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Sorgen über schwindenden Zusammenhalt

Nutzen größere Bauten einkommenschwächeren Menschen? - Diskussionen bei der FrauenunionMit Informationen von Elisabeth Dörrenberg und Elke Schmitz

Weit gespannt war das Thema eines Diskussionsabends am Mittwoch: „Von der Hofmark zur Kleinstadt. Und wie geht es weiter?“ Die Frauenunion der CSU Tutzing hatte dazu ins Bistro des Restaurants „Mille Lire“ an der Marienstraße eingeladen. Dabei wurden auch Sorgen über schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt laut.

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Trotz allen Wandels hat das historische Tutzing seinen Charme noch an vielen Stellen erhalten, so etwa rund um das frühere Hotel am See der Familie Lidl, heute Restaurant Santorini © L.G.

Elke Schmitz, Chefredakteurin der „Tutzinger Nachrichten“ und Mitglied des ortsgeschichtlichen Arbeitskreises, vermittelte zunächst einen interessanten Überblick über Tutzings Entwicklung und den tiefgreifenden Wandel von der geschlossenen Hofmark (bis 1848) über einen Ausflugs-, Villen-, und Landhausort - durch Dampfschifffahrt und Weiterbau der Bahnstrecke bis Tutzing 1865 - bis zum kräftigen Wachstum, bedingt unter anderem auch durch die Aufnahme vieler Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, Ansiedlungen der Bundeswehr in den 1960er Jahren und die Anbindung der S-Bahn bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Heute sei Tutzing eine "Kleinstadt" mit rund 10 000 Einwohnern und positiven wie negativen Begleiterscheinungen.

Von 4 237 Haushalten (2011) sind nach Angaben von Elke Schmitz 1 407 Einpersonenhaushalte, was die Wohnsituation verschärfe. Sie erwähnte auch gruppenspezifische Veränderungen. Mehr Menschen führten zu weniger Überblick, zu Verunsicherung und oft auch zu Unmut sowie zu mehr und oft höheren Ansprüchen an die Gemeinde, die damit an ihre Grenzen stoße. Zudem gebe es weniger Freiflächen, weniger Parkplätze, mehr Autos und mehr nötige Infrastruktur.

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Beste geographische Lage: Kein Wunder, dass viele Menschen nach Tutzing wollen © Hans-Christoph Greif
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Immer weniger Handwerker und Dienstleister

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Gartenstadt: Manche sehen Tutzings Attraktivität in Gefahr © L.G.

Auf der positiven Seite stehen die Attraktivität der geographischen Lage und die sehr gute Infrastruktur mit exzellenten Anbindungen durch Bahn und MVV, mit den vorhanden Schulen sowie einem herausragenden Bildungs- und Kulturangebot, das für Elke Schmitz ein Alleinstellungsmerkmal von Tutzing ist. Sie erwähnte wunderbare Festspiele in den 1950-iger Jahren, berühmte Musiker und nach dem Krieg auch das Angebot von zwei Akademien. Deutlich verändert hat sich nach ihren Worten die Arbeitsmarktsituation.

In Tutzing gibt es nach Angaben von Elke Schmitz 2 600 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze (Stand 2017), doch nicht alle würden von Einheimischen besetzt. Immer weniger Handwerker und Dienstleister seien in Tutzing tätig, aber überproportional viele Ärzte, Zahnärzte und Institute.

Einen deutlichen Wandel gibt es auch im Geschäftsleben. Das Einkaufsverhalten habe sich gravierend verändert, sagte Elke Schmitz unter beispielhaftem Hinweis auf Supermärkte und Internet.

"Unsere geografische Lage ist Segen und Fluch gleichzeitig"

"Unsere geografische Lage ist Segen und Fluch gleichzeitig", folgerte die historisch bewanderte Tutzingerin, und sie fragte: "Wohin soll sich hier etwas ausbreiten?" Es scheine also nur die Verdichtung zu bleiben. Doch Verdichtung zerstöre Tutzing: mit seinen großen Gärten, stimmigen Proportionen, passenden Straßen und Erholungsmöglichkeiten, genügend Schul- und Kindergartenplätzen sowie urbanen Inseln. "Wir wollen alle gerne in Tutzing wohnen bleiben", fügte sie hinzu. Einiges könne man nicht ändern, einiges passe schon, aber einiges müsse sich ändern: "Die Frage ist nur wie."

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Nachverdichtung im Innenbereich: Neubauten an der Oskar-Schüler-Straße © L.G.

