Von vorOrt.news

„Kein Eingriff in den Johannishügel“

Verkehrsplaner rechnet beim Kreisverkehr an der Lindemannstraße nicht mit Abgrabungen

Die Experten waren auffallend uneinig. Für einen Kreisverkehr plädierte neulich im Gemeinderat der Verkehrsplaner Benjamin Neudert, während sich die Vertreter des Staatlichen Bauamts Weilheim gegen einen Kreisverkehr aussprachen. Der Beschluss des Gemeinderats fiel dann mit großer Mehrheit für einen Kreisverkehr aus. Tutzing bekommt einen Kreisverkehr Doch im Detail gab es in der Debatte noch recht deutliche Meinungsunterschiede. vorOrt.news fasst hier einige der wesentlichen Diskussionspunkte zusammen:

Topografie: Wird die Landschaft beeinträchtigt oder nicht?

Der Bau eines Kreisverkehrs soll nicht mit Abgrabungen verbunden werden, wie Verkehrsplaner Neudert versichert hat. Das bezweifelte vor allem Renate Geiger (SPD). Sie sei wegen des Landschaftsverbrauchs ein Gegner des Kreisverkehrs, erklärte sie. „Ein Eingriff in den Johannishügel ist vorerst nicht gegeben“, erklärte Neudert dagegen klipp und klar.

Ein Kreisverkehr wird aber nach seinen Worten nicht einfach „schief auf den Hang" gebaut werden können. Wegen der Hanglage soll, wie er sagte, eine kleine Stützmauer eingebaut werden. Sie werde aber nicht sehr hoch sein. Die Lindemannstraße und die Bernrieder Straße werden in diesem Bereich laut Neudert etwas nach unten verlegt werden.

Kosten: 150 000 Euro - gut investiert oder "eine Stange Geld"?

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150 000 Euro wird die Gemeinde Tutzing für einen Kreisverkehr an dieser Stelle zahlen, falls es keine Zuschüsse gibt © L.G.

Für einen Kreisverkehr spricht nach Meinung von Bürgermeisterin Marlene Greinwald (Freie Wähler) unter anderem, dass die Einmündung beim Einkaufszentrum Aldi/Edeka dabei mit überplant werde. Auch der Kreuzungsbereich an der Bräuhausstraße gegenüber soll nach Neuderts Angaben im Zuge der Maßnahmen umgestaltet werden. „Bei einer derartigen Maßnahme sollte es nicht an 150 000 Euro scheitern“, meinte die Bürgermeisterin. Peter Stich (CSU) sah das anders: „Ich schaue sehr wohl aufs Geld.“ 150 000 Euro seien „eine ganz schöne Stange Geld“. Stefanie von Winning (CSU) argumentierte genauso: „Wenn beide Varianten sicher sind, kann man nicht sagen, dass Geld spielt keine Rolle.“ Bernd Pfitzner von den Grünen erwiderte dagegen: „Wir planen das für 30 bis 50 Jahre - und 150 000 Euro auf die Jahre verteilt sind gut investiertes Geld.“

Christian Probst, der für den Landkreis Starnberg zuständige Abteilungsleiter des Staatlichen Bauamts, ließ keinen Zweifel daran, dass seine Behörde den Kreisverkehr nicht finanzieren werde: „Wir zahlen nur die Kosten für die Einmündung“, sagte er. Beide Varianten seien verkehrssicher und leistungsfähig.

Kreisverkehr und Einmündung ähnlich leistungsfähig oder nicht?

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"Never change a running system": Christian Probst © L.G.

Auf der Hauptstraße fahren nach den Angaben des Bauamts täglich gut 12 000 Fahrzeuge, auf der Lindemannstraße gut 4000 Fahrzeuge. Für die Vertreter des Bauamts wäre eine Einmündung ebenso geeignet wie ein Kreisverkehr – aber nur mit einer Lichtsignalanlage, weniger mit Vorfahrt regelnden Verkehrszeichen und überhaupt nicht mit einer Rechts-vor-Links-Regelung. Auch unter dem Aspekt der Leistungsfähigkeit seien beide Lösungen ausreichend. Beide Varianten könnten um 20 Prozent mehr Verkehr als bisher verkraften, wie die Vertreter des Bauamts sagten. Daran zweifelte Dr. Heinrich Reiter (Freie Wähler): „Ich habe gehört, dass ein Kreisverkehr mittelfristig aufnahmefähiger ist.“

Bei der bisherigen Einmündung hält es Probst aber für bewiesen: „Das funktioniert gut.“ Dort gebe es keine Unfallhäufung. Beim Kreisverkehr wurden sogar Nachteile gesehen. So sei bei ihm die „Begreifbarkeit für Sehbehinderte“ eingeschränkt. Der Freistaat Bayern müsse auch nach wirtschaftlichen Aspekten arbeiten, betonte er. Diese Bemerkung verstärkte er noch mit dem Zusatz: „Never change a running system“ - ein laufendes System sollte nie geändert werden. Die erste Wahl sei für den Baulastträger die kostengünstigere Variante. „Aber wir haben der Gemeinde die Möglichkeit eröffnet, dass sie sich aus städtebaulichen Gründen auch für einen Kreisverkehr entscheiden kann.", fügte Probst hinzu.

