Fast scheint es auf die Kustermannstraße rollen zu wollen: Ein rotes Bobby-Car steht dort, gegenüber dem Mitterfeld, am Rand einer Garage. Aber das kleine Rutschauto ist angehängt, ein Kind sitzt nicht drauf. Das Minifahrzeug ist als Signal gedacht, so wie auch die grünen Figuren, „Street-Buddies“ genannt, die seit Tagen ebenfalls diese Straße zieren. „Die neue BAB Tutzing-Obertraubing“
Von den zahlreichen Autofahrern, die zurzeit auf dieser Strecke unterwegs sind, lassen sich nur wenige von solchen plakativen Hinweisen beeindrucken. Die enge, kurvenreiche Straße lässt ein Tempo, das viele von ihnen wohl wünschen, kaum zu, aber hinauf in Richtung Bundesstraße beschleunigen etliche doch, so gut es geht. In den Figuren und dem Bobby-Car steckt so etwas wie ein Aufschrei der Anwohner in dieser Gegend. Die Kustermannstraße ist zwar schmal, sie schlängelt sich durch den Wald und ist nicht in bestem Zustand, doch sie ist zu einer stark frequentierten Verbindungsstraße geworden, auf der viele Autofahrer den nervigen Staus auf der Hauptstraße entgehen wollen.
Die Anlieger haben Vorstöße bei der Gemeinde unternommen, Vorschläge für Gegenmaßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen und Kontrollen gemacht, der Bürgerverein „Tutzinger Liste“ hat Risiken und Empfehlungen in einem Positionspapier zusammengefasst und der Gemeinde zugeleitet. „Ball liegt beim Verkehrsausschuss“ Aber die Anwohner vermissen schnelle und erfolgversprechende Regelungen. Deshalb sind sie – zunächst mit Street-Buddies und Bobby-Car - zur Selbsthilfe geschritten.
Anlieger wollen Entschleunigung - Gemeinde will fließenden Verkehr
Die Gemeinde hat sich unterdessen zur Beibehaltung von Halteverbotschildern entlang der Kustermannstraße entschlossen. Sie waren eigentlich für den Winterdienst aufgestellt worden, damit er beim Räumen besser durchkommt, und sollten in der warmen Jahreszeit wieder entfernt werden. Die Verbotsschilder sollen fließenden Verkehr ermöglichen. Genau den wollen die Anlieger aber nicht: Sie halten parkende Autos für sinnvoller, weil sie eine Bremsfunktion für den Verkehr haben. Das bestätigt auch die Polizei, die allerdings gleichzeitig Gefahren in den parkenden Fahrzeugen sieht, so für Kinder, die zwischen ihnen hin und her laufen.
Greinwald: „Vielleicht muss man die Kinder tatsächlich begleiten, wenn es zu gefährlich ist“
In einer Sitzung des Verkehrsausschusses ging es kürzlich vor allem um die Halteverbotsschilder. Über andere Möglichkeiten wurde diskutiert, aber Beschlüsse darüber gab es nicht. „Vielleicht muss man die Kinder tatsächlich begleiten, wenn es zu gefährlich ist“, meinte Bürgermeisterin Marlene Greinwald. Sie verwies auf eine längerfristig geplante Sanierung der Kustermannstraße. Das wäre schon vor der Sanierung der Hauptstraße sinnvoll gewesen, sagen zurzeit viele Einheimische, weil ja die starke Nutzung dieser Straße während der Bauarbeiten abzusehen gewesen sei.
