Weit gespannt war das Thema eines Diskussionsabends am Mittwoch: „Von der Hofmark zur Kleinstadt. Und wie geht es weiter?“ Die Frauenunion der CSU Tutzing hatte dazu ins Bistro des Restaurants „Mille Lire“ an der Marienstraße eingeladen. Dabei wurden auch Sorgen über schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt laut.
Elke Schmitz, Chefredakteurin der „Tutzinger Nachrichten“ und Mitglied des ortsgeschichtlichen Arbeitskreises, vermittelte zunächst einen interessanten Überblick über Tutzings Entwicklung und den tiefgreifenden Wandel von der geschlossenen Hofmark (bis 1848) über einen Ausflugs-, Villen-, und Landhausort - durch Dampfschifffahrt und Weiterbau der Bahnstrecke bis Tutzing 1865 - bis zum kräftigen Wachstum, bedingt unter anderem auch durch die Aufnahme vieler Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, Ansiedlungen der Bundeswehr in den 1960er Jahren und die Anbindung der S-Bahn bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Heute sei Tutzing eine "Kleinstadt" mit rund 10 000 Einwohnern und positiven wie negativen Begleiterscheinungen.
Von 4 237 Haushalten (2011) sind nach Angaben von Elke Schmitz 1 407 Einpersonenhaushalte, was die Wohnsituation verschärfe. Sie erwähnte auch gruppenspezifische Veränderungen. Mehr Menschen führten zu weniger Überblick, zu Verunsicherung und oft auch zu Unmut sowie zu mehr und oft höheren Ansprüchen an die Gemeinde, die damit an ihre Grenzen stoße. Zudem gebe es weniger Freiflächen, weniger Parkplätze, mehr Autos und mehr nötige Infrastruktur.
Immer weniger Handwerker und Dienstleister
Auf der positiven Seite stehen die Attraktivität der geographischen Lage und die sehr gute Infrastruktur mit exzellenten Anbindungen durch Bahn und MVV, mit den vorhanden Schulen sowie einem herausragenden Bildungs- und Kulturangebot, das für Elke Schmitz ein Alleinstellungsmerkmal von Tutzing ist. Sie erwähnte wunderbare Festspiele in den 1950-iger Jahren, berühmte Musiker und nach dem Krieg auch das Angebot von zwei Akademien. Deutlich verändert hat sich nach ihren Worten die Arbeitsmarktsituation.
In Tutzing gibt es nach Angaben von Elke Schmitz 2 600 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze (Stand 2017), doch nicht alle würden von Einheimischen besetzt. Immer weniger Handwerker und Dienstleister seien in Tutzing tätig, aber überproportional viele Ärzte, Zahnärzte und Institute.
Einen deutlichen Wandel gibt es auch im Geschäftsleben. Das Einkaufsverhalten habe sich gravierend verändert, sagte Elke Schmitz unter beispielhaftem Hinweis auf Supermärkte und Internet.
"Unsere geografische Lage ist Segen und Fluch gleichzeitig"
"Unsere geografische Lage ist Segen und Fluch gleichzeitig", folgerte die historisch bewanderte Tutzingerin, und sie fragte: "Wohin soll sich hier etwas ausbreiten?" Es scheine also nur die Verdichtung zu bleiben. Doch Verdichtung zerstöre Tutzing: mit seinen großen Gärten, stimmigen Proportionen, passenden Straßen und Erholungsmöglichkeiten, genügend Schul- und Kindergartenplätzen sowie urbanen Inseln. "Wir wollen alle gerne in Tutzing wohnen bleiben", fügte sie hinzu. Einiges könne man nicht ändern, einiges passe schon, aber einiges müsse sich ändern: "Die Frage ist nur wie."
Kaum bezahlbarer Wohnraum für Menschen ohne hohe Einkommen
Die anhaltende Nachfrage nach Wohnraum in dieser Gemeinde mit der Folge sehr hoher Immobilienpreise wurde in der Diskussion als Schattenseite gesehen. So wurde beklagt, dass Familien oder auch Alleinstehende mit niedrigem oder mittlerem Einkommen in Tutzing kaum bezahlbaren Wohnraum fänden.
Die Konsequenzen erregen die Gemüter, wie am Dienstag auch eine kontrovers geführte Debatte im Gemeinderat deutlich gezeigt hat. Mehrgeschossige Neubauten in Bahnhofsnähe fanden eine Mehrheit, stießen aber auch auf scharfe Kritik. Die Mauer soll verschwinden Elke Schmitz vertrat bei der Frauenunion die Auffassung, Neubauwohnungen seien unbezahlbar. Gebaut werde praktisch nur für ortsfremde Investoren und Anleger. Wohnraum für Tutzinger Familien sei durch Verdichtung nicht zu erreichen. Die kritischen Diskussionen über die Nachverdichtung häufen sich in jüngerer Zeit, zumal an etlichen Stellen des Ortes größere Bauprojekte auffallen. Dabei spannt sich der Bogen von den 70 neuen Wohnungen des Verbands Wohnen am Kallerbach über die Neubauten im Bahnhofsviertel und auf dem ehemaligen Roche-Gelände bis zu ansehnlichen neuen Gebäuden an der Oskar-Schüler-Straße und an der Waldschmidtstraße. Da nur noch wenige Flächen für die Ausweisung neuer Wohngebiete zur Verfügung stehen, betrachten aber nicht wenige Tutzinger eine vorsichtige Nachverdichtung im Innenbereich der Gemeinde als einzige Möglichkeit, wie auch die Diskussion bei der Frauenunion zeigte.
Plädoyer für Unterstützung der Vereine
Sorge wurde über einen schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt in Tutzing geäußert. Dabei wurde ein Zusammenhang mit der schnell anwachsenden Einwohnerzahl gesehen. Elke Schmitz verwies auf einen "Altenquotienten" von fast 50 Prozent, der sich auf das gesellschaftliche Zusammenleben auswirke. Um Gemeinsinn und gegenseitige Rücksichtnahme zu unterstützen und zu fördern, wurde es als erforderlich bezeichnet, die Arbeit der vielen Vereine in Tutzing zu unterstützen. Dabei gehe die Gemeinde mit gutem Beispiel voran. Einigkeit bestand in der Überzeugung, dass es ein Privileg ist, in der Gemeinde Tutzing zu wohnen und dass sich der Einsatz dafür lohne, im Zusammenhalt der Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft höchste Priorität zu erkennen.


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Die Bauverdichtung kann nur durch restriktives "Nein" der Baubehörden gestoppt werden aber bekanntlich bestimmt das "Kapital" was im Ort passiert . Aber "Palazzos Protzos" mit viel Grundstück drumherum könnte man ja verhindern. Preiswerter Wohnen wird daher eine Illusion bleiben und mit Neubauten für sozial Schwächere nimmt die Verdichtung auch zu. Die "Grünen-Bündnis 90" haben da ganz gute Vorschläge gemacht. Ob die allerdings realisierbar sind ist fraglich. Man kann nur hoffen.
Michael Teubig KurTheater Tutzing.