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„Der Facheinzelhandel ist das Bauernopfer“

Tutzinger Unternehmer-Ehepaar Thallmair schreibt Brandbrief an Ministerpräsident Söder

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Viel neue Ware im frisch renovierten Sportgeschäft Thallmair - aber was bringt's, wenn sie nicht oder nur manchmal verkauft werden kann? © L.G.

Der Facheinzelhandel ist das Bauernopfer der Corona-Regeln. Das kritisiert das Tutzinger Unternehmer-Ehepaar Thallmair in einem Brandbrief an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und die in Feldafing lebende CSU-Landtagsabgeordnete Ute Eiling-Hüting. Corona-Verbreitung finde nicht im Facheinzelhandel mit Hygiene-Konzepten statt, sondern vielmehr durch private, unkontrollierte Treffen, bei Urlaubsreisen, in Industrie und öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Tutzinger beklagen bitter Ungerechtigkeiten, ein „massives Versagen“ der Politik und einen bürokratischen Aufwand, der dem Missbrauch Tür und Tor öffne. Stattdessen fordern sie mehr Klarheit, Sicherheit, Gerechtigkeit und Perspektive.

Der Brief ist vor dem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs zur Öffnung von Schuhgeschäften verfasst worden. Aufgrund dieses Urteils ist das Geschäft Intersport Thallmair inzwischen wieder geöffnet. Der Brief hat dadurch aber an Aktualität nichts verloren.

Der Brandbrief aus Tutzing

Sehr geehrte Frau Eiling-Hütig,
Sehr geehrter Ministerpräsident Markus Söder,

wir verstehen die Politik nicht mehr???

Wir haben ab heute 31.03.21 wieder unser Geschäft geschlossen, aber um uns herum findet das normale Leben statt. Edekas, Aldis, Drogerie und viele andere Bereiche, alles wieder offen.
Nach dem Weihnachtsgeschäft überlassen wir auch das Ostergeschäft den Anderen – den Onlinern und den Lebensmittelkonzernen. Liebe Politik - vielen Dank dafür!

Die getroffenen Maßnahmen sind nicht mehr nachvollziehbar, unstrukturiert, völlig planlos und auf Kosten der gesamten Bevölkerung. Nur einzelne Politiker wirtschaften sich die Taschen voll und kaufen sich Immobilien ohne Ende – einfach ein Skandal!
Auch unsere Kunden schütteln nur noch den Kopf, da nicht mehr ersichtlich ist, wer auf und wer zu hat. Sie machen das Theater nicht mehr mit. Wir versinken im totalen Chaos.

In unserem Land geht es schon lange nicht mehr gerecht zu. Wir werden von Politkern geführt, denen es schon längst nicht mehr um das Allgemeinwohl oder um die Gesundheit der Bevölkerung geht – vielmehr müssen wir durch dieses massive Versagen der Corona-Bundespolitik viele Menschenleben beklagen und noch dazu liegen einzelne, willkürlich ausgewählte, Branchen wirtschaftlich am Boden.
Die medienwirksam angekündigten „Hilfen“ kommen entweder schleppend oder gar nicht bei den betroffenen Unternehmen an. Der bürokratische Aufwand wird bis zum Absurdum geführt und trotzdem ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet, da falsche Behörden (IHK für die Überbrückungshilfen anstatt die Finanzämter???) beauftragt werden.

Wir, Unternehmer, Arbeitnehmer, Kunden sind nur noch müde, leer und ohne jegliche Perspektive!
Es reicht und die kommende Bundestagswahlen werden den Verantwortlichen die Augen öffnen – für viele leider definitiv zu spät.

Corona-Verbreitung findet, wie wissenschaftlich untersucht und politisch bekannt, nicht im Facheinzelhandel mit Hygiene-Konzepten statt, sondern vielmehr durch private, unkontrollierte Treffen, bei Urlaubsreisen, in Industrie, öffentliche Verkehrsmittel etc. Trotzdem sind wir das Bauernopfer und alles andere ist möglich!
Wir wünschen uns ab sofort mehr Klarheit, Sicherheit, Gerechtigkeit und Perspektive. Ein Pandemiekonzept, welches auf Anstrengung der Politik (massive Testung und Impfung) und der gesamten Bevölkerung beruht und nicht nur auf Einzelne wenige.
Ein kurzer, harter Lockdown ja, aber dann für ALLE!

Bitte, liebe Frau Eiling-Hütig, leiten Sie unsere Mail an alle Entscheidungsträger weiter.