Kaum bezahlbarer Wohnraum für Menschen ohne hohe Einkommen

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Beim Tutzinger Bahnhof soll es zunehmend städtisch werden, wie diese Planskizze der teils fertigen, teils vorgesehenen Bebauung zwischen Bahngleisen (oben) und Krankenhaus (unten) zeigt © Prof. Florian Burgstaller

Die anhaltende Nachfrage nach Wohnraum in dieser Gemeinde mit der Folge sehr hoher Immobilienpreise wurde in der Diskussion als Schattenseite gesehen. So wurde beklagt, dass Familien oder auch Alleinstehende mit niedrigem oder mittlerem Einkommen in Tutzing kaum bezahlbaren Wohnraum fänden.

Die Konsequenzen erregen die Gemüter, wie am Dienstag auch eine kontrovers geführte Debatte im Gemeinderat deutlich gezeigt hat. Mehrgeschossige Neubauten in Bahnhofsnähe fanden eine Mehrheit, stießen aber auch auf scharfe Kritik. Die Mauer soll verschwinden Elke Schmitz vertrat bei der Frauenunion die Auffassung, Neubauwohnungen seien unbezahlbar. Gebaut werde praktisch nur für ortsfremde Investoren und Anleger. Wohnraum für Tutzinger Familien sei durch Verdichtung nicht zu erreichen. Die kritischen Diskussionen über die Nachverdichtung häufen sich in jüngerer Zeit, zumal an etlichen Stellen des Ortes größere Bauprojekte auffallen. Dabei spannt sich der Bogen von den 70 neuen Wohnungen des Verbands Wohnen am Kallerbach über die Neubauten im Bahnhofsviertel und auf dem ehemaligen Roche-Gelände bis zu ansehnlichen neuen Gebäuden an der Oskar-Schüler-Straße und an der Waldschmidtstraße. Da nur noch wenige Flächen für die Ausweisung neuer Wohngebiete zur Verfügung stehen, betrachten aber nicht wenige Tutzinger eine vorsichtige Nachverdichtung im Innenbereich der Gemeinde als einzige Möglichkeit, wie auch die Diskussion bei der Frauenunion zeigte.

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Das Vereinsleben in Tutzing ist vielseitig und anspruchsvoll © L.G.

Plädoyer für Unterstützung der Vereine

Sorge wurde über einen schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt in Tutzing geäußert. Dabei wurde ein Zusammenhang mit der schnell anwachsenden Einwohnerzahl gesehen. Elke Schmitz verwies auf einen "Altenquotienten" von fast 50 Prozent, der sich auf das gesellschaftliche Zusammenleben auswirke. Um Gemeinsinn und gegenseitige Rücksichtnahme zu unterstützen und zu fördern, wurde es als erforderlich bezeichnet, die Arbeit der vielen Vereine in Tutzing zu unterstützen. Dabei gehe die Gemeinde mit gutem Beispiel voran. Einigkeit bestand in der Überzeugung, dass es ein Privileg ist, in der Gemeinde Tutzing zu wohnen und dass sich der Einsatz dafür lohne, im Zusammenhalt der Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft höchste Priorität zu erkennen.

Quelle Titelbild: L.G.
ID: 2553
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Kommentare

Der Zuzug nach Tutzing hat aber auch sein Gutes: Mehr Menschen kaufen hier ein ( warum eneuert sonst EDEKA seinen Markt mit größerm Angebot ? Und unterhält zwei weitere Märkte im Ort ? ) und nutzen auch die örtlichen Kulturangebote. Ich habe viele neue Besucher im KurTheater bekommen die sich als Tutzing-Neulinge vorgestellt haben und es toll finden das es hier ein Kino gibt ....

Die Bauverdichtung kann nur durch restriktives "Nein" der Baubehörden gestoppt werden aber bekanntlich bestimmt das "Kapital" was im Ort passiert . Aber "Palazzos Protzos" mit viel Grundstück drumherum könnte man ja verhindern. Preiswerter Wohnen wird daher eine Illusion bleiben und mit Neubauten für sozial Schwächere nimmt die Verdichtung auch zu. Die "Grünen-Bündnis 90" haben da ganz gute Vorschläge gemacht. Ob die allerdings realisierbar sind ist fraglich. Man kann nur hoffen.
Michael Teubig KurTheater Tutzing.
Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Tutzing fällt im Vergleich mit anderen Gegenden Deutschlands, in denen ich bereits gelebt habe, spürbar schlechter aus. Und ein sehr gutes Beispiel für diesen Mangel an Interesse am Anderen ist das Verhältnis der Alten zur Jugend: Haben wir doch tatsächlich eine Gemeinde mit knapp 10.000 Einwohnern geschaffen, in der es kein Jugendheim gibt oder einen gleichwertigen Anlaufpunkt für junge Menschen. Und vielleicht liegt der noch größere Skandal in dem Umstand begründet, dass dies hier nicht einmal als Skandal empfunden wird.