Verkehr
11.1.2020
Von vorOrt.news

Mitfahrbänke in Tutzing geplant

Gemeinde will finanzielle Mittel bereitstellen - Haftpflichtversicherung gilt auch für Dritte

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Wer hier sitzt, signalisiert: Wir würden gern mitgenommen werden © HUK-Coburg/Hagen Lehmann

Die Buslinien decken in Tutzing noch längst nicht den Bedarf ab. Viele Stellen der Gemeinde sind überhaupt nicht mit regelmäßig fahrenden öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Zumindest einige solche Lücken sollen künftig durch so genannte „Mitfahrbankerl“ gefüllt werden. Wer sich auf so eine Bank setzt, signalisiert damit vorbeikommenden Autofahrern, dass er gern mitgenommen werden möchte. Trampen auf moderne Weise gewissermaßen. Solche Bänke sind allerdings keine Haltestellen für Privatautos. Sie dienen nur als Hilfe für Personen, die einsteigen wollen, nicht zum aussteigen. Aber nette Leute fahren die Mitgenommenen ja vielleicht sogar zu ihrem Ziel - im Gegensatz zu einem Bus.

Solche Sitzgelegenheiten sollen demnächst an allen möglichen Plätzen in Tutzing und in den Ortsteilen aufgestellt werden. Als denkbare Standorte genannt wurden bisher das Rathaus, der Bahnhof und das Würmseestadion sowie Diemendorf, Kampberg, Unterzeismering und Traubing. Angeregt worden sind auch schon konkrete Fahrten von und in die Nachbarorte Feldafing und Bernried in Abstimmung mit diesen Gemeinden, besonders von Traubing und Unterzeismering aus. Ob sich so etwas organisieren lässt, muss sich zeigen, denn der Grundgedanke ist ja die Mitnahme bei Privatfahrten, nicht ein regelmäßiger Fahrdienst. Aber mit Ideen könnte wohl auch mehr daraus werden.

So eine Bank soll 400 Euro kosten, sagte Bürgermeisterin Marlene Greinwald kürzlich in einer Sitzung des Umwelt-, Energie- und Verkehrsausschusses. Im Zuge der Debatte wurde auch bekannt, dass die Gemeinde dafür finanzielle Mittel bereitstellen will. Die Grünen haben das Plädoyer für solche Mitfahrbankerl durch einen Antrag im Ausschuss bekräftigt. Bürgermeisterin Greinwald sagte dazu, dass darüber längst Gespräche liefen, auch mit ihrem Bernrieder Amtskollegen Josef Steigenberger. Denn eine Verbesserung der öffentlichen Verkehrsverbindungen, die als dringend betrachtet wird, ist ein gemeinde- und landkreisübergreifendes Thema. Das gilt auch für öffentliche Busverbindungen.

Laut Greinwald gibt es auch bereits einige Spender für Mitfahrbänke. Das Interesse am Mitfahren wird als relativ groß eingeschätzt. Früher war das anders. In den 1990er Jahren gab es in Tutzing eine Mitfahrinitiative mit „roten Punkten“ als Signal, die aber damals nicht angenommen wurde, erinnerte Renate Geiger (SPD).

HUK-Coburg: Einer gelegentlichen Mitnahme Fremder steht nichts im Wege

Mögliche Probleme sind im Ausschuss ebenfalls zur Sprache gekommen, so etwa Sorgen von Eltern, die ihre Kinder nicht mit Fremden mitfahren lassen wollen. Die Stadt Venningen in Rheinland-Pfalz, in der es solche Bänke gibt, erklärt dazu auf ihrer Webseite: "Die Mitfahrbank sollte ausschließlich von Erwachsenen genutzt werden. Alle Autofahrer werden gebeten keine Kinder mitzunehmen!"

Auch Fragen nach der versicherungsrechtlichen Seite wurden im Tutzinger Ausschuss angerissen. Nach Auffassung der Grünen dürfte es in dieser Hinsicht aber keine Schwierigkeiten geben, weil die Haftpflichtversicherung des Fahrers die Mitfahrenden einschließe. Das bestätigt die Versicherungsgesellschaft HUK-Coburg in einer Mitteilung zu diesem Thema: Der Tramper könne entspannt mitfahren, seine eventuellen Schadenersatzansprüche seien gedeckt, Eigenvorsorge sei unnötig. Denn in Deutschland muss für jeden Pkw eine Kfz-Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden. Darüber sind alle Haftpflichtansprüche Dritter - also auch die des Mitfahrenden - versichert.

Reguliert werden neben Personenschäden auch Schäden, die als Folge eines Unfalls auftreten, zum Beispiel Verdienstausfall, Schmerzensgeld oder Rentenzahlungen. Außerdem ersetzt die Kfz-Haftpflichtversicherung beschädigte Sachen, die Autoinsassen üblicherweise mit sich führen wie Kleidung, Brille oder Handy. "Dementsprechend ist es unerheblich, ob der mitnehmende Autofahrer schuldlos in eine Karambolage verwickelt wird oder ob er selbst für die Kollision verantwortlich ist", so HUK-Coburg: "Beide Pkw sind versichert und die Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers kümmert sich auf jeden Fall um die Regulierung." Für den mitnehmenden Autofahrer bedeute ein selbstverschuldeter Unfall: Zwar könne ein Tramper von ihm eine Entschädigung für Personen- oder Sachschäden verlangen, doch stelle ihn die eigene Kfz-Haftpflichtversicherung von allen Ansprüchen frei. Sie sei für die Regulierung und damit auch für alle eventuellen Zahlungen zuständig.

