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Tutzinger Vorstoß: Kinder schreiben über Corona

Aufsätze in der Grundschule verdeutlichen Probleme - Forderungen nach Konsequenzen

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"Masken sind doof": Auszug aus einem der Schüleraufsätze

In Tutzing gibt es Konsequenzen der kritischen Diskussionen über den Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie: Die Grundschule hat in den ersten vier Klassen Aufsätze hierzu schreiben lassen. Thema: „So habe ich Corona erlebt“ oder "Meine Gedanken zu Corona". Die Idee hatte Vizebürgermeisterin Elisabeth Dörrenberg. Schulrektorin Anne-Katrin Schallameier hat dies sofort befürwortet, auch die Klassenlehrer waren gleich mit dabei.

Nach Beginn des Präsenzunterrichts im Juni haben die Kinder die Aufsätze geschrieben und auch Bilder dazu gemalt. Das alles war unangekündigt. Die Aufsätze wurden in der Schule geschrieben, nicht daheim, denn die Initiatoren wollten die eigenen Meinungen der Kinder erfahren, unbeeinflusst von Eltern oder anderen Personen.

Für die Arbeit mit den Aufsätzen hat Elisabeth Dörrenberg, die selbst der CSU angehört, Gemeinderat Bernd Pfitzner von den Grünen gewonnen. Die Idee, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen, stand auch unter dem Einfluss einer Protestaktion von Eltern, deren Organisatoren in Tutzing Kinderschuhe aufgestellt hatten. Das hatte viel Kritik hervorgerufen, weil leere Kinderschuhe für den hunderttausendfachen Massenmord an Kindern im Dritten Reich stehen. „Protestaktion verharmlost den Holocaust“ „Ein Drall nach rechts in der Corona-Bewegung beunruhigt uns“, sagt Elisabeth Dörrenberg.

Gegen diesen Eindruck haben sich etliche an den Protesten beteiligte Eltern gewehrt. Wieviel wollen wir riskieren, um sicher zu sein? Doch die Aktion hat lange Diskussionen nach sich gezogen. Es kam auch zu Gesprächen mit Tutzings Bürgermeisterin Marlene Greinwald, weiteren Kommunalpolitikern sowie Verantwortlichen der beiden Tutzinger Akademien, Prof. Ursula Münch und Udo Hahn. Pfitzner ärgert sich heute noch immer besonders über ein Schild bei der Tutzinger Protestaktion. „Seid ihr Eltern oder lasst ihr eure Kinder testen“ stand dort plakativ zu lesen. „Das hat mich als Vater richtig betroffen gemacht“, sagt er: „Da wird mir unterstellt, ich sei ein Rabenvater, wenn ich meine Kinder testen lasse.“

"In manchen Familien liegen die Nerven blank"

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Elisabeth Dörrenberg und Bernd Pfitzner haben die Berichte der Kinder genau gelesen

Über die Ergebnisse der Aufsätze äußern sich Elisabeth Dörrenberg und Bernd Pfitzner beeindruckt. „Es ist faszinierend, wie vernünftig und reflektierend die Kinder damit umgegangen sind“, sagt die Vizebürgermeisterin. Einige hätten sich für diese Möglichkeit ausdrücklich bedankt und ihrerseits den Initiatoren alles Gute gewünscht. „Hoffentlich geht es dir gut“, habe ein Kind ihr ganz persönlich geschrieben.

Viele Äußerungen der Kinder haben die für sie mit der Corona-Pandemie verbundenen Probleme verdeutlicht. Jedes Kind habe sich im Stich gelassen gefühlt, stand bitter in einem Aufsatz (siehe Bild oben). Immer wieder gab es Klagen über zu wenig Kontakte, sagen die Gemeinderäte, die Isolation hätten viele Kinder als schlimm empfunden. In den Aufsätzen sei klar geworden, wie in manchen Familien „die Nerven blank liegen“, sagt Pfitzner. Besonders deutlich zu Tage getreten sind solche Probleme in Familien mit getrennt lebenden Eltern. „Es gibt Scheidungskinder, die den anderen Teil der Familie lange nicht sehen konnten“, sagt Elisabeth Dörrenberg. Sie berichtet über rührende Erzählungen über solche Erfahrungen in den Aufsätzen.

Die Berichte der Kinder haben offenbar auch erhebliche Unterschiede verdeutlicht. So hatten in manchen Familien mehrere Erwachsene Zeit für die Kinder, während sich anderswo eine erwachsene Person allein um mehrere Kinder kümmern musste, was sich oft erst recht bei verschiedenen Altersklassen als schwierig erwies. Ein etwas älteres Kind fühlte sich von seinem kleinen Bruder „dauernd genervt“. Elisabeth Dörrenberg kennt solche Fälle: „Wenn zwei Kinder im Gymnasium sind, bleibt für das dritte kleine Kind oft keine Zeit.“ Auch viel Streit daheim in der Corona-Zeit haben manche Kinder nicht verschwiegen.

