Von vorOrt.news

„Ein wirklich fundierter, guter Ansatz"

Das „Löwenzahn-Projekt“ war eine außergewöhnliche Aktion an der Tutzinger Grund- und Mittelschule

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Eines der auffallenden Elemente des Löwenzahn-Projekts war eine Burg mit Hängebrücke

"Während die Realschüler und Gymnasiasten Tutzings sich an wunderbaren Seegrundstücken erfreuen können, haben es die Kleinsten in Hinblick auf das Schulgebäude und dessen Lage am Schlechtesten getroffen." Das schreibt ein Kommentator zu unserem Bericht über das mittlerweile weitgehend beendete "Löwenzahn-Projekt" an der Grund- und Mittelschule. "Es war zweifelsohne kein perfekter, aber ein wirklich fundierter, guter Ansatz", meint ein anderer Kommentator zu der Aktion, mit der die Schulhöfe aufwändig umgestaltet worden waren (Kommentare siehe ganz unten).

Den Bericht hatten wir am 4. Juni 2020 veröffentlicht:

Die Pausenhöfe der Tutzinger Grund- und Mittelschule sind heute wieder weitgehend frei und offen. Etliche kleinere und größere Bauwerke auf dem Areal sind nach und nach verschwunden. Es handelte sich um Ergebnisse des so genannten „Löwenzahn-Projekts“. In den Jahren 2003 bis 2005 war das in Tutzing eine recht außergewöhnliche Aktion. Kinder, Eltern, Lehrer der Grund- und Mittelschule, damals Hauptschule, und weitere Mitwirkende gestalteten die Schulhöfe mit aufwändigen Maßnahmen um.

Mit federführend bei der Aktion waren damals die Architektin Helga Quauke und der Bauingenieur Stefan Wöllisch. Beide wohnen nach wie vor in Tutzing. Von der Grundidee zeigen sie sich immer noch überzeugt. „Das hatte einen pädagogischen Wert“, sagt Stefan Wöllisch. Helga Quauke ist sich sicher: „Für die damaligen Schüler ist das ein Schatz für ihr ganzes Leben.“ Aber den Wandel sieht sie gelassen: „Alles ist Veränderung im Leben, dauernd und überall.“

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Helga Quauke und Stefan Wöllisch heute neben der Schule, deren Pausenhöfe sie vor Jahren mit umgestaltet haben
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"Gemeinsam etwas schaffen verbindet"

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Über Jahre säumten Bauwerke, Beete und Spielflächen die Tutzinger Schule

In einem Flyer beschrieben die Initiatoren die Aktion damals so:

„Schüler, Eltern und Lehrer der Tutzinger Grund- und Hauptschule starten ein Projekt, das in seiner Art einzigartig ist. An einem Wochenende im Juli ... krempeln 500 Schüler, Eltern und Lehrer die Ärmel hoch. Eine ca. 3.000 qm große Asphaltwüste soll einem Erlebnisspielplatz weichen.“

Die Idee von einer „Erlebniswelt Pausenhof“ beschrieben die Verantwortlichen in dem Flyer folgendermaßen:

„Es gibt triftige Gründe, warum das Spielen in der Natur so wichtig für unsere Kinder ist.
• Lerninhalte werden spielerisch vermittelt (Biotop: Hecke, Teich, Insektenwand)
• Kinder lernen durch die Pflege ihres Gartens, Verantwortung zu übernehmen
• Gemeinschaftserleben: Gemeinsam etwas schaffen verbindet! Bewusstsein für die Natur schaffen.

Der Erlebnisspielplatz sei außerhalb der Schulzeit für alle Tutzinger Kinder geöffnet, fügten die Initiatoren hinzu: „So wird dieser Erlebnisspielplatz Pausenhof nachmittags zum Treffpunkt aller Tutzinger Kinder - vielleicht auch der Eltern.“

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Die Beschäftigung mit den Beeten scheint vielen Schülern gefallen zu haben
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An einem Brunnen konnten die jungen Leute Wasser für die Pflanzarbeiten holen

„Einen Irrgarten und Büsche zum Verstecken fände ich toll"

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Wo man ein bisschen Ruhe hat: Beet mit Steinen auf dem unteren Pausenhof

Über lange Zeit beherrschte dieses Thema damals die Schule. Schüler sammelten gemeinsam mit ihren Lehrern Ideen und Anregungen. In den Klassen wurde geplant und diskutiert, Pläne wurden gezeichnet, Modelle angefertigt. Zitate von Schülern wurden in dem Flyer veröffentlicht, so beispielsweise diese:

„Einen Irrgarten und Büsche zum Verstecken fände ich toll.“ (Anja, 8 Jahre)

„Trampelpfade um die Schule rum wären klasse. Da kann man dann wie Winnetou herumschleichen.“ (Tom, 9 Jahre)

„Ich wünsche mir einen Teich, eine Hütte und ein Gemüsebeet, damit das Spielen noch mehr Spaß macht.“ (Pia, 9 Jahre)

„Basketballkörbe und Tischtennisplatten wären eine echt coole Nummer – dann hätte man auch nach der Schule was zu tun.“ (Sven, 14 Jahre)

