Bei W.A.F. soll das normale Geschäft wieder starten. Für den 25. Mai kündigt der im Tutzinger Ortsteil Kampberg ansässige Anbieter von Seminaren für Betriebsräte den Neubeginn seiner Veranstaltungen an. Wegen der Corona-Krise war seit Mitte März Schluss gewesen. 90 Prozent seiner 60 Mitarbeiter waren in Kurzarbeit, lediglich online wurden weiter Lernvideos und so genannte „Webinare“ angeboten.
Das dem ehemaligen Feldafinger Bürgermeister Günter Gerhard und seinem Partner Rüdiger Marquardt gehörende Unternehmen ist auch einer der wichtigsten Gewerbesteuerzahler in Tutzing, mit allein 1,2 Millionen Euro im vorigen Jahr. Der Vorstand hatte bereits angekündigt, dass dieses Geld für die Gemeinde wohl 2020 ausbleiben wird. Deutliche Finanzfolgen von Corona Ob sich daran mit dem nun wieder beginnenden Programm etwas ändert, wird wohl davon abhängen, wie sich das Seminargeschäft nach der erzwungenen Pause in den nächsten Monaten entwickeln wird.
Dies wiederum dürfte wesentlich von der weiteren Entwicklung der Unternehmen beeinflusst werden. Wenn in der Folge von Corona viele Firmen in Schwierigkeiten geraten oder sogar insolvent werden sollten, stellt sich die Frage nach den Konsequenzen für Anbieter wie WAF. In schlechten Zeiten wird an Schulungen, Fortbildungen und ähnlichen Aktivitäten am ehesten gespart. Aber es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die jeweiligen Betriebsräte in solchen Zeiten ganz besonders gefragt sind und dass es gerade dann Schulungsbedarf für sie gibt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der jeweilige Arbeitgeber nach dem Betriebsverfassungsgesetz solche Schulungen bezahlen muss. In Deutschland soll es rund 100 000 Unternehmen mit Betriebsräten geben.
Bis 2022 könnte der Neubau fertig sein
Nachdem solche Fortbildungsveranstaltungen früher weitgehend eine Spezialität von Gewerkschaften waren, haben sich in der Bundesrepublik mittlerweile neben ihnen rund 100 freie Anbieter in diesem Markt etabliert. Die drei größten von ihnen sind die Unternehmen ifB KG in Seehausen am Staffelsee, das Poko-Institut in Münster und W.A.F. Der Markt der Betriebsrat-Seminare teilt sich heute je etwa zur Hälfte auf Gewerkschaften und freie Anbieter auf - und ifB, Poko und W.A.F. vereinigen zusammen nach Schätzungen allein 80 Prozent des „freien“ Marktes auf sich.
Bis zum Stopp Mitte März dieses Jahres hatte W.A.F. etwa 500 Präsenzseminare abgehalten. Für das ganze Jahr hatte Vorstandsmitglied Christian Lütgenau rund 3500 Seminare erwartet. Dieses Ziel wird wohl kaum zu erreichen sein, aber vielleicht sind bis Jahresende noch 2000 bis 2500 Veranstaltungen möglich. Sie finden in der Regel in Hotels in ganz Deutschland statt. Die Kampberger Zentrale ist ein reines Verwaltungsgebäude.
Generell befindet sich das Unternehmen seit Jahren in Expansion. Deshalb ist in Kampberg schon seit einiger Zeit eine Erweiterung der Firmenzentrale geplant. Der Tutzinger Bauausschuss hat sie im März befürwortet. Einige Änderungen sind notwendig, doch dem Bau steht nichts mehr im Wege. Nach den bisherigen Plänen war die Grundsteinlegung noch vor dem Winter geplant, und bis 2022 sollte der Neubau fertig sein. Der Vorstand will ihn trotz der aktuellen Probleme „schnellstmöglich“ realisieren.
Das Unternehmen hat die Ausfallzeit gut überstanden
Dabei spielen wohl auch die für 2022 angesetzten nächsten Betriebsratswahlen eine Rolle. Sie finden alle vier Jahre statt, und üblicherweise werden bei ihnen rund 40 Prozent der Betriebsräte ausgetauscht.
Die „Neuen“ müssen sich erst einmal in die recht komplexe Thematik einarbeiten. Es gibt eine Menge von Basisthemen, bei denen ein Betriebsrat Bescheid wissen sollte, und darüber hinaus viele Spezialthemen: Arbeitsrecht, Betriebsverfassungsrecht, EDV, Lohn, Arbeitszeit, Tarifrecht, personelle Angelegenheiten, Rhetorik, soziale Belange, Umstrukturierungen. Dabei legen die W.A.F.-Vorstände auf Neutralität Wert - von Klassenkampf-Parolen, wie man sie von den Gewerkschaften kennt, wollen sie nichts wissen.
Die Ausfallzeit durch Corona stürzt W.A.F. offenbar nicht in dicke Probleme. „Unser Vorteil ist, dass wir keine Fixkosten haben“, sagt Lütgenau. Das Gebäude sei Eigentum der Muttergesellschaft, und außer den Gehältern der Mitarbeiter habe die W.A.F. keine Verpflichtungen wie etwa Leasingzahlungen oder Darlehenstilgungen. Das Unternehmen habe weder neue Kredite noch Soforthilfe vom Staat benötigt.
Auch die jeweiligen Seminarleiter werden die Pause verkraften können. Die meisten von ihnen sind Rechtsanwälte mit eigenen Kanzleien, für die diese freie Mitarbeit bei dem Tutzinger Unternehmen quasi ein Zubrot ist.



Kommentar hinzufügen
Kommentare