Der Andechser Hof ist in diesen Tagen immer wieder mal ein Treffpunkt. Aber nicht, wie früher, als Gastwirtschaft - diese Zeiten sind seit ziemlich genau zehn Jahren vorbei. Zehn Jahre Leerstand des Andechser Hofs Aber vor dem Gebäude kommen Passanten miteinander ins Gespräch, blicken auf das mehr und mehr verwahrlosende Anwesen, können es kaum fassen, wie die ehemalige Traditionswirtschaft weiter verfällt.
Der Andechser Hof ist zu einem weiteren Tutzinger Dauerbrenner neben dem jahrzehntelangen Stillstand auf dem Seehof-Grundstück geworden. Aber heute könnte es eine Entscheidung geben, die zumindest Hoffnungen auf einen Fortschritt mit sich bringen könnte. Um 17 Uhr tagt heute Nachmittag der Bau- und Ortsplanungsausschuss des Gemeinderats im Traubinger Buttlerhof – und bei dieser Sitzung soll der Andechser Hof Thema sein. „Bebauungsplan Nr. 78 „Ortszentrum Tutzing“, Teilbebauungsplan 4.1 „ehem. Andechser Hof“; Billigungsbeschluss“ steht auf der Tagesordnung.
Die Stimmung in Tutzing scheint klar zu sein: Hauptsache, es tut sich was bei diesem Anwesen im Ortszentrum. „Inzwischen schon zehn Jahre blicken die Tutzinger mit Traurigkeit auf den geschlossenen Andechser Hof“, erklärt Dr. Wolfgang Behrens-Ramberg, Gemeinderat der „Tutzinger Liste“, Wirtschafts- und Tourismusreferent. „Was wir alle wollen, ist Leben auf der Hauptstraße, für die Tutzingerinnen und Tutzinger und für unsere Gäste“, sagt er: „Dazu gehört auch die geplante Gastronomie im Erdgeschoss mit dem dazugehörigen Biergarten.“
Sigrid Horn, die Vorsitzende des Tutzinger Fördervereins für Tourismus, versteht nicht, warum die Beteiligten keine Kompromisslösung finden können. „Optimal wäre es, wenn ein Bau im Zuge der Erneuerung der Hauptstraße errichtet würde“, sagt sie, „damit es nur einmal eine Baustelle gibt.“ Es sei schade, wenn bei solchen Objekten wie dem Andechser Hof, dem Seehof und dem Minigolfplatz nichts vorangehe, „bis alles runtergegammelt ist“. Marius Cammerer, Vorstandsmitglied im Tourismusverein, hält eine Wirtschaft für wichtig, in der man zusammensitzen kann. Er wünscht sich ein Miteinander: „Solange es kein gemeinsames Ziel gibt, kann es auch keine gute Lösung geben.“
Gemeinde macht Bebauungsplan ohne Investor
Bürgermeisterin Marlene Greinwald sagt dazu, in vielen Orten gebe es heute leer stehende Gasthäuser: „Da sind wir nicht allein - deshalb schockt mich der zehnjährige Leerstand gar nicht so sehr.“ Derzeit gilt für das Areal Andechser Hof noch eine Veränderungssperre, also ein Bauverbot. Bauverbot beim Andechser Hof
Die Bürgermeisterin versichert, sie sei an einer möglichst schnellen Lösung interessiert. Den Bebauungsplan mache die Gemeinde „ohne den Investor“, betont sie. Die Eigentümer des Andechser Hofs, das Ehepaar Kornelia und Georg Schuster, hatten im April vorigen Jahres öffentlich angekündigt, sie würden dieses Bauvorhaben vorerst nicht mehr realisieren, weil das Genehmigungsverfahren von Seiten der Gemeinde „unnötig in die Länge gezogen“ worden sei. Sie hätten „die notwendige Unterstützung in den letzten Jahren sehr vermisst“, kritisierten sie. Nach dem Kauf des Areals 2018 vom früheren Eigentümer Kloster Andechs seien sie mit Freude und Ideen an die Planung dieser „großen Herausforderung“ herangegangen. Doch ihre Zuversicht hätten sie leider schnell ‚begraben‘ müssen. Die Gemeinde hat diesen Vorhaltungen widersprochen und auf die hohen Hürden eines Bebauungsplanes für einen Biergarten und einen Gasthof mitten im Ort verwiesen. Stopp beim Andechser Hof
Langjährige Vorsitzende des Tourismusvereins fordert Erklärungen
„Wir wollten das neue Gasthaus im Dezember 2021 eröffnen“, erklärt Georg Schuster. Die Gründe für die langen Verzögerungen beim Andechser Hof sind für Außenstehende nicht zu erkennen. Kristina Danschacher, die langjährige Vorsitzende des Fördervereins für Tourismus, fordert klare Informationen: „Nach zehnjährigem Leerstand müsste man den Gemeinderat auffordern, öffentlich dazu Stellung zu nehmen, was in dieser Zeit wirklich gelaufen ist.“ 2425 Unterschriften hatte sie mit einer Aktion "Tutzing braucht den 'Andechser Hof'" schon vor Jahren gesammelt.
