Wirtschaft
17.9.2026
Von vorOrt.news

Vom Wohnpark zum Werksgelände

Verla-Pharm will Fertigung in Tutzing ausweiten – Mehrere Neubauten neben der Firmenzentrale geplant

Vor drei Jahren hat der Gemeinderat noch den Bau eines parkartigen Wohnquartiers mit Mitarbeiterwohnungen für Verla-Pharm beschlossen. Jetzt soll aus dem Johannispark doch vor allem eines werden: mehr Platz für die Produktion. Der Tutzinger Arzneimittelhersteller will den westlichen, bislang für Wohnbebauung vorgesehenen Teil seines Betriebsgeländes an der Bernrieder Straße überplanen und in Gewerbefläche umwandeln. Das haben Vertreter des Unternehmens und seiner Planer am Dienstag im Gemeinderat angekündigt. Das sei eher ungewöhnlich, kommentierte Bürgermeister Ludwig Horn - schließlich seien die Bodenpreise für Wohnbebauung höher als die für Gewerbe.

Zentralisierung statt Fremdvergabe

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Auf dieser Fläche sind die neuen Firmenbauten vorgesehen. Rechts das so genannte "Sudhaus".

Nach Darstellung der Verla-Geschäftsführer Simon Stich und Philipp Lemke geht es um betriebliche Zwecke. Nach ihren Angaben sollen künftig alle Produktionsschritte und Firmenteile, die bislang an anderen Standorten laufen, in Tutzing gebündelt werden. Simon Stich, seit 27 Jahren im Unternehmen und seit zwölf Jahren einer der beiden Geschäftsführer, erläuterte dem Gremium den Hintergrund: Die heutige Produktionshalle sei 1993 in Betrieb gegangen. Seitdem habe sich der Umsatz vervierfacht – nicht nur durch höhere Preise, sondern vor allem durch mehr Menge.

Weil die eigene Fertigungskapazität damit nicht mithalten konnte, lässt Verla-Pharm nach eigenen Angaben inzwischen rund die Hälfte seiner Produktion extern fertigen – von Lohnherstellern. Nach der Menge ist inzwischen laut Stich ein Produkt an der Spitze, das Verla nicht selbst herstellt.

Das soll sich künftig wieder ändern: In Zeiten unsicherer Lieferketten und schwankender Rohstoffverfügbarkeit will das Unternehmen mehr Fertigung wieder selbst in der Hand haben. Wie groß der Bedarf inzwischen ist, machte Stich an einem Beispiel fest: Erst im August habe man festgestellt, dass die Nachfrage nach einem tiermedizinischen Präparat des Unternehmens einen neuen Zwölfmonats-Höchststand erreicht habe. Für solche Produkte fehle im bestehenden Werk schlicht der Platz. Nebenbei wurde damit bekannt, was viele noch nicht wussten:dass Verla-Pharm neben Humanarzneimitteln auch einige Veterinärprodukte herstellt. Sie machen bisher weniger als ein Prozent des Umsatzes aus, stehen aber für Angebotsausweitungen.

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Nach dem Vorbild einer Brauerei

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Industrieviertel zwischen Würmseestadion (links), Supermärkten (im Hintergrund) und Sudhaus (in der Mitte): Visualisierung der Verla-Planung © Präsentation von Verla-Pharm und io-Consultants im Tutzinger Gemeinderat

Für die Gestaltung des neuen Produktionsgebäudes hat sich Verla-Pharm externe Unterstützung geholt: das Heidelberger Unternehmen io-consultants, das sich nach eigener Beschreibung auf Planung und Beratung für die Industrie spezialisiert hat. Chefplaner Dr. Thomas Centner hat im Gemeinderat gemeinsam mit Architekt Bastiaan van der Beek das Konzept vorgestellt. Untersucht worden sind nach ihren Angaben zwei Varianten: Zum einen ein vertikaler Materialfluss, bei dem die Produktion – ähnlich wie in einem Silo oder einer Brauerei – von oben nach unten läuft, damit nichts mehrfach nach oben transportiert werden muss. Und zum anderen ein horizontaler Fluss, bei dem die Tabletten auf einer Ebene von der Herstellung zur Verpackung wandern. Geplant worden sei am Ende von innen nach außen – ausgehend von den Produktionsprozessen hin zur Architektur, nicht umgekehrt.

Was da zwischen dem Würmseestadion und der Dreifachturnhalle auf der einen Seite, den Supermärkten auf der anderen Seite und der bestehenden Verla-Zentrale an der Bernrieder Straße an neuen Unternehmensgebäuden geplant ist, wirkte auf Entwurfsbildern und einem Video, das zusätzlich vorgeführt wurde, recht imposant – wie ein neues Industrieviertel. Das "Sudhaus" daneben wirkte auf diesen Visualisierungen gar nicht mehr so herausragend wie bisher.