Bürgermeisterin Marlene Greinwald verwies auf bereits geführte Gespräche über denkbare Zuschüsse, so mit der Regierung von Oberbayern. Ein Antrag auf Städtebauförderung werde gerade gestellt.

Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger: Autofahrer ungeduldig oder vorsichtig?

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Gut oder schlecht für Radfahrer? Der Fahrradclub ADFC hat sich kürzlich mit interessierten Tutzingern schon mal am Johannishügel umgesehen © L.G.

Einstimmig beschlossen wurde vom Gemeinderat auch, dass es an allen drei in den Kreisverkehr mündenden Straßen Radschutzstreifen geben soll. Das gilt für die Lindemannstraße ebenso wie für die Hauptstraße in Richtung Ortszentrum und für die Bernrieder Straße bis nach Unterzeismering. „In einem Kreisel dieser Größe werden die Radfahrer mitgeführt“, sagte Greinwald. Peter Stich äußerte sich skeptisch, ob es so sicher sei, wenn im Kreisverkehr Autos und Radfahrer gleichberechtigt seien. Die Radschutzstreifen werden am Kreisverkehr enden, wie Neudert sagte. Im Kreisel soll es also keine Schutzstreifen geben. Stefanie von Winning warnte vor Gefahren: „Das Mitfahren der Radler im Kreisverkehr macht mir richtig Bauchweh.“ Als größtes Problem in Tutzing bezeichnete sie die Ungeduld der Autofahrer: „Wenn da ein Radfahrer im Weg ist...“

Bernd Pfitzner (Grüne) wunderte sich darüber, dass auf einmal so viele ihr Herz für die Radfahrer entdeckt hätten. Eine Einmündung, sagte er, sei „ja auch nicht der supersichere Weg für die Radfahrer“. Er bezeichnete sie als „wesentlich problematischer“ für die Radfahrer, als wenn diese im Kreisverkehr mit führen. „Das ist kein wahnsinniger Fahrrad-Kreuzungspunkt“, sagte Greinwald und ergänzte: „Viele, die sich auskennen, werden sowieso anders fahren, zum Beispiel über die Bräuhausstraße.“

Renate Geiger (SPD) zeigte sich nicht überzeugt davon, dass ein Kreisverkehr die sicherste Lösung für Radler und Fußgänger, besonders für die Schüler ist. „Die Schüler laufen auf dem 2,50 Meter breiten Gehweg auf der Seeseite“, sagte Greinwald dazu. Sie würden davon kaum berührt. Christine Nimbach (Grüne) verwies auf ihre Erfahrungen in einer Stadt mit sehr großem Kreisverkehr: „Die Autofahrer bleiben immer stehen und lassen die Fußgänger rüber.“ Sie sehe im Kreisel auch eine Verlangsamung des Straßenverkehrs. Dr. Wolfgang Behrens-Ramberg (Tutzinger Liste) begrüßte den Kreisverkehr ebenfalls aus einer Reihe von Gründen, von besserer Verkehrssicherheit bis zur Geschwindigkeitsreduzierung. Peter Stich (CSU) meinte demgegenüber, auch die mit einer Einmündung verbundenen Querungshilfen würden eine Bremswirkung mit sich bringen.

Gesellt sich zum ersten Kreisverkehr in Tutzing eines Tages ein weiterer im Norden?

An der Kreuzung Lindemannstraße/Hauptstraße wird es den ersten Kreisverkehr in Tutzing geben. Wolfgang Marchner (Bürger für Tutzing) blickte schon weiter in die Zukunft: Vielleicht werde Tutzing ja eines Tages „zwischen zwei Kreisel gefasst“. Innerorts - etwa an der Oskar-Schüler-Straße - dürfte das schon aus Platzgründen eher unwahrscheinlich sein. Vorstellbar wäre es wohl allenfalls nördlich von Tutzing, wo die Verbindungsstraße Traubing-Garatshausen auf die Staatsstraße 2063 trifft. Das wäre dann allerdings ein Kreisverkehr auf Feldafinger Gemeindegebiet.

Quelle Titelbild: L.G.
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