berühmte Pianistin auch in der Zeit des Nationalsozialismus beobachteten und sicher bewerteten. Jetzt nach mehr als achtzig Jahren maßen sich einige besonders Kluge an, den Stab zu brechen und besserwisserisch ein gegenteiliges Urteil anzumaßen.

Unverständlich ist, dass das im Gemeinderat eine so große Mehrheit fand. 2009 war der Tutzinger Gemeinderat, nach übrigens einer sehr intensiveren und lebenserfahrenen Diskussion wie dieses Mal, sehr viel klüger, Straße und Büste zu belassen und mit einer erklärenden Tafel die heutige Sichtweise zu dokumentieren. Warum belässt man es nicht dabei?

Mehr zum Thema:
Elly-Ney-Straße wird umbenannt

Foto auf der Startseite: Jugendbeirat Tutzing

ID: 8101
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Dr. Toni Aigner

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Kommentare

Für Mitlesende zur Orientierung: Der Kommentar von Herrn Mieth weiter unten (vom 23.09.2025 um 15:50 Uhr) wurde nachträglich angepasst; mein direkt anschließender Beitrag bezog sich auf die ursprüngliche Version. Solche nachträglichen, das Inhaltliche betreffende Änderungen erschweren die Nachvollziehbarkeit des Schriftwechsels.
Weiter unten wurde vieles bereits mehrfach und von unterschiedlichen Kommentierenden benannt: Die Gemeinderatsentscheidung beendet eine Ehrung, nicht die Erinnerung; die geplante Informationssäule soll das Vergessen gerade verhindern; nicht Neys pianistische Leistung steht zur Debatte, sondern ihre belegte Loyalität zum verbrecherischen NS‑Regime.

Was mich beschäftigt, ist weniger die Vergangenheit als ihr Fortwirken in der Gegenwart: Die Verehrung der Verehrerin verschiebt den Maßstab – weg von den Opfern, hin zu Nachsicht gegenüber dem furchtbaren Unrecht und Machtmissbrauch. Wer die Loyalität von gestern verklärt, wird der Versuchung des leichten Weges morgen schwerer widerstehen. Darum sollte der Mahntext ausdrücklich benennen, wie verführerisch die Logik der Gefolgschaft ist. Und dass die Gegenwart uns unablässig prüft, ob wir aus dem Vergangenen gelernt haben.
Der Abriss des Denkmals stand übrigens nicht auf der Tagesordnung der Sitzung am 16.09.2025.

Nach der veröffentlichten Tagesordnung ging es lediglich um die Namensänderung der Straße.
So hieß es wörtlich unter Ö5 : "Antrag Jugendbeirat: Namensänderung "Elly-Ney-Straße"

https://buergerinfo-tutzing.digitalfabrix.de/si0056.asp?__ksinr=1657
(Bearbeitet)
Wieder zurück in Tutzing, muß ich lesen, daß die Würfel bei Elly Ney gefallen sind.
Schade, ich hätte gerne der Gemeinderatssitzung zugehört.
Ich war schon 2009 dabei und damals sehr zufrieden mit dem Kompromiß...

Danke Herr Dr Aigner für Ihre deutlichen Worte. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
Auch Sie, Herr Mieth, haben mit Ihren Gedanken („denk mal...“) meiner Meinung nach sehr recht.

Niemand spricht über eine Elly Ney, zu der es keine öffentlichen Hinweise mehr gibt, und sie kann auch nicht als z. B. negatives nationalsozialistisches Beispiel genannt werden.

Ich frage die Personen, die der "Eliminierung" von Frau Ney zugestimmt haben, warum stellen Sie sich nicht sonntags vor die evangelische Kirche und protestieren gegen den wesentlich aktiveren Antisemiten Martin Luther, oder stehen nachmittags in München vor der Staatsoper, wenn Werke von Richard Wagner aufgeführt werden? (Richard Wagner wird sogar wieder in Israel gespielt. Die Bürger von Israel scheinen toleranter zu sein als viele in Tutzing...).