Fazit: Einer gelegentlichen Mitnahme Fremder steht nichts im Wege, versichert HUK-Coburg. Sie seien im Rahmen der privaten Kfz-Haftpflichtversicherung mitversichert. Etwas anders sehe es bei einer gewerblichen Mitnahme aus. Wer Zweifel hat, sollte am besten seinen Kfz-Haftpflichtversicherer kontaktieren, rät das Unternehmen.

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Comments

Alle Eltern predigen ihren Kindern von klein auf, dass sie aus bekannten Gründen nicht Trampen sollen. Offenbar mit Erfolg, denn im Vergleich zu meiner Jugendzeit sieht man kaum noch Tramper am Straßenrand.Und das ist gut so. Wie sollen Eltern gegenüber ihren Kindern argumentieren, wenn das Trampen mit dieser Aktion offiziell gefördert wird. Die "Mitfahrbankerl" dann auch noch als die moderne Art des Trampens zu bezeichnen ist der absolute Hohn. Ob man jetzt beim Trampen am Straßenrand sitzt oder steht ändert nichts daran, dass Trampen in der heutigen Zeit mega out und gefährlich ist. Modern sind Mitfahrzentralen in denen sowohl Mitnehmender als auch Mitgenommer regestriert sind und somit mehr Sicherheit gegeben ist. Um innerhalb Tutzings zur Bücherrei mit genommen zu werden ist dieses Angebot zugegebnermaßen überdeminsioniert.
Wer übernimmt die Verantwortung, wenn jemand, der von einer offiziell eingerichteten Abholstation mitgenommen wurde und nicht wohlbehalten am Ziel ankommt? Und ich spreche hier nicht von einem "normalen" Verkehrsunfall. Da die Gemeinde nachts ja auch noch die Straßenbeleuchtung abschalten will, möchte ich mir gar nicht vorstellen müssen, dass in Zukunft Menschen im Dunkeln auf den "Mitfahrbankerln" wie auf dem Presentierteller für Verbrecher sitzen.
Diese geplanten Aktionen sind eine Einladung an Verbrecher aus verschiedensten Genres. Für die Initiatoren und Befürworter dieser Aktionen scheint dies aber keine Rolle zu spielen solange die Verbrecher nur in Fahrgemeinschaften mit Elektroautos aus dem Carsharing anreisen.
Das Geld wäre besser in subventionierten Taxen (Frauentaxen) investiert, wenn man mal später unterwegs ist.
(Bearbeitet)
Die Mitfahrbankerl sind eine gute Möglichkeit, die Mobilität zu verbessern.
Natürlich gibt es dort die selben Bedenken, wie beim "normalen" Trampen mit Daumen am Straßenrand. Aber immerhin kann man dabei sitzen und ein Schild zeigt die gewünschte Fahrtrichtung bzw. das Ziel an.

Wenn Kinder von den Eltern untersagt bekommen, dass sie nicht zu anderen Leuten ins Auto steigen sollen, dann sollten das Eltern auch hier deutlich mitteilen.

Außerdem ersetzen die Bankerl nicht den notwendigen ÖPNV-Ausbau, sondern ergänzen diesen lediglich in einer Übergangsphase.
So lange die Verträge mit dem RVO laufen (ca. Ende 2022), kann in diesen Bereichen kein anderer gewerblicher Bus eingesetzt werden.

Wenn also Erwachsene diese Möglichkeit – auf eigenes Risiko – nutzen wollen, ist die Einrichtung durchaus hilfreich.
In Oberbayern gab es bisher keine Übergriffe beim Trampen oder bei Nutzung von Mitfahrbankerln, so die Information seitens der Polizei.
Die Entscheidung trägt jeder für sich selbst, egal ob mitnehmend oder mitgenommen.

Hier ein paar Tipps zur sicheren Nutzung aus dem Nachbarlandkreis, die dort mit der Polizei erarbeitet wurden:
https://blog.wolfratshausen.de/wp-content/uploads/2019/04/Mitfahrbankerl-aber-sicher-10-Tipps.pdf
Großartig! Man bekommt wirklich langsam das Gefühl, auch in Tutzing bewege sich etwas. Eine tolle Idee ist das, die besonders auf den Strecken Tutzing-Bernried und Tutzing-Traubing enorm hilfreich sein dürfte. Und ganz nebenbei kommen in unserem isolierten Gemeinwesen die Menschen mal wieder in Kontakt - ohne dass ein kommerzieller Dienstleister zwischen geschaltet ist. -- Ein Dank an diejenigen, auf die diese Idee zurück geht.
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