Umweltschutz
23.8.2026
Von Dr. Dr. Uwe Bölz

Auf Tutzing zugeschnittene Lösung

Der Autor ist Geschäftsführer des Unternehmens HPX Polymers GmbH in Tutzing

Dieser Kommentar bezieht sich auf die Berichterstattung und Kommentierung zum Thema Hitzeschutz:
"Auf Tutzing zugeschnittene Lösungen"
Trinkwassersituation spitzt sich zu: Verbrauch verdoppelt
Erneut Hitze-Alarm

Kommentar2.png

Das Hitzeschutzkonzept ist richtig und wichtig. Wie Herr Kerbs bereits im Detail ausgeführt hat, bleibt es jedoch zu wenig konkret und dürfte in seiner Wirkung zu schwach sein. Gleichzeitig sollten wir uns nicht damit abfinden, dass der CO₂-Gehalt der Atmosphäre scheinbar unaufhaltsam weiter steigt. Die Natur zeigt mit der Photosynthese seit jeher, dass CO₂ gebunden und in nutzbare Stoffe umgewandelt werden kann – eine Grundlage für das Fortbestehen komplexer Ökosysteme auf der Erde.

Auch die Wissenschaft arbeitet an technischen Ansätzen, um CO₂ nicht nur zu vermeiden, sondern bereits vorhandenes CO₂ wieder zu binden. Denn die reine Reduktion künftiger Emissionen wird voraussichtlich nicht ausreichen, um schwerwiegende Klimaveränderungen rechtzeitig zu begrenzen. Technologien zur CO₂-Abscheidung, -Speicherung und -Nutzung – international meist als Carbon Capture, Utilisation and Storage, kurz CCUS, bezeichnet – können dabei eine ergänzende Rolle spielen. CO₂ kann aus industriellen Prozessen oder direkt aus der Luft abgeschieden, dauerhaft gespeichert oder als Rohstoff für chemische Produkte, synthetische Kraftstoffe oder Baustoffe genutzt werden.

Anzeige
Webrug_1_EDEKA_HEISS.gif
Sleipner-field.jpg
Das Sleipner-Feld in Norwegen besteht aus mehreren solcher Plattformkomplexe. Sleipner ist das weltweit erste Offshore-Projekt zur CO₂-Speicherung, gestartet 1996 vom Betreiber Equinor (damals Statoil). Seit Projektbeginn wurden über 20 Millionen Tonnen CO₂ dauerhaft gespeichert (ca. 1 Million Tonnen pro Jahr). Sleipner gilt als Pionierprojekt für CCS (Carbon Capture and Storage) und liefert bis heute wichtige wissenschaftliche Daten darüber, wie sich CO₂ langfristig im Untergrund verhält. © Equinor - Øyvind Gravås and Bo B. Randulff

Im Sleipner-Projekt wird jährlich nahezu eine Million Tonnen CO₂ abgeschieden und eingelagert

Die großtechnische Speicherung von CO₂ ist keine Theorie mehr: In Norwegen wird CO₂ bereits seit 1996 im Sleipner-Projekt unter dem Meeresboden gespeichert; dort wird jährlich nahezu eine Million Tonnen CO₂ abgeschieden und eingelagert. Auch die Nutzung von CO₂ als Rohstoff gewinnt an Bedeutung, steht jedoch vielfach noch vor wirtschaftlichen und energetischen Herausforderungen.

Entscheidend ist: Wie bei der Photosynthese erfordert auch die technische Umwandlung von CO₂ erhebliche Energiemengen. Diese Energie muss klimaneutral bereitgestellt werden – etwa über erneuerbaren Strom und grünen Wasserstoff.

Kostenlos ist dieser Weg nicht. Er kann aber durch CO₂-Bepreisung, Zertifikate und neue industrielle Wertschöpfung wirtschaftlich tragfähiger werden. Deshalb gilt auch hier: nicht verzagen, sondern Neues wagen.

ID: 9103
Über den Autor

Kommentar hinzufügen

Anmelden , um einen Kommentar zu hinterlassen.

Kommentare

Hallo Herr Kerbs,
vielen Dank für Ihren ausführlichen und inhaltlich fundierten Kommentar. Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu: Die Vermeidung von CO2-Emissionen muss immer Vorrang haben. CCUS darf keinesfalls als Freibrief verstanden werden, fossile Emissionen unverändert fortzuführen und das Problem anschließend technisch „aufzuräumen“. Genau so war mein Beitrag auch nicht gemeint.

Mir ging es vielmehr darum, CCUS als mögliche ergänzende und flankierende Maßnahme einzuordnen - insbesondere dort, wo Restemissionen schwer oder kurzfristig nicht vollständig vermeidbar sind, etwa in bestimmten Industrieprozessen. In diesem Punkt liegen wir, wenn ich Ihren Kommentar richtig verstehe, gar nicht weit auseinander.