Ich will hier nicht auf Einzelheiten der vielen Kommentare eingehen.
Ich weiß nicht, ob ein Historiker die Qualität eines Musikers beurteilen kann.
Viele Musiker waren hochqualifiziert, aber menschlich "abstoßende Figuren".
Das gilt m. E. für alle Berufsgruppen.

Helmut Kohl sprach die Worte von der Gnade der späten Geburt.
Andere änderten den Satz in die Ignoranz oder Arroganz der Spätgeborenen. Auch im Zusammenhang mit der Bewältigung der "braunen" Vergangenheit oder der Kolonialzeit.
Das paßt.

Noch eine Anmerkung: An der Hauptstraße steht doch eine große Villa, an deren Eingang sich das Namensschild eines Herren Ludendorff befindet. Und auf dem Friedhof hinter der Bahn ist ein großes, sehr gut gepflegtes Grab.
Zumindest war es so, als ich von Jahren russischen Staatsbürgern, die auf einer Tagung in der politischen Akademie referierten, die Villa und das Grab gezeigt habe.
Die Herren hatten sich -besonders über das Grab- sehr gewundert...
Herr Ludendorff war doch als Nazi wesentlich aktiver als Frau Ney und hat, gemeinsam mit Hindenburg, den 1. Weltkrieg verlängert, was zigtausend Soldaten den Tod kostete.
Auch Ludendorff wohnte in Tutzing... 
Wie so oft freue ich mich über die lebhafte Diskusion, welche auf dieser Plattform stattfindet. Das ist ein wichtiger Teil und ein Privileg unserer Demokratie.
Danke für das Engagemant des Jugendbeirats.
Weiter so!
Danke auch an Herrn Kerbs für seine sachlichen und respektvollen Beiträge.
(Bearbeitet)
Als Jugendbeirat Tutzing – und damit als Initiatoren des Antrags zur Umbenennung der „Elly-Ney-Straße“ – sehen wir uns an dieser Stelle dazu verpflichtet, einige Punkte klar- und richtigzustellen sowie zu kontextualisieren, ohne die inhaltliche Debatte als solches neu zu eröffnen.

1. Zum Verfahren
Als Jugendbeirat haben wir am 19. Mai 2025 bekannt gegeben, uns für eine Straßenumbenennung einzusetzen. Auf VorOrtNews wurde darüber das erste Mal am 28. Mai 2025 berichtet. Andere Medien berichteten genauso ausführlich. In der Folgezeit bis zur Gemeinderatssitzung Anfang September haben wir ausführliche Gespräche mit den Anwohnern sowie den Fraktionen im Gemeinderat geführt. Zudem wurden nahezu im gesamten Ortsgebiet Flyer verteilt, die auf die Initiative aufmerksam machen und den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit eröffnen sollten, mit uns über die Umbenennung – und Bedenken diesbezüglich – ins Gespräch zu kommen. Auf der Website des Jugendbeirates wird seit Monaten ausführlich dargestellt, weshalb wir eine Umbenennung für geboten halten. Die Behauptung, es handle sich um eine Ruck-Zuck-Maßnahme, können wir deshalb nicht nachvollziehen.

2. Zur Ehrenbürgerwürde
Elly Ney ist anders als im Kommentar behauptet, nicht Ehrenbürgerin der Gemeinde Tutzing. Im Jahr 2009 wurde im Gemeinderat festgestellt, dass die Ehrenbürgerwürde mit dem Tod erloschen ist.

3. Zur Behauptung, Ney sei eine weltberühmte Pianistin gewesen
Es wird behauptet, Ney sei eine weltberühmte Pianistin gewesen. Dies möchten wir nicht beurteilen, zur Kontextualisierung jedoch anfügen, dass Historiker wie Michael Kater sie als eine „abstoßende Figur der deutschen Musikgeschichte“ klassifizieren.