Kein Gehweg: Autofahrer fragt Oma, weshalb sie mit Enkel auf der Straße läuft
Mit der Sanierung an die Reihe kommen wird die Kustermannstraße nicht vor dem Jahr 2026, weil zuerst die Hauptstraße fertig werden soll. Und das wird mitsamt den Einmündungen der Nebenstraßen nach dem derzeitigen Zeitplan nicht vor 2025 der Fall sein. An der Kustermannstraße würden viele auch gern einen Gehweg sehen. Ein Autofahrer habe eine Dame, die mit ihrem Enkel zu Fuß in Obertraubing unterwegs war, gefragt, weshalb sie auf der Straße laufe, sagte Greinwald. „Wo soll sie denn sonst laufen?“, fragte sie: „Da gibt es keine andere Möglichkeit.“
Die Bürgermeisterin gab sich aber in Sachen Gehweg dennoch zurückhaltend. Grund: So ein Vorhaben sei schon vor Jahren an der mangelnden Bereitschaft von Anliegern zur Grundabtretung gescheitert. Dr. Thomas von Mitschke-Collande (CSU) brach dagegen eine Lanze für die Grundstückseigentümer: Der überwiegende Teil von ihnen würde seiner Meinung zu Abtretungen bereit sein, denn sie hätten ja ja Interesse an einem Gehweg. Er wehre sie dagegen, sie alle „in einen Topf zu werfen“, sagte er.
Straßenfläche zu Baulandpreisen
Generell seien aber die Eigentumsverhältnisse in diesem Bereich schwierig, sagte die Bürgermeisterin. Zum Teil sei die Straße in Privateigentum – und im Fall von Veräußerungen würden solche Flächen „zu Baulandprisen“ verkauft. Der Gemeinde gehöre teils „nur ein Meter in der Mitte der Straße“, sagte die Rathauschefin. Wenn die Gemeinde dann eine öffentliche Widmung vorhabe, gebe es oft große Verwunderung. Dass eine Straße zu Baulandpreisen verkauft wird, wollte Dr. Joachim Weber-Guskar aber überhaupt nicht glauben.
Kommentar hinzufügen
Kommentare
Sie wollen anscheinend, dass alles so bleibet, wie es ist. Nur ist halt leider nichts mehr so, wie es früher mal war. Schlagen Sie eine Zeitung auf und Sie werden sehen, dass dem Planet der Geduldsfaden gerissen ist. Hunderte von Hitztote in den letzten Wochen in der Äquatorialregion. Regionen rutschen unter unseren Augen in die Unbewohnbarkeit, das bestreitet kein ernstzunehmender Wissenschaftler mehr. In Tutzing hatten wir schon in der zweiten Juni-Hälfte Temperaturen deutlich über 30 Grad, und der Juli und August stehen uns erst noch bevor. Auf die hitzebedingte Übersterblichkeit auch hier im Ort kann man gespannt sein.
Meinen Sie nicht, vor dem Hintergrund gibt es gravierendere Probleme als die "freie Fahrt für freie Bürger"? Und meinen Sie nicht, wir sollten all diese Probleme endlich mal zusammendenken? Denn natürlich gehört das alles zusammen: Die in Tutzings Straßenverkehr gefährdeten Kinder, die absurd teure Abhängigkeit vom PKW, der erhebliche Anteil des Autos und seiner teuren Infrastruktur am CO2-Eintrag in die Atmosphäre und unser kommunaler Beitrag zur Lösung der Klima- und Artenkrise im Bereich des Verkehrs?
JETZT wäre es an der Zeit, diese Probleme in Angriff zu nehmen. Denn es wird meist ziemlich unschön, so sich das zum Problem gehörende Zeitfenster geschlossen hat.
Setzen Sie bei Gelegenheit einfach mal den Fuß vor die Türe Ihres Autos, dann haben Sie für die kurzen Distanzen schon die perfekte Lösung gefunden: zwei gesunde Beine machen diesen Schritt möglich. Und was die nicht leisten, bewältigen Fahrrad, E-Bike, der erwähnte ÖPNV, Fahrgemeinschaften und Car-Sharing. Kinder müssen dann nicht mehr mit dem Auto in die Schule gebracht werden, weil ihnen im autoarmen Straßenverkehr keine Gefahr mehr für Leben und Gesundheit droht. Und wenn Sie sich das gar nicht vorstellen können, dann schauen Sie sich im europäischen Ausland um, wo das in vielen Kommunen schon Alltag ist. Wir Deutschen brauchen für alles ja immer ein wenig länger …