„Eine Spraywand wäre stark, wo man seine Kreativität rauslassen kann.“ (Klaus, 15 Jahre)

„Holzbänke oder nur Steine irgendwo zum Zusammensitzen brauchen wir – wo man ein bisschen Ruhe hat.“ (Sabine, 15 Jahre)

65 000 Euro Spenden kamen zusammen

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Die Arbeiten wurden zu einer Generationen-übergreifenden Gemeinschaftsaktion

Ein Planungsteam sortierte die Beiträge, unterschiedliche Arbeitgruppen sorgten für die Pressearbeit, die Sponsorensuche, die Organisation und vieles mehr. Spenden in Höhe von etwa 65 000 Euro - von Eltern, Firmen und anderen - habe man seinerzeit gesammelt, erinnert sich Wöllisch. „Mehr haben wir nicht ausgegeben“, sagt er. Der Elternbeirat habe sich intensiv mit den Maßnahmen befasst, und die damalige Rektorin Inge Seitz habe das Projekt maßgeblich unterstützt. Die im Herbst 2002 im Schulforum entwickelte Idee sei „vom gesamten Lehrkörper für gut geheißen“ worden, steht in der alten Beschreibung. Helga Quauke setzte die vielen Ideen in eine Planung um.

Auch für Kritik zeigten sich die Initiatoren offen. Sie verwiesen in einer Dokumentation auf Bedenken von Nachbarn, vom TSV Tutzing, dessen Halle direkt neben dem unteren Pausenhof stand, von Gewerbetreibenden, vom Billard-Club und anderen. Der Gemeinderat habe sich dann aber einstimmig für das Projekt entschieden, berichteten sie. Und nicht nur das: Er habe Unterstützung durch den Bauhof mit Baumaschinen und Entsorgung des Asphalts ermöglicht. Der Umweltbeauftragte des Landratsamts sei von Anfang an in das Konzept einbezogen worden, und eine Mitarbeiterin der Gemeinde habe zusammen mit Eltern ein Konzept für Pflanzern, Büsche, Beete und Bäume erstellt.

Die Arbeiten wurden zu einer Generationen-übergreifenden Gemeinschaftsaktion. Es entstanden Bauwerke unterschiedlichster Art, ein Garten mit Kräuterschnecke, Beete, Kletterwand und Kletterbaum, ein Kriechtunnel, ein Wasserspielgelände mit Brunnen, ein Atrium, ein Schachfeld, ein Heckenlabyrinth, diverse Sitzbereiche und eine Burg mit einer Hängebrücke.

Der Zahn der Zeit hat genagt

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Der Beitrag von Natalia Ritzkowsky

Mehrere Preise haben die Tutzinger für das Löwenzahn-Projekt erhalten. Im Rahmen des „Bayerischen Gesundheitsförderungs- und Präventionspreises“ wurden sie zum Beispiel 2005 mit dem 1. Preis Sektion Schule ausgezeichnet. Natalia Ritzkowsky vom Elternbeirat der Tutzinger Grundschule erläuterte das Projekt damals in einem Text, der in Band 24 der Schriftenreihe der Landeszentrale für Gesundheit in Bayern erschienen ist. Dieser Beitrag (siehe Abbildung) verdeutlichte bereits, dass in den folgenden Jahren keineswegs alle die Begeisterung für das Projekt teilten.

„In den ersten Jahren konnte vieles des ursprünglichen Konzepts verwirklicht werden“, schrieb Natalia Ritzkowsky, und weiter: „So haben die Kinder nicht nur diesen Ort durch ihre Ideen und später Taten gestaltet, sondern dann auch mit Beet-Patenschaften der einzelnen Klassen, Unterricht im Freien, anschaulichem Lernen in ihrer nächsten Umgebung das pädagogische Konzept erlebt."

Weiter heißt es in dem Beitrag: "Leider ist mit einem Wechsel in der Schulleitung und dem nachlassenden Interesse und Wissen bei Lehrern, Eltern und Schülern viel von der ursprünglichen Idee verloren gegangen. Inzwischen nutzen die ca. 420 Schüler der (jetzt) Grund- und Mittelschule Tutzing den Pausenhof mit unterschiedlicher Begeisterung, doch der Zahn der Zeit hat auch hier genagt und manche Bauprojekte halten auf Dauer der Belastung nicht stand, manches wurde wieder rückgebaut und schlicht gepflastert. Von den pädagogischen Ideen dahinter ist leider im Schulalltag nur mehr wenig zu finden.“

"Es war ein gut gemeinter Versuch"

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Treffpunkt aller Tutzinger Kinder auch nachmittags - das gehörte zur Idee

Der Rückbau und Abbau hat also schon recht früh begonnen, wie aus dem Beitrag hervorgeht. Damit zeigt sich, dass sich das Ende des Löwenzahn-Projekts bereits seit Jahren hinzieht. In jüngerer Zeit wurden nun weitere seiner Bauteile beseitigt.