4. Konkrete Verfehlungen von Elly Ney
Es wird behauptet, Frau Ney sei kein konkreter (antisemitischer) Vorfall, der eine Ehrung in Zweifel ziehen könnte, vorzuwerfen. Dies ist unserer Auffassung nach nicht korrekt: Sie behauptete unter anderem, darunter zu leiden, im Umfeld von jüdischen Künstlern aufzutreten. Sie verweigerte Auftritte mit jüdischen Künstlern. Sie sprach sich für die Bücherverbrennung aus. Sie sprach sich öffentlich für die „Ausschaltung der Juden“ aus. Sie trat 1937 in die NSDAP ein. Sie trat für Organisationen des NS-Regimes als Pianistin auf. Sie wurde durch das NS-Regime unter anderem mit dem Kriegsverdienstkreuz geehrt, sie nahm diese Ehrung an. Sie distanzierte sich nie glaubwürdig von diesen Begebenheiten.

5. Zu den „hochgeachteten“ Persönlichkeiten, welche genannt werden und dem Vorwurf des „besserwisserischen Anmaßens“
Zu den genannten Persönlichkeiten wie Theodor Heuss und Ludwig Erhard möchten wir keine Einschätzung abgeben, jedoch folgendes zur notwendigen Kontextualisierung anfügen: Charlotte Knobloch sprach sich im Jahr 2009 unter anderem für eine Aberkennung der Ehrenbürgerwürde aus. Historiker bestätigen Neys Verstrickung in das NS-Regime. Ein wissenschaftliches Gutachten der Stadt München empfiehlt die Umbenennung der dortigen Elly-Ney-Straße. Den Vorwurf, einige besonders Kluge würden sich besserwisserisch ein anderes Urteil anmaßen, können wir vor dem Hintergrund, dieser wissenschaftlichen wie zivilgesellschaftlichen „Rückendeckung“ nicht nachvollziehen.
Herr Mieth, niemand hat hier auf „abweichende Meinungen“ geschossen. Es ging mir ausschließlich um eine inhaltliche und im Übrigen sorgfältig belegte Kritik an der Wortwahl im Beitrag. Unterschiedliche Ansichten und auch Humor in der Debatte sind sehr willkommen, solange wir uns auf der Sachebene begegnen. Und Karl Valentin wusste: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ In diesem Sinne: für Meinungsvielfalt – ohne persönliche Unterstellungen.

Ein Nachsatz:
Herr Mieth passte seinen Kommentar an, nachdem ich meinen bereits geschrieben hatte. Das Verb 'geschossen' erscheint in seiner aktuellen Fassung nicht mehr, war jedoch in der ursprünglichen Version enthalten.
(Bearbeitet)
Frau Mieth, es liegt mir fern, jemanden persönlich anzugreifen. Es ging mir allein darum, die sprachliche Gestaltung des Kommentars kritisch zu beleuchten. Und das ist eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Argumenten, die für eine lebendige Diskussion und die Demokratie unverzichtbar ist.
Jetzt reichts bitte, Herr Kerbs!
Kommen Sie gern mit Argumenten zum Thema, aber hören Sie bitte auf andere zu Verunglimpfen und ihnen etwas zu unterstellen. Das schafft meiner Meinung nach eine vergiftete Atmosphäre, in der sich dann aus Angst niemand mehr traut seine Meinung zu äußern - Stichwort: Demokratie in Gefahr.
Alles Gute wünscht Ihnen
Sabine Mieth
(Bearbeitet)
Bei der Lektüre von Dr. Aigners Beitrag fällt der Einsatz sprachlicher Mittel auf, die auf subtile Weise dazu beitragen, historische Verantwortung zu relativieren und den Gemeinderatsbeschluss kritisch zu hinterfragen. Einige besonders prägnante Beispiele sollen diese Wirkung verdeutlichen:

