Wirtschaft
26.4.2022
Von vorOrt.news

„Von arbeitenden Firmen leben wir“

Tutzings Bürgermeisterin Greinwald betont die Bedeutung des Gewerbes für die Gemeinde

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*) Der Nettobetrag ist der nach Abzug von Umlagen bei der Gemeinde verbleibende Betrag © Gemeinde Tutzing, Haushaltsplan 2022

Die Gemeinde Tutzing will mehr Gewerbe anlocken. Das hat Bürgermeisterin Marlene Greinwald kürzlich bei der Einweihungsfeier des Unternehmens W.A.F. gesagt, dessen Zentrale im Ortsteil Kampberg in relativ kurzer Zeit deutlich erweitert worden ist. „Studio Kampberg“ ist sendebereit Für Tutzing sei dieses Unternehmen auch in finanzieller Hinsicht wichtig, sagte Greinwald. Dabei verwies sie erfreut darauf, dass die Wirtschaftskrise und auch Corona die Tutzinger Gewerbesteuereinnahmen nicht etwa gesenkt, sondern sogar erhöht habe.

Für das ganze Jahr 2021 waren die Gewerbesteuer-Einnahmen der Gemeinde Tutzing mit 4,3 Millionen Euro eingeplant worden, doch tatsächlich sind sie auf 5,7 Millionen Euro gestiegen. Das ist ihr bisheriger Höchststand in Tutzing. In den Zahlen des Haushaltsplans 2022 spiegelt sich dies noch nicht wider. Für das laufende Jahr steht dort ein Ansatz von 5,3 Millionen Euro (siehe Tabelle).

W.A.F., ein auf die Fortbildung von Betriebsräten spezialisierter Seminarveranstalter, hatte vor der Corona-Krise allein rund 1,2 Millionen Euro Gewerbesteuer bezahlt. Und auch in diesem Jahr sieht es in dieser Hinsicht nicht schlecht aus: Vorstandsmitglied Christian Lütgenau rechnet mit einem Wachstum um rund 20 Prozent auf etwa 55 000 Seminar-Teilnehmer gegenüber dem letzten Jahr vor Corona, 2019.

Bürgermeisterin Greinwald betonte bei der Einweihungsfeier ausdrücklich die Bedeutung des Gewerbes für die Gemeinde Tutzing: „Das ist unser Brot.“ Denn der Anteil der Kommunen bei der Lohn- und Einkommensteuer sei gedeckelt: „Von arbeitenden Firmen, Betrieben und Geschäften leben wir – das können wir weitergeben für Schulen und andere Pflichtaufgaben, und wenn noch etwas übrigbleibt, auch für andere Aufgaben.“

Die Erweiterungsbauten von W.A.F. an der Blumenstraße in Kampberg sind innerhalb von nur einem Jahr errichtet worden. Die Kosten von 15 Millionen Euro konnte das Unternehmen gut finanzieren, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Rüdiger Marquardt, der W.A.F. vor knapp vier Jahrzehnten zusammen mit Günther Gerhard, dem früheren Feldafinger Bürgermeister, gegründet hat. Die Eigenkapitalquote beträgt nach seinen Worten 100 Prozent.

Viel Anerkennung zollten die Verantwortlichen der Firma der Gemeinde Tutzing und dem Landratsamt wegen schneller Genehmigungen. „Sie haben hier in kürzester Zeit Baurecht geschaffen“, sagte Marquardt anerkennend.

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Schnell gebaut werden konnten die neuen Bauten von W.A.F.. Das Bild zeigt eine Visualisierung der erweiterten Firmenzenterale im Tutzinger Ortsteil Kampberg. © W.A.F. / HK Architekten + Ingenieure
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Landrat Frey schaltete sich ein - aber ein Problem konnte auch er nicht lösen

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Kantine und Aufenthaltsraum bei W.A.F. in Kampberg © L.G.

Es war allerdings ein Lob mit Einschränkungen. Beim Landratsamt Starnberg, sagte Marquardt, hänge über der Tür ein unsichtbares Schild: „Da steht ‚nein‘ drauf.“ Wegen der zunächst ablehnenden Haltung habe man den Starnberger Wirtschaftsförderer Christoph Winkelkötter um Hilfe gebeten. Das war offenbar genau zu der Zeit, als Stefan Frey zum neuen Landrat des Landkreises Starnberg gewählt worden ist. Winkelkötter wandte sich an Frey, der sich der Kampberger Angelegenheit sofort persönlich angenommen hat, erzählte Marquardt den Einweihungsgästen.

Für den neuen Landrat war das offenbar eines der ersten Projekte in seinem neuen Amt. Ein weiteres Problem konnte aber auch Frey nicht lösen: Zusätzlich zur Firmenerweiterung wollte W.A.F. auch noch Wohnungen errichten - für seine Mitarbeiter, vielleicht auch für andere. Aber bei dem Areal handelt es sich um ein reines Gewerbegebiet – und das Landratsamt hat dieses Ansinnen abgelehnt, wie Unternehmensvorstand Christian Lütgenau bei der Einweihungsfeier bedauernd mitgeteilt hat. Wohnungsbau in Kampberg gescheitert

"Man darf nicht gegeneinander arbeiten"

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"Es muss ein Miteinander sein": (Von links) W.A.F.-Verantwortliche Günther Gerhard, Rüdiger Marquardt und Christian Lütgenau mit Tutzings Bürgermeisterin Marlene Greinwald. © L.G.