Die Eigentümer zeigen sich bis heute verständnislos. „Wir sind voll in die Planung der Gemeinde eingestiegen“, sagt Kornelia Schuster. Die Gastronomie sei durchgeplant gewesen, eine Brauerei habe mit den Eigentümern einen Vorvertrag über 20 Jahre vereinbart. Die Nutzungsvereinbarungen seien eine wesentliche Grundlage für die Finanzierung des Baus gewesen. Unter vorgesehenen Wohnungen seien 15 kleinere Wohnungen gewesen, für deren Nutzung durch Mitarbeiter des Krankenhauses zu relativ günstigen Mieten es bereits konkrete Absprachen mit dem Klinikbetreiber Artemed gegeben habe. Doch dann seien die Eigentümer mit der Forderung nach einem zweiten städtebaulichen Vertrag konfrontiert worden. Mit einem ersten städtebaulichen Vertrag hätten sich die Eigentümer bereits verpflichtet, die Kosten zu übernehmen. Der zweite städtebauliche Vertrag hätte dann nach ihren Angaben mit weiteren Auflagen verbunden sein sollen: Lebenslange Sicherung der Gastronomie und eine Vertragsstrafe ab sechswöchigem Stillstand der Gastronomie. „Wenn die Gastronomie zugesperrt würde, hätten wir nach sechs Wochen 5000 Euro monatlich Vertragsstrafe zahlen müssen“, sagt Georg Schuster. Er folgert: „Das wäre für uns eine doppelte finanzielle Belastung gewesen – keine Mieteinnahmen und dazu die Vertragsstrafe.“
Darauf angesprochen sagt Bürgermeisterin Greinwald: „Wir wollen uns nicht auf eine zeitliche Beschränkung der Gastronomie einlassen, sondern erreichen, dass es auf Dauer eine Gaststätte bleibt.“ Solche Bestimmungen für Sondergebiete gebe es in Bebauungsplänen immer wieder, so beispielsweise auch beim Seehof für ein Hotel. An die Festlegung einer Vertragsstrafe ab sechswöchigem Stillstand erinnere sie sich nicht. Städtebauliche Verträge könne man aber auch im Einvernehmen wieder ändern.
Bei den Eigentümern melden sich immer wieder Interessenten
Unter wessen Regie es künftig beim Andechser Hof weitergehen wird, ist offen. „Bei uns melden sich immer wieder Interessenten“, sagt Georg Schuster. Einige Pläne sind bereits in Gemeinderatssitzungen besprochen worden, scheinen jedoch nicht gut angekommen zu sein. Unter anderem stand in einer Sitzung im vorigen Jahr bereits ein Vorbescheidantrag für den Bau eines Mehrfamilienhauses mit einer Gewerbeeinheit im rückwärtigen Bereich auf der Tagesordnung. Der Gemeinderat hat die Anfrage nach der Möglichkeit eines solchen Neubaus verneint. Gespräche mit einem potenziellen Investor über eine andere Planung als bisher vorgesehen haben offenbar vor einiger Zeit in nicht-öffentlicher Sitzung des Gemeinderats stattgefunden, doch auch dieses Vorhaben scheint auf Kritik gestoßen zu sein. Dabei soll es um eine Bebauung vor allem mit Wohnungen und auch einer Gaststätte gehen, doch die Gastronomie scheint dabei eher an Bedeutung zu verlieren. Zu Details macht Bürgermeisterin Greinwald auf Anfrage keine näheren Angaben, sie sagt aber: „Was uns dieser Investor vorgestellt hat, das hat uns nicht gefallen – wir haben ihm gesagt, dass wir es so nicht gern hätten.“ Bei so einem Grundstück in Tutzing werde halt auf möglichst hohe Bebauung spekuliert. Georg Schuster argumentiert dagegen, bei seiner Planung sei es um wenig Baurechtmehrung gegangen. Viel mehr Baurecht werde dagegen an anderen Stellen im Ortszentrum geschaffen, so beim Nachfolgebau des früheren Tengelmann/Edeka-Markts gegenüber der Marienstraße oder beim Bau gegenüber dem Gymnasium. Für diese Neubauten habe es im Gemeinderat relativ schnelle Zustimmung gegeben, ganz im Gegensatz zum Andechser Hof, sagt er verständnislos.
"Zum Aufbruch im Ortszentrum gehört auch der Andechser Hof"
Für Wirtschaftsreferent Behrens-Ramberg reicht dieses Thema weit über den Andechser Hof hinaus. Er rückt es in Zusammenhang mit Neugestaltungen an etlichen Stellen des Tutzinger Ortszentrums. So verweist er auf die bevorstehende Erneuerung der Hauptstraße im Ortszentrum, Neubauten wie an der Hauptstraße 19 (Kohlen-Müller/Edeka) und Nummer 56 (ehemals Bäckerei Meier) sowie die Platzgestaltung am Vetterlhaus und bei der Marienstraße. Diesen Aspekt betont auch Sigrid Horn, die Vorsitzende des Tourismusvereins. Eine gute Kombination attraktiver Angebote in der Ortmitte hat für sie hohe Bedeutung: Hier der Andechser Hof mit seinem Biergarten, auf der anderen Seite der Tutzinger Hof ebenfalls mit Biergarten, gegenüber demnächst ein neues Bistro, nicht viel weiter das soeben eröffnete neue Café Erin und weitere Angebote: „Die Mischung macht’s – das wäre toll.“
Behrens-Ramberg erwähnt auch das Programm „ISEK“ und nachfolgend finanzielle Mittel des Städtebauförderungsprogramms, die mit vielen Erwartungen für Tutzing verbunden werden. Für ihn steht fest: „In diesen Aufbruch im Ortszentrum gehört auch der Andechser Hof.“ Er wünsche sich, dass sich die Gemeindeverwaltung gegenüber Gesprächen mit potenziellen Investoren aufgeschlossen zeige, parallel zur Weiterführung des Bebauungsplans bis zum Satzungsbeschluss. „Mehr Leben in der Hauptstraße kommt allen zugute“, betont Behrens-Ramberg, „den Bürgerinnen und Bürgern, Handel, Dienstleistung und Gastronomie und damit dem gesamten Ort.“
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