So verwendet er manipulative Formulierungen, um die historische Verantwortung hinsichtlich Elly Neys NS-Verstrickung zu relativieren. Besonders auffällig ist die Behauptung, es gäbe keinen konkreten antisemitischen Anlass, den man Ney vorwerfen könne, obwohl ihr Verhalten als überzeugte nationalsozialistische Akteurin gut und umfangreich dokumentiert ist. Die Satzwahl „nur ein diesbezüglicher Satz der berühmten Künstlerin ... hätte dies auffliegen lassen“ stellt Neys Schweigen in der NS-Zeit als fast wohlwollende Rettungsaktion dar, obwohl es ihre moralische Pflicht gewesen wäre, ihren Einfluss gegen das Regime einzusetzen. Auch die Verwendung des Begriffs „auffliegen“ im Zusammenhang mit jüdischen Verfolgten übernimmt implizit die Täterperspektive und spricht den Opfern das Recht ab, geschützt zu werden.

Diese Rhetorik zieht sich durch den ganzen Beitrag: Mit Ausdrücken wie „Ruck-Zuck-Maßnahme“ und dem Vorwurf „mit fadenscheinigen Gründen wieder aufgehoben“ werden die aktuellen Gemeinderatsbeschlüsse pauschal als unseriös und unbegründet abgewertet. Die frühere Entscheidung pro Ney wird durch die Berufung auf „integre Persönlichkeiten“ immunisiert, aktuelle Kritiker pauschal als „besserwisserisch“ verunglimpft. So entsteht insgesamt eine textliche Atmosphäre der Verteidigung und Relativierung, die sowohl die Verantwortung Elly Neys als auch den Sinn der Aufarbeitung historischer Verfehlungen sprachlich verschleiert.
(Bearbeitet)
Ein umstrittenes Denkmal mit zeitgemäßem, aufklärendem Text wäre m.E. besser geeignet, die Erinnerung an dunkle Zeiten wach zu halten; der Abriss schafft das Gegenteil und könnte dem Vergessen in die Hände spielen. Das hat der Jugendbeirat wohl übersehen.
(Bearbeitet)
Sehr geehrter Herr Dr. Aigner,
wir leben in Zeiten, in denen sich vereinzelt Besuchergruppen der Gedenkstätten in Auschwitz und Dachau unverfroren in Siegerpose vor den Krematorien fotografieren lassen.
Die Antwort auf das wieder aufflammende menschenverachtende Gedankengut muss sein, dass wir uns klar und deutlich von den Tätern des Nationalsozialismus und deren Mitläufern distanzieren.
Danke dem Jugendbeirat für die Initiative. Aus meiner Sicht hat der Gemeinderat eine zeitgemäße Entscheidung getroffen und setzt damit ein wichtiges Signal für Tutzing und für uns alle.
(Bearbeitet)
Zu allerst darf ich daran erinnern, dass vorortnews ausdrücklich von 3 Bestanteilen im Gemeinderatsbeschluss berichtet; Zitat:
"1. in Tutzing keine Straße nach Elly Ney zu benennen,
2. die Büste an der Brahmspromenade zu entfernen und
3. die Verwaltung zu beauftragen, mit Unterstützung des Jugendbeirats und des Ortsgeschichtlichen Arbeitskreises eine geeignete Form der Erinnerung vorzuschlagen."
(Elly-Ney-Straße wird umbenannt

Es soll also sehr wohl eine neuen Form des Gedenkens gesucht und uns allen vorgeschlagen werden, die dann eben nicht mehr als "Ehrung" missverstanden werden kann. (Wer da gute Ideen hat, sollte das Gespräch mit der Verwaltung, dem ortsgeschichtlichen Arbeitskreis und/oder dem Jugendbeirat suchen.)

