Warum frühes Hinschauen nicht nur beim Rechnen helfen kann
Vor vielen Jahren war ich Klassenleiter einer 10. Klasse an einer Mittelschule. In dieser Klasse war eine Schülerin, an die ich bis heute immer wieder denken muss.
Sie hatte große Schwierigkeiten in Mathematik. Doch ihr eigentliches Problem waren nicht Trigonometrie, Stochastik oder andere Inhalte der 10. Klasse. Die Schwierigkeiten lagen viel weiter zurück. Zahlen und Rechenzeichen hatten für sie nur wenig Bedeutung. Ein Ergebnis konnte richtig oder falsch sein – aber warum, konnte sie selbst oft kaum erkennen.
Einer ihrer Sätze ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben:
Mathe hasst mich.
Manchmal waren es auch Sätze wie "Ich bin zu blöd dafür". Wenn eine Schülerin in der 10. Klasse so über Mathematik und über sich selbst spricht, ist dieser Satz vermutlich nicht an einem einzigen Tag entstanden. Ich frage mich bis heute, wie viele Jahre es gebraucht hatte, bis aus "Ich verstehe das nicht" irgendwann "Ich kann das nicht" geworden war.
Dabei kann Mathematik wunderschön sein. Kinder können entdecken, dass Zahlen Beziehungen zueinander haben, Mengen zerlegt und wieder zusammengesetzt werden können und hinter einer Rechnung nicht einfach nur ein Ergebnis steht. Mathematik kann bedeuten, Muster zu erkennen, Vermutungen aufzustellen und plötzlich etwas zu verstehen, das kurz zuvor noch völlig rätselhaft erschien.
Wenn solche grundlegenden Vorstellungen jedoch fehlen, bleibt das Problem häufig nicht bei den Zahlen.
Wenn die Mathematik mit nach Hause kommt
Am Anfang steht vielleicht nur eine Aufgabe, die ein Kind nicht versteht. Die Eltern erklären, das Kind versucht es erneut, es klappt wieder nicht. Also wird noch einmal erklärt, vielleicht langsamer, vielleicht mit anderen Worten. Irgendwann fällt ein Satz wie "Aber das hatten wir doch gerade". Das Kind wird unruhig, wütend oder zieht sich zurück. Die Eltern werden ebenfalls ungeduldiger, obwohl sie eigentlich nur helfen möchten.
Wenn sich solche Situationen wiederholen, geht es irgendwann nicht mehr nur um Addition, Subtraktion oder den Zehnerübergang. Es geht um Frust, Erwartung, Hilflosigkeit und Streit. Eltern geraten immer stärker in die Rolle von Nachhilfelehrern. Das Kind erlebt zugleich, dass Erwachsene scheinbar verstehen, was für es selbst keinen Sinn ergibt.
Dabei wollen alle Beteiligten meistens dasselbe: dass es endlich besser wird.
Gerade dann liegt eine Reaktion nahe: mehr üben. Manchmal ist das auch richtig. Lernen braucht Wiederholung. Doch Wiederholung hilft vor allem dann, wenn bereits etwas vorhanden ist, das gefestigt werden kann. Fehlt die Vorstellung hinter einer Rechnung, können zehn zusätzliche Aufgaben auch zehn weitere Erfahrungen des Scheiterns bedeuten.
Hinzu kommt, dass der Unterricht nicht beliebig lange warten kann. Neue Inhalte kommen hinzu, obwohl frühere Grundlagen vielleicht noch unsicher sind. Der Unterricht geht weiter, das Kind nimmt seine ungelösten Schwierigkeiten mit. So können fachliche Lücken wachsen – und mit ihnen der Druck in Schule und Familie.
Aus "Diese Aufgabe verstehe ich nicht." kann irgendwann "Ich kann Mathe nicht" werden. Und aus "Ich kann Mathe nicht" vielleicht "Ich bin zu dumm dafür!"
Spätestens dann ist aus einer Rechenschwierigkeit mehr geworden.
Früh hinsehen, bevor sich der Konflikt festsetzt
Deshalb lohnt es sich, nicht nur auf Noten zu schauen, sondern darauf, wie ein Kind rechnet und was es dabei tatsächlich versteht. Muss es auch einfache Aufgaben immer wieder abzählen? Werden Rechenwege auswendig gelernt, brechen aber zusammen, sobald sich eine Aufgabe leicht verändert? Kann das Kind einschätzen, ob ein Ergebnis überhaupt sinnvoll sein kann? Bleiben Zahlzerlegungen, Mengenbeziehungen oder der Zehnerübergang über längere Zeit unsicher?
Ebenso wichtig ist die emotionale Seite. Dauern Hausaufgaben regelmäßig sehr lange? Führt Mathematik häufig zu Streit, Rückzug oder Tränen? Beginnt das Kind, nicht mehr über die Aufgabe, sondern über sich selbst zu sprechen?
Je früher solche Entwicklungen wahrgenommen werden, desto eher kann verhindert werden, dass sich der Konflikt festsetzt. Frühes Hinschauen bedeutet dabei nicht, einem Kind möglichst schnell ein Etikett zu geben. Es bedeutet zunächst herauszufinden, an welcher Stelle Mathematik ihren Sinn verloren hat und wo ein neuer Zugang notwendig ist.
Ein Kind braucht nicht unbedingt zehn weitere Aufgaben, wenn es bereits die erste nicht verstanden hat.
Es braucht vielleicht einen anderen Weg.
Das kann auch Familien entlasten. Eltern müssen nicht jeden Nachmittag versuchen, selbst Mathematiklehrer oder Therapeut ihres Kindes zu werden. Eltern dürfen Eltern bleiben. Wenn grundlegende Schwierigkeiten bestehen bleiben, ist es häufig hilfreicher, genauer nach deren Ursache zu suchen, als den Druck durch immer mehr Übung zu erhöhen.
Von einer Klasse zu einem Kind
Die Erfahrung mit meiner damaligen Schülerin begleitet mich bis heute. Vielleicht ist sie auch ein Teil der Antwort darauf, warum ich heute nicht mehr vor einer ganzen Klasse stehe, sondern mit einzelnen Kindern arbeite.
Heute lebe und arbeite ich am Starnberger See. In meiner Praxis ViaVita in Kampberg bei Tutzing begleite ich als Montessori-Lehrer und Dyskalkulietherapeut Kinder und Familien bei Rechenschwierigkeiten. Anders als damals im Klassenraum kann ich heute genau dort anfangen, wo ein einzelnes Kind tatsächlich steht. Ich kann mir ansehen, welche Vorstellungen vorhanden sind, wo Unsicherheiten beginnen und welche Erfahrungen dieses Kind bereits mit Mathematik gemacht hat.
Ich habe sehr gern unterrichtet, und die Arbeit mit Klassen hat mich viele Jahre begleitet und geprägt. Heute ziehe ich dennoch die Arbeit mit dem einzelnen Kind vor. Denn hier muss nicht der Kalender bestimmen, wann der nächste mathematische Schritt erfolgt. Das Kind darf das Tempo mitbestimmen.
Und vielleicht liegt genau darin die Chance, nicht nur das Rechnen zu verändern, sondern auch die Beziehung eines Kindes zur Mathematik und zu sich selbst.
Einer der schönsten Sätze ist für mich deshalb heute nicht unbedingt ein richtiges Ergebnis.
Es ist:
Jetzt verstehe ich, warum das so ist.
Die ausführliche Fassung mit weiteren Gedanken und Hinweisen für Eltern ist im ViaVita-Journal erschienen:
https://viavita.me/journal/artikel/wenn-rechnen-zum-beziehungsthema-wird


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