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Geschlossen und abgesperrt: Gemalte Eindrücke von Kindern aus der Corona-Zeit

„Ich hatte Träume, da hatte ich Spaß mit meinen Freunden“

Der Verzicht auf manche Freizeit-Aktivitäten ist vielen Kindern offenkundig schwer gefallen. Ein Kind beklagte sich: „Ich durfte zwei Wochen nicht nach draußen.“ In einem anderen Aufsatz beschwerte sich ein Kind: „Zu Hause wird nur noch über Corona gesprochen.“ Immer wieder kam der Wunsch nach Nähe zum Ausdruck. Die Formulierung eines Kindes klingt wie ein Stoßseufzer: „Endlich darf ich meine Lehrerin wieder umarmen.“ Ein anderes Kind hat geschrieben: „Der Tag, an dem ich wieder in die Schule durfte, war wie meine Einschulung - ich war so aufgeregt, dass mir fast schlecht wurde.“

Masken fänden viele der Kinder „doof“, folgert Elisabeth Dörrenberg aus den Aufsätzen. Das Testen habe ein Schüler als „nicht wahnsinnig cool“ beschrieben, doch generell hätten die Kinder das Testen erstaunlich wenig thematisiert - es sei nur in vielleicht zehn Prozent der Aufsätze vorgekommen.

Auf ihren Bildern haben sich einige Kinder in geschlossenen Häusern ohne Türen gezeichnet. In einem Aufsatz stand wie ein Hilferuf: „Ich hatte Träume, da hatte ich Spaß mit meinen Freunden.“

Positiv: Daheim "chillen" und morgens ausschlafen

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Die sieben Jahre alte Anika hat in der ersten Klasse einen der Aufsätze geschrieben

Aber in den Aufsätzen war nicht alles negativ. So ist nach Angaben der beiden Gemeinderäte immer wieder Freude darüber durchgeklungen, dass sich viele Eltern in dieser Phase mehr Zeit für ihre Kinder genommen haben. Zwei Kindern wurden während der Pandemie Hunde geschenkt, in zwei Fällen kamen Katzen ins Haus, in einem Fall ein Kaninchen. Positiv gewertet haben manche Kinder, dass kein Flugzeug geflogen ist - das sei gut für die Umwelt.

Durchaus gefallen hat es manchen Kindern erkennbar auch, dass sie daheim „chillen“ und morgens ausschlafen konnten. „Da kann man ins Grübeln kommen, ob es richtig ist, um 8 Uhr mit dem Unterricht anzufangen“, folgert die Vizebürgermeisterin. Positiv haben es Kinder auch beurteilt, dass sie nicht unbedingt fünf Stunden „absitzen“ mussten, sondern, wenn sie früher mit dem Unterrichtsstoff fertig waren, beispielsweise schon nach drei Stunden spielen konnten, sagt Pfitzner. Ganz überrascht ist er von manchen Äußerungen. Eine Viertklässlerin habe zum Beispiel erklärt, sie habe beim Homeschooling gelernt, „strukturiert zu arbeiten“.

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Es gab auch Positives: Strahlende Gesichter, Aktivitäten und Tiere auf Bildern der Kinder © Fotos: L.G.

"Wir müssen den Familien mehr beistehen": Tutzinger wenden sich an Kultusminister Piazolo

Auch die Kinderkommission des Bundestages hat den Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie kritisiert und mehr Rücksichtnahme auf ihre Interessen gefordert. Man habe junge Leute als „Virenschleudern“ und „Coronaparty-Feiernde“ angeprangert, beklagt die Kommission. Dabei seien die entwicklungsspezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen „weitgehend in den Hintergrund“ getreten. Zudem seien sie auch selbst nicht beteiligt worden. In dieser Hinsicht kommt nun mit den Schulaufsätzen einer der ersten Vorstöße aus Tutzing.

Für Elisabeth Dörrenberg steht fest: „Wir haben die Kinder zu wenig angehört - da ist Nachholbedarf.“ Die Aufsätze sollen dabei nur ein erster Schritt gewesen sein. Mit den Ergebnissen wollen sich die Tutzinger an den bayerischen Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) wenden. Denn was die Kinder geschrieben haben, macht nach ihren Überzeugungen konkrete Entscheidungen notwendig. So dürfe es im Fall eines weiteren Lockdowns keine Schulausfälle mehr geben. Präsenzunterricht oder zumindest Wechselunterricht sei erforderlich. Auch Treffen mit wenigstens einigen anderen Kindern müssten möglich sein. „Man muss darauf achten, dass die Kinder nicht 24 Stunden zu Haus eingesperrt sind und dass man die Familien nicht allein lässt“, mahnt Pfitzner.

Unterstützung bei diesen Vorstößen aus Tutzing gibt es offenkundig schon. So hoffen die Initiatoren auf Hilfe der Landtagsabgeordneten Ute Eiling-Hütig (CSU) aus Feldafing und Anne Franke aus Gauting (Grüne). Elisabeth Dörrenberg will auf keinen Fall locker lassen: „Wir müssen den Familien mehr beistehen und Druck auf die Politik machen.“

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Respekt, eine wirklich sehr gute Aktion, die auch hoffentlich in den verschiedenen Bereichen überparteilich zu neuen Ansätzen führt.
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