Im Übrigen ist Elly Neys absolut unrühmliche Nazivergangenheit das eine; wie sie später damit umgegegangen ist, das andere.
Offensichtlich sind von Elly Ney keine gleichwertigen Worte oder Gesten des Bedauerns, des Überdenkens, der Abkehr oder des Hinzulernens überliefert und bekannt? Ob aus Scham, Sturheit, Unbelehrbarkeit oder aus anderen Motiven ist ebenso unklar und im Grunde zweitrangig.
Jedenfalls ist auch ihr späteres Verhalten angesichts dessen keinesfalls ein Vorbild für Tutzing, wie man mit eigenen Fehlern umgehen sollte.

Wenn Tutzing in ganz überwiegender Mehrheit darin übereinstimmt - nun da wir Jahrzehnte später historisch tatsächlich mehr wissen - dass die Ehrungen an Elly Ney ein Fehler war, ist es gewiss der bessere Weg, diese Ehrungen unmissverständlich & konsequent zu beenden.

Ich denke auch, dass es für die kleine Riege bestehender & zukünftiger Tutzinger Ehrenträger keine Verunsicherung, sondern eher eine Erleichterung sein mag, dass man diese Ehrungen auch umfassend verdient haben muss, um sie zu erhalten, und ebenso um sie zu behalten.
Solch hohe, nachhaltige Ansprüche geben unseren bürgerlichen Ehrungen doch erst ihren kompletten, herausragenden Wert!
(Bearbeitet)
Hier geht es nicht um „eigene Geschichte“ als hübsch verpackte Nostalgie, sondern um Verantwortung für Schuld und um das entsetzliche Leid der Opfer.

Die Quellenlage ist eindeutig, und Respekt vor den Opfern macht die Konsequenz klar: Eine bekennende Antisemitin, die dem NS-Regime künstlerische Legitimation verschaffte, darf im öffentlichen Raum nicht ausgezeichnet werden. An ihre Stelle hat sichtbare, nüchterne Aufklärung zu treten, mit Informationstafeln, schulischen Projekten und kuratierten Ausstellungen – über die Täterloyalität klar benannt und historische Verantwortung eingelöst wird.

Zur Einordnung lohnt der nüchterne, reflektierte Blick des Jugendbeirats (vorgetragen von Paul Friedrich). Er zeigt, wie man frei von nostalgischen Reflexen Verantwortung übernimmt: Rede von Paul Friedrich zum Antrag auf Umbenennung der Elly-Ney-Straße
Ich bin Jahrgang 1941 und überzeugter und gegebenenfalls auch streitbarer Gegner allen braunen Gedankenguts.
Trotzdem muss ich Hern Dr. Aigner zustimmen.
Gratuliere zu dieser mutigen Äußerung.
Franz Lergenmüller
Sehr geehrter Herr Dr. Aigner,

man belässt es - jedenfalls aus meiner Sicht - richtigerweise nicht dabei, weil ein Ort keine Person durch einen Straßennamen und eine Büste ehren sollte, die bei einer Gesamtschau ihres Lebens diese Ehre nicht verdient hat. Das Verhalten von Frau Ney in der Zeit von 1933 bis 1945 schließt sie von solchen Ehrungen aus - zumal sie die 23 Jahre ihres Lebens nach 1945 nicht genutzt hat, dieses Verhalten zu erklären oder sich davon zu distanzieren. Die Gelegenheit hätte sie gehabt, zum Beispiel in ihrer in mehreren Auflagen erschienenen Biographie.

Bemerkenswert finde ich, dass Sie den Befürwortern des Gemeinderatsbeschlusses nun unterstellen, "Vorgänge in der Zeit des Nationalsozialismus nicht zu verstehen". Was gibt es da nicht zu verstehen? Frau Ney war in dieser Zeit, wer und was sie war, das lässt sich ausreichend anhand von Quellen nachvollziehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie mit Ihrem Satz Verständnis dafür einfordern, in der Nazi-Diktatur nicht nur mitgelaufen zu sein, sondern sich weit darüber hinaus öffentlich für Hitler und das Regime engagiert zu haben - und hiervon wohl auch nicht zuletzt selbst profitiert zu haben.