Das Sleipner-Projekt habe ich nicht als Beispiel für Direct-Air-Capture angeführt, sondern als frühen Nachweis, dass eine großtechnische CO2-Abtrennung und geologische Speicherung grundsätzlich über lange Zeiträume umgesetzt werden kann. Natürlich ist der Fall energetisch und wirtschaftlich nicht unmittelbar mit der Abscheidung aus der Umgebungsluft vergleichbar. Ihr Hinweis auf diesen Unterschied ist daher berechtigt.

Gleichzeitig entwickelt sich das Feld technisch weiter. Interessant finde ich vor allem Ansätze, die CO2-Abscheidung mit ohnehin verfügbaren oder zeitweise überschüssigen erneuerbaren Energien koppeln und CO2 anschließend als Rohstoff für industrielle Prozesse nutzbar machen. Beispiele hierfür sind Verfahren, die sich an natürlichen oder technisch etablierten Bindungsprozessen orientieren, etwa der Carbonatisierung, wie sie auch bei der Betonaushärtung eine Rolle spielt. Auch Start-ups wie die bayrische Phlair GmbH arbeiten an solchen Konzepten und beschäftigen sich dabei gerade mit der Frage, wie Energiebedarf, Regeneration des CO2-Fängers und wirtschaftliche Nutzung sinnvoll zusammengebracht werden können.

Ich sehe CCUS daher nicht als Ersatz für Emissionsvermeidung, sondern als möglichen Baustein in einem breiteren Maßnahmenpaket. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass solche Technologien ehrlich bilanziert, wirtschaftlich transparent bewertet und gezielt dort eingesetzt werden, wo sie einen tatsächlichen Zusatznutzen bringen.

In diesem Sinne: Vielen Dank für Ihre kritische Einordnung. Sie hilft, die notwendige Differenzierung deutlich zu machen - nämlich zwischen einem problematischen „Weiter so mit nachträglicher Reparatur“ und einem verantwortungsvollen Einsatz ergänzender Technologien zur CO2-Reduktion und Rohstoffnutzung.
Herr Dr. Bölz wirbt für CO2-Abscheidung. Damit blendet er neben der Physik gleich auch die Ökonomie aus der Betrachtung aus. – Wiewohl doch die Energiebilanz die entscheidende Größe für diesen Prozess ist, denn aus ihr ergeben sich letztlich auch die Kosten.

Wer Kohle verbrennt, gewinnt pro Tonne ausgestoßenem CO2 etwa 1.000 Kilowattstunden Strom. Wer dieselbe Tonne wieder aus der Luft holen will, muss dafür 1.500 bis 2.500 Kilowattstunden aufwenden. In der Atmosphäre ist CO2 nämlich auf 0,04 Prozent verdünnt, und die Physik verlangt für die Wiedereinsammlung mehr Energie, als die Verbrennung je geliefert hat. Man kann sich das vorstellen wie einen Eimer Tinte, den man in den Starnberger See kippt und anschließend Tropfen für Tropfen wieder herausfischen möchte.

Auch das gern angeführte Sleipner-Projekt ist meines Erachtens kein gutes Beispiel. Dort wird CO2 aus einem konzentrierten Erdgasstrom abgetrennt, der ohnehin gereinigt werden musste, um das Gas verkaufen zu können. Mit der Abscheidung aus der Luft hat das energetisch wenig zu tun. Zur Einordnung der Größenordnung lohnt ein Blick auf die Zahlen. Sleipner speichert rund eine Million Tonnen pro Jahr, während die Menschheit vierzigtausend Mal so viel emittiert, und das jedes Jahr. Die Speicherung kostet zudem 150 bis 300 Euro pro Tonne, hinzu kommen Leckagerisiken (das CO2 entweicht wieder aus seinem Lager) und eine Überwachungspflicht über Jahrhunderte.

CCS hat durchaus seinen Platz bei unvermeidbaren Restemissionen aus Zement- oder Chemieprozessen. Als Versprechen aber, wir könnten weitermachen wie bisher und das CO2 hinterher einfach wieder einsammeln, halte ich die Technologie für eine gefährliche, weil illusorische Beruhigungspille. Jede Tonne Klimagas, die wir gar nicht erst ausstoßen, bleibt um ein Vielfaches günstiger als jede Tonne, die wir später wieder aus der Atmosphäre herausholen müssen.

P.S.: Alle Methoden der CO2-Entfernung kosten also ein Vielfaches des heutigen EU-CO2-Zertifikatspreis. Solange das so ist, subventioniert die Allgemeinheit die Emissionen der Verursacher. Wäre man ehrlich bezüglich der Kosten, hieße das, die Abscheidungskosten müssen auf die Produktpreise aufgeschlagen werden. Zahlen würde dann die emittierende Branche und nicht der Steuerzahler. – Und die echten Kosten würden in den Märkten ihre Steuerungswirkung entfalten.