Gerne auch an Herrn Ministerpräsidenten Markus Söder, denn leider verstärkt sich immer mehr der Verdacht, dass die Führungspositionen den Kontakt zur Basis gänzlich verloren haben.
Der letzte Post von Herrn Markus Söder: „unser Mittelstand und unsere Landwirte sind ein Pfeiler für die Wirtschaftskraft und die Identität unseres Landes.“ ist für uns betroffene Unternehmen ein Schlag ins Gesicht. Der Facheinzelhandel, zur Bindung zentraler Wählergruppen, spürt keinerlei Partnerschaft von Seiten der CDU/CSU weder in Brüssel, Berlin noch in München!
Einzig und allein fühlen wir uns noch von den Kommunalpolitikern verstanden, die leider ebenso, wie Don Quijote gegen Windmühlen ankämpfen müssen, um angemessene, fachlich und sachlich richtige Maßnahmen in ihren Kommunen umsetzen zu können.

Wir danken für eine Stellungnahme.

Mit freundlichen Grüßen

Intersport Thallmair
Thomas und Doris Thallmair

Traubinger Str. 2
82327 Tutzing
Tel: +49 8158 99 31 56
Fax: +49 8158 7794
Email: info@sportthallmair.de

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Ein engagiertes Tutzinger Unternehmer-Ehepaar: Doris und Thomas Thallmair in ihrem Geschäft © L.G.
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Comments

Familie Thallmair und viele andere Betroffene haben sooooo recht!
Was können wir einfache Bürger jetzt tun?
Neue Ideen?
Von den Beispielen aus Spanien und Portugal können wir lernen. Der Schlüssel zur Senkung der Inzidenzen sind die Ausgangsbeschränkungen - das ist unbequem für die Bürger, aber erträglich für den Facheinzelhandel. Um nach Feierabend lange Schlangen an den Kassen zu vermeiden, schließt dort ALLES um 17 Uhr ( Spanien ). So entsteht keine allzu große Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Umsätze, jemand, der was braucht muss sich halt darauf einstellen. Warum lässt die Politik hierzulande lieber die Einzelhändler und Gastronomen kaputt gehen, statt konsequent private Zusammenkünfte zu unterbinden. Mir fehlen schlaue Konzepte mit Schnelltest, die den Einzelhandel wieder aufleben lassen können.
Spanien & Portugal gehören zu den Siestaländern mit einem teilweise deutlich anderen Tagesrhythmus als bei uns.
Daher kann man auch die Geschäftsöffnungszeiten nicht so einfach vergleichen.
Von Spanien und Portugal als Siestaländer zu sprechen ist genauso, wie Deutschland als Lederhosenland zu bezeichnen. In Palma de Mallorca gibt es genauso wenig eine Siesta, wie in München
Vorweg: Ich wollte niemanden hier in Tutzing oder in Portugal oder in Spanien zu nahe treten. Sofern ich mich diesbezüglich missverständlich ausgedrückt habe, tut es mir leid und es ist auch bitte nicht so zu interpretieren.

Sie haben natürlich recht, dass sich u. a. durch die Globalisierung auch die Tagesrhythmen und das Leben insgesamt hier wir dort weitgehend angeglichen haben. So ganz aber dann doch noch nicht. Wir haben in Deutschland zwar vor Jahren abends längere Öffnungszeiten bekommen, hier bei uns in Tutzing machen davon v. a. Aldi & Co an 6 Tagen bis 2000 Uhr durchgehend gebrauch. Das ist in Palma de Mallorca auch bei den kleinen Geschäften weiter verbreitet, die dafür morgens erst 1-2,5 Stunden später öffnen als bei uns.
Außerdem stimme ich Ihnen zu, dass die verschiedenen Gewerbe und Veranstalter endlich gleich behandelt werden sollten; gleich im Sinne des Infektionsschutzes:
-> Wessen Alltagskonzept ein höheres Infektionsrisiko darstellt, muss zuallererst sein Schutzkonzept verbessern!
Es sollte nicht länger sein, dass der Staat unterschiedliche Risikopotentiale einfach so duldet und quasi zum Ausgleich anderswo Kontaktmöglichkeiten einschränkt bzw. einspart. ("Wir müssen die Zahl unserer Kontakte um 30% reduzieren!") Das Leben ist mehr als nur Mathematik.
Alle privaten oder öffentliche Einrichtungen sollten nach ihren Hygienekonzepten bzw. ihren jeweiligen Infektionsrisiken eingeordnet und behandelt werden. Es trägt mitunter absurde Züge, wenn Geschäfte, Lokale oder Außenplätze mit geringem Risikopotential bei zuweilen drakonischen Strafen gesperrt werden, und gleichzeitig Einrichtungen mit erheblich höheren Risikopotentialen offen bleiben oder wiedereröffnet werden.
(Bearbeitet)
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