Das Gesamtvorhaben sei unbedingt unterstützenswert, sagte Dr. Joachim Weber-Guskar (FDP), aber die Größe, die Komplexität und die Flächenversiegelung seien auffallend. Er fragte nach der Möglichkeit, die Gebäude tiefer zu legen. Aber in der Tiefe sei man bereits, antwortete Centner. Das Hochregallager reiche bereits fünf Meter in die Tiefe. Noch tiefer in den Untergrund zu bauen, würde unter anderem Wasserprobleme verursachen.

Caroline Krug (ÖDP) vermisste konkrete Angaben zur Höhenentwicklung, zu den Abstandsflächen und dazu, ob die Gebäude kleiner oder größer als das Sudhaus werden sollen. Die Abstandsflächen sollen etwa mit sieben Metern ausreichend sein, sagte dazu Architekt van Bastiaan, weitere Konkretisierungen gab es noch nicht.

Lastwagen und Schulkinder sollen sich nicht mehr in die Quere kommen

Ein Detail, das bei einem früheren Ortstermin aufgefallen war, floss ebenfalls in die Planung ein: Vor dem heutigen Werk kreuzen sich bislang Lastwagenverkehr und der Rad- und Fußverkehr von Kindern und Jugendlichen, die zum benachbarten Sportplatz unterwegs sind. Das soll künftig entzerrt werden: Der Lkw-Verkehr soll über die Seite der Edeka-Zufahrt geführt und damit von der Schul- und Sportseite getrennt werden, während der Radverkehr weiterhin wie gewohnt von vorn aufs Gelände kommt.

Bedarf an Wohnungen wird zurzeit nicht als akut eingestuft

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Sie haben die Erweiterungspläne im Gemeinderat vorgestellt: von links Architekt Bastiaan van der Beek, die Verla-Geschäftsführer Philipp Lemke und Simon Stich sowie Chefplaner Dr. Thomas Centner © L.G.

Einige Diskussion im Gremium hat die Zukunft der Wohnbaufläche ausgelöst. Dort, wo Verla-Pharm nun mehr Gewerbefläche beansprucht, sollten nach Plänen von 2022 ursprünglich bis zu 70 Mitarbeiterwohnungen entstehen, verteilt auf fünf Mehrfamilienhäuser und sechs Doppelhäuser. Die 2023 beschlossene dritte Änderung des Bebauungsplans Nr. 39 sah dafür zuletzt rund 48 Wohneinheiten vor. Tobias Möller (Grüne) wunderte sich über die Abkehr von den Wohnungen, die doch für Mitarbeiter geplant gewesen seien – schließlich würden mit der Erweiterung des Gewerbes wohl auch mehr Arbeitsplätze entstehen, und für die betreffenden Beschäftigten werde bestimmt auch Wohnraum benötigt.

„Bisher haben wir alle Anfragen bedienen können“, sagte Geschäftsführer Stich dazu. Der große Bedarf an Wohnungen sei derzeit „nicht so akut“. Falls er doch größer werden sollte, dann sei es einfacher, im Ort etwas anzuschaffen. Tatsächlich hat das Unternehmen nach Stich Angaben bereits zwei Häuser in der Nachbarschaft des Werksgeländes erworben. Eines davon ist komplett saniert und wird schon von Mitarbeitenden bewohnt, im zweiten wird nun die erste frei gewordene Wohnung ebenfalls an Beschäftigte vergeben.

Wohnungen direkt neben einer wachsenden Produktion haben aus Sicht der Verla-Geschäftsführung auch praktische Nachteile: Wo Familien mit Kindern unmittelbar an Anlieferverkehr und Logistik grenzen, seien Konflikte programmiert.

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Die ursprüngliche Planung für den "Johannispark": 70 Wohnungen sollten auf diesem Gelände entstehen © Büscher Architekturbüro

Anderswo werden Firmenstandorte geschlossen - nach Tutzing wird Produktion zurückgeholt

Dass es an diesem Standort mit noch größerer Fertigung als bisher weitergehen soll, stieß im Gemeinderat durchweg auf Zustimmung. Besonders beeindruckt zeigte sich Dr. Thomas von Mitschke-Collande (CSU) von dieser Rückholung einer Produktion durch ein örtliches Unternehmen: Heute sei es oft genau umgekehrt – Standorte von Unternehmen in den Orten würden geschlossen.

Bernd Pfitzner (Grüne) wies darauf hin, dass Verla-Pharm zu den größten Arbeitgebern und wichtigsten Gewerbesteuerzahlern der Gemeinde gehört. Er fragte nur, weshalb nur auf einem Teil der Dächer Photovoltaik vorgesehen sei. Das sei die gesetzlich hierfür vorgesehene Mindestfläche, erwiderte Centner. Ob es mehr werden wird, das sei eine weitere Aufgabe im Planungsverlauf.

Horn: „Gewerbeplanungen in der Gemeinde Tutzing sind nicht sehr häufig“

Wie viele neue Arbeitsplätze der Neubau schaffen wird, konkretisierten die Verantwortlichen an dem Abend nicht genau. Moderne, schnellere Anlagen benötigten pro Produktionsschritt teils deutlich weniger Personal als die teils jahrzehntealten Maschinen, die aktuell im Einsatz sind – nach Angaben der Geschäftsführung bis zu 40 Prozent weniger. Gleichzeitig sollen die geplante Zentralisierung und das Wachstum aber auch neue Stellen mit sich bringen.