Mit der Genehmigung für die Gewerbebauten aber ist alles sehr schnell gegangen. Das liege nicht nur an der Gemeinde und den Behörden, sagte Tutzings Bürgermeisterin Greinwald. „Es liegt auch an Ihnen“, rief sie den Verantwortlichen des Unternehmens zu. Ein wesentliches Problem sieht sie in anderen Fällen darin, dass manche Bauwerber mit immer neuen Wünschen kämen. „Man darf nicht gegeneinander arbeiten, es muss ein Miteinander sein“, betonte sie.

Ähnlich urteilte Christoph Winkelkötter, der Chef der für den Landkreis Starnberg zuständigen Wirtschaftsfördergesellschaft gwt: „Wenn alle an einem Strang ziehen – Bauwerber, Gemeinde, Kreisbauamt -, dann passt es.“ Der Bauunternehmer Dieter Glass war sichtlich neidisch auf Tutzing und den ganzen Landkreis Starnberg. Anderswo werde Vieles von Bürokratie beherrscht. Der Landkreis Starnberg und Tutzing, sagte Glass, seien in dieser Hinsicht Vorbilder.

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Nach der Einweihungsfeier gab es in den Räumen des Kampberger Unternehmens noch viel Gesprächsstoff - auch über die Bedeutung des Gewerbes für eine Gemeinde wie Tutzing © L.G.
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Kommentare

Sie haben gewiss einen vollen Tag, liebe Frau Greinwald, das ist mir sehr bewusst. Auf der anderen Seite interessiert es mich wirklich und beschäftigt es mich als Bürger der Gemeinde sehr, wie Sie damit umgehen wollen, dass Gewerbeansiedlung bislang mit Bodenfraß einhergeht. In Bayern wurden 2020 täglich knappe 12 Hektar Freiflächen versiegelt. Täglich wohlgemerkt. Und jeder fehlende Quadratmeter Boden wirkt sich negativ auf das Klima aus und schwächt die Widerstandskraft der Natur gegenüber den Klimawandelfolgen. Der zurückliegende Sommer war wieder einmal der heißeste seit Beginn der Messwerterfassung. Und natürlich auch in diesem Jahr werden den Planeten wieder mehr Brände, Fluten, Erdrutsche, Hitzewellen- und Trockenphasen, immer weiter absinkende Grundwasserpegel, Starkstürme und andere menschengemachte Katastrophen ins Haus stehen. Und ausnahmslos alle BürgermeisterInnen dieser Erde nehmen bei all den Entscheidungen, die zu Lasten der Natur und des Klimas getroffen werden, für ihren Verwaltungsbezirk besondere Härten in Anspruch. Was in der Summe in genau die Klimakatastrophe mündet, der wir gerade beiwohnen. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir noch etwas ändern könnten. Insofern würde ich wirklich sehr gerne wissen, wie Sie als politische Leitung Tutzings mit der Herausforderung umgehen wollen, diesen Wiederspruch auflösen zu müssen.
"Von arbeitenden Firmen leben wir". Warum diese Entmenschlichung ? Nennen wir die Sache doch klar beim Namen: Der Staat (hier: auch die Gemeinde) lebt von dem, was einzelne Menschen und Menschen in Unternehmen täglich erwirtschaften. Sorry, will hier allenfalls mit Sandkörnern werfen. Aber politisches Geschwurbel, egal von wem, ist mir nur noch schwer erträglich:-)
Sie kündigen an, liebe Frau Bürgermeisterin, in Tutzing mehr Gewerbe ansiedeln zu wollen. Als Selbständiger begrüße ich es sehr, wenn Unternehmer willkommen sind und unterstützt werden. Eine Frage habe ich in dem Zusammenhang aber dennoch an Sie. Leben wir doch gerade in einer Zeitenwende, die durch eine verheerende Klimakrise bestimmt ist. Die bedroht die ganze Welt massiv und deren Folgen sind auch in Deutschland immer deutlicher spürbar. Vor dem Hintergrund und eingedenk der jüngsten IPCC-Veröffentlichungen ist es zwingend geboten, bei allen Entscheidungen zur Ortsentwicklung die Ökologie mitzudenken. Und das heißt bei der Ortsentwicklung ganz konkret: weitere Bodenversiegelung sind auszuschließen. Der Flächenfraß muss auf Null zurückgehen, weil wir uns ansonsten der eigenen Lebensgrundlage berauben und zuvorderst unser aller Existenz gefährden. Und hier nun meine öffentliche Frage an Sie:

Wie wollen Sie die angekündigten Gewerbeansiedlungen umweltverträglich, d. h. ohne zusätzliche Bodenversieglungen realisieren?

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie sich so weit von der aktuellen Nachrichtenlage entfernt haben, dass Sie die Anbindung Tutzings an die globale Biosphäre nicht im Hinterkopf haben. Und ich kann mir ebenfalls kaum vorstellen, dass Sie als kommunale Leitung nicht Teil der Lösung sein wollen. Weil ich aber weder hier noch bei anderen Gelegenheiten je von Ihnen Aussagen zur ökologischen Thematik gehört habe, möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich nachfragen. Das Thema ist im Jahr 2022 nun wirklich zu bedeutsam, um schweigend darüber hinwegzugehen.