Tobias Wegl versuchte es immer wieder - aber mit dem O’zapfn wollte es gestern Abend nicht so recht klappen. Der Vorsitzende des Veranstaltungsvereins Tutzing schlug etwa sechs Mal drauf, dann spritzte es kräftig aus dem Fass, schließlich kamen andere zu Hilfe. Wegl nahm es mit Humor, ebenso wie der daneben stehende Vizebürgermeister Dr. Franz Matheis. „Wir haben verabredet, dass Tobi es heute macht und ich am Samstag“, erzählte Bürgermeister Ludwig Horn, der auf der Bühne daneben stand und sich das alles anschaute. „Das war offenbar gut so“, fügte er schelmisch hinzu. Später stellte sich heraus, was los gewesen war: Der Zapfhahn war kaputt. Die Augustiner-Brauerei, die das Bier fürs Festzelt und damit auch die Apparatur liefert, habe inzwischen schon für einen neuen Hahn gesorgt, berichtete Moderator Boris Wolff beruhigend. Am Samstag wird also wohl alles funktionieren, wenn der Bürgermeister dran ist.
Der Wurschtsalat des Bürgermeisters - ein gefundenes Fressen
Für die rund 800 Menschen im Festzelt war es jedenfalls ein unterhaltsamer Auftakt, und viele von ihnen waren sofort da, als Freibier aus dem etwas drangsalierten Fass angekündigt wurde. Für die Kabarettistin Luise Kinseher, die bei diesem Eröffnungsabend auftrat, hätte das kleine Bier-Malheur eigentlich ein gefundenes Fressen gewesen sein müssen: Sie liebt es, auf kleine Begebenheiten spontan zu reagieren und die Betroffenen kräftig durch den Kakao zu ziehen.
Dafür fand sie aber an diesem Abend genügend andere Anlässe, So kam es ihr zum Beispiel gerade recht, als der Bürgermeister nach einer Pause nicht mehr am Rand des Zelts stand wie zuvor. Das habe sie ja noch nie erlebt, echauffierte sie sich, dass ein Bürgermeister geht, wenn sie kommt. Tobias Wegl rief den Rathauschef gleich per Handy an, der kurz darauf auch wieder ins Zelt eilte. Was er denn draußen gemacht habe, erkundigte sich die Kinseher. Einen Wurschtsalat hat er gegessen, antwortete er brav. Da hatte es die Kabarettistin endlich, ihr gefundenes Fressen. Für den Rest des Abends hatte sie ihren Running Gag: den Wurstsalat des Bürgermeisters.
Der wundervolle Platz, auf dem normalerweise ein Hotel stehen müsste
Über Tutzing im Allgemeinen und Ludwig Horn im Speziellen hatte sich „Mama Bavaria“, wie Moderator Boris Wolff sie ankündigte, vorab gut informiert. Sie wusste, dass auf dem „wundervollen Platz“, auf dem das Festzelt aufgebaut worden ist, „normalerweise ein Hotel stehen müsste“. Und sie kommentierte fast verzweifelt, wie eine Straßensanierung so viele Jahre dauern kann wie in Tutzing.
Vor allem schoss sie sich auf die Sanierung der Mittelschule ein. Das sei für Tutzing wie Stuttgart 21. „Die erste bayerische Rakete soll in drei Jahren fertig sein“, sagte sie: „Also zehn Jahre früher als eure Mittelschule.“ Eigentlich schwärmte sie immer wieder davon, dass die Welt in Tutzing noch in Ordnung sei: „Aber die Schule nicht!“
Für die Kabarettistin knüpft Horn an die große Vergangenheit der CSU an
Der junge Tutzinger Bürgermeister aber passt für die Kinseher gut ins Bild des perfekten Tutzing. „94 Prozent!“ Das Ausrufezeichen war fast hörbar, als sie an sein Wahlergebnis erinnerte: „Das knüpft an die große Vergangenheit der CSU an, als sie noch über 100 Prozent hatte.“ Das könne für Horn nur eines bedeuten: „Das wird unser nächster Ministerpräsident – endlich kriegen wir mal einen g‘scheidn.“ Der derzeitige Ministerpräsident werde ja am Sonntag bei der Fischerhochzeit in Tutzing sein: „Aber nur, um nicht die Kontrolle zu verlieren.“
Aus dem Lachen kamen die etwa 800 Menschen im Festzelt in den zweimal dreiviertel Stunden, die Luise Kinseher füllte, kaum heraus. Mit langem Applaus wurde sie gefeiert, auch eine Zugabe wurde von ihr erfolgreich gefordert.
Spritzig geht es auch heute weiter, aber auf ganz andere Weise und wahrscheinlich ohne nasse Begleiterscheinungen: mit der schon lange ausverkauften Polkaparty der Band LaBrassBanda. Mehr als 2300 Personen werden bei diese Sause das Zelt wahrscheinlich nahe ans Platzen bringen.
Beste Stimmung dürfte es auch morgen, am Freitag geben: Da werden Sašo Avsenik und seine Oberkrainer das Zelt zum Brodeln bringen. Etwa 800 Karten sind für dieses Konzert schon verkauft, doch es sind noch Karten zu haben. Der Enkel des legendären Slavko Avsenik ist seit seinem Debüt bei der Fernsehshow „Musikantenstadl“ 2009 in ganz Europa unterwegs. Viele Oberkrainer-Evergreens wie das „Trompetenecho“ oder „Es ist so schön, ein Musikant zu sein“ werden sicher in Tutzing zu hören sein. Tobias Wegl empfahl dieses Konzert gestern Abend sehr - und er erwähnte dabei offen, dass viele Menschen, die Karten kaufen, auch zur Finanzierung der teuren Festwoche mit der Fischerhochzeit beitragen.
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