Ähnlich vorsichtig fiel die Antwort auf eine Frage von Christine Feichtmeier (SPD) zur Zahl der künftigen Stellplätze aus: Man erfülle die gesetzlichen Vorgaben – doch wie viele Autos tatsächlich hinzukämen, hänge auch davon ab, wie viele Mitarbeitende künftig mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen.

Bürgermeister Horn bekräftigte zum Abschluss noch einmal die positive Beurteilung: „Gewerbeplanungen in der Gemeinde Tutzing sind nicht sehr häufig“, betonte er. Nach den Worten von Bauamtsleiter Christian Wolfert werden aus dem bisherigen Bebauungsplan bei einer Änderung etliche Elemente übernommen werden können. Er verwies aber auch auf diverse noch zu prüfende Aspekte. Weil es sich um eine massive Planung handele, sei ein Meinungsbild im Gemeinderat sinnvoll.

Dem folgte der Gemeinderat durch einen einstimmigen Beschluss, mit dem er sich grundsätzlich für diese Bebauung aussprach. Nun muss Verla-Pharm den Antrag auf eine weitere Änderung des Bebauungsplans Nr. 39 stellen. Anschließend wird sich der Gemeinderat mit diesem Antrag befassen – und wenn er befürwortet wird, sagte Wolfert, „kann das Bebauungsplanverfahren losgehen.“

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Kommentare

Das sind doch mal gute Nachrichten für die Gemeinde Tutzing. Dass es jetzt noch nicht auf alle Fragen Antworten gibt, keine Überraschung zu diesem Planungszeitpunkt.

Die Fragen, die von Herrn Rekus aufgeworfen werden, sind alle berechtigt. Sie haben aber eigentlich nichts mit dem geplanten Vorhaben zu tun, von daher sollte man diese Fragen nicht zu wichtig nehmen. Die angesprochenen Eventualitäten können alle auch ohne die geplanten Erweiterungen des Werks eintreten. Solche Investitionen, die Verla hier plant, sind aber sicherlich nicht auf eine kurzfristige Perspektive ausgelegt. Von daher bleibt es erst mal eine sehr gute Nachricht.

Und so sehr ein Gespräch des Gemeinderats mit den Gesellschaftern der Firma Verla immer eine richtig gute Idee ist, sollte es dabei eher um die Unterstützung der Gemeinde für die Zukunft von Verla in Tutzing gehen, als um Themen/Spekulationen zu denen sich kein verantwortungsbewusster Gesellschafter vorab äussern kann/sollte.

Vielleicht liessen sich aber die Fragen nach Wohnraum, zunehmendem LKW Verkehr und Flächenversiegelung in einem solchen Gespräch konkret und konstruktiv adressieren. Alle Lösungen, die über ein gestiegenes Gewerbesteueraufkommen hinausgehen, wären grossartig. Ich freue mich auf die weiteren Entwicklungen.
Das klingt ja alles sehr schön, was man da dem Gemeinderat erzählt hat. Aber wenn man zwischen den Zeilen liest dann ergeben sich folgende Punkte für mich:
Mehr Oberflächen versiegelung
Mehr LKW Verkehr, mit der frage wo kommt denn der her? Soweit ich weiß kann er nur von Norden kommen und quer durch Tutzing fahren.
Mehr Wohnraum wie versprochen gibt es nicht sonder stattdessen wird der eh knappe Wohnraumnoch durch eine Unternehmen dem öffentlichen Markt genommen.
Mehr Arbeitsplätze, da gibt es keine Infos ausser das die hochmoderne fertigung sehr wenig Personal benötigt.
Und das alles wofür?
Da kommt eine wirklich schwere Abwägung auf unsere Gemeinderäte zu ... so vieles ist wirklich wichtig für Tutzing, doch auch diese Grundstücke kann man nur 1x nutzen:
Wohnraum ist echte Mangelware in Tutzing, v. a. die bezahlbaren Preissegmente für Normalos.
Gewerbesteuern & Arbeitsplätze werden allerdings auch immer für Tutzing grundlegend überlebensnotwendig bleiben.

Dies für die kommenden Jahre & Jahrzehnte klug abzuwägen, wird für uns in Tutzing und stellvertretend im Gemeinderat nicht einfach werden !
In Zeiten, in denen prosperierende Mittelständler rasch zum Übernahmekandidaten werden; dann blüht die Angst um Arbeitsplätze, Steuern und eine Standortschließung rasch wieder auf?
Weiss man denn, welche langfristigen Pläne die Eigentümer(familie) und möglichst auch die nächste (Erben)Generation so hat?
Soll ein alteingesessenes Tutzinger Familienunternehmen auch ein Tutzinger Familienunternehmen bleiben?
Was wenn sich die weltweite Lage endlich wieder entspannt, und dann andere Standorte in anderen Regionen wieder mit sozialem, ökologischen & steuerlichen Dumping locken?
(Bearbeitet)