Die heutige Rektorin Anne-Katrin Schallameier ist darüber nicht unglücklich. Sie verweist auf Sicherheitsgründe. „Ich bin froh, dass die Bauten weg sind, denn sie waren verletzungsträchtig.“ Immer wieder habe es Verletzungen von Kindern und Beschwerden von Eltern gegeben. Auch im nach wie vor bestehenden Tunnel kennt sie Probleme der Schüler: „Die haben sich gegenseitig nicht mehr rausgelassen.“

„Es war ein gut gemeinter Versuch“, sagt Tutzings Bürgermeisterin Marlene Greinwald heute: „Aber inzwischen hat sich herausgestellt, dass es nicht mehr realistisch ist.“ Heute gebe es andere Konzepte. Für sie steht fest: „Aus rechtlichen Gründen konnten wir es so nicht mehr stehenlassen.“ Schon aus Sicherheitsgründen sei so etwas nicht mehr zulässig.

Eltern seien immer nur für eine begrenzte Zeit mit ihren Kindern an der Schule, sagt die Bürgermeisterin. Damals sei auch über die spätere Pflege gesprochen worden. Eltern hätten angekündigt, sie würden sich darum kümmern. Mittlerweile gebe es viele neue Regelungen, die zu beachten seien. Eltern und Lehrer hätten keine Zeit mehr für die Pflege. Es habe auch Beschwerden gegeben, dass die Kinder schmutzig waren. Im Zuge der bevorstehenden Baumaßnahmen an der Schule werde man zudem eine neue Entwässerung anlegen müssen.

Pflege als Unterrichtsbestandteil

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Der obere Pausenhof mit einem der längst entfernten Löwenzahn-Bauwerke © Fotos: Mitwirkende des Löwenzahn-Projekts / L.G.

Die Sicherheit sei von Experten überprüft worden, sagen Helga Quauke und Stefan Wöllisch. Dass ständige Pflege nötig sein würde, sei allen klar gewesen, und ebenso, dass die Beteiligten die Schule nach und nach verlassen würden. „Die Idee war, diese Aufgabe in den Unterricht zu integrieren“, sagt Wöllisch, „und daraus ein pädagogisches Konzept zu machen.“ Helga Quauke gibt sich aber überzeugt: „Was wir den Kindern bei diesem Projekt im Sinne einer starken Gemeinschaft, Schaffenskraft, Verbundenheit und Unterstützung mitgeben konnten, hat mit Sicherheit eine tiefe Spur der Vertrautheit in eine sich gegenseitig unterstützende Zukunft bei vielen der etwa 500 Mitwirkenden hinterlassen.“

Eines scheinen die Arbeiten damals und die Entwicklung seitdem zu belegen: Wie Pausenhöfe von Schulen sinnvoll gestaltet werden sollten, darüber kann man lange diskutieren. Unumstritten sein dürfte, dass Schüler, nachdem sie lange still sitzen mussten, einen enormen Bedarf an Bewegung haben. Rektorin Schallameier, nach ihrer Meinung hierzu gefragt, formuliert einen Wunsch, der eigentlich gar nicht so schwer realisierbar klingt: „Ich hätte gern ein Stück Wiese, wo die Kinder laufen können.“

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Kommentare

Ich bin Anfang bis Mitte der 70er Jahre auch in die Tutzinger Grundschule gegangen. Später im Gymnasium waren wir nochmal für 2 Jahre im alten Schulhaus ausquartiert. Unser Pausenareal war grundsätzlich geteert und gepflastert. Wir wichen aus. Oft auf die Greinwaldstraße (damals noch in beiden Richtungen durchgängig für den Autoverkehr freigegeben), oder wir gingen verbotenerweise in den Ort zum Houdek & Co. - Ob das sicherer war?
Zur Zeit der Olympiade in München gab es als Highlight auf dem Schulhof noch eine Weitsprunggrube mit Anlaufbahn, die sogar im Sportunterricht genutzt wurde, dann aber zunehmend verfiel; ähnlich wie jetzt das Pausenhofkonzept.
Mein täglicher Schulweg war allerdings auch jeweils ein kleiner Fußmarsch von ca. 20 Minuten morgens und mittags. Die Stichworte Bewegung und Verkehrserziehung zur Selbstverantwortung konnte man damit bereits abhaken.

Mittlerweile bin ich altersbedingt nicht mehr direkt betroffen, aber aktuelle und zukünftige Elterngenerationen sollten zusammenkommen (oder jetzt coronabedingt vielleicht einen gemeinsamen Chatroom aufsuchen) und untereinander durchdiskutieren, was sie mehrheitlich für ihre Kinder wollen: Wirklich alles so sicher, so sauber und so steril gestalten, so dass verschmutzte Kleidung oder aufgeschlagene Hände absolut unmöglich werden?

In meinen Augen war es mehr als nur ein „gut gemeinter Versuch“; es war zweifelsohne kein perfekter, aber ein wirklich fundierter, guter Ansatz. Wenn ich beispielsweise lese, dass sich Schüler nicht mehr aus dem Tunnel lassen, kann man das auch direkt als konkretes Beispiel verwenden, um mit den Kindern das Thema Mobbing versus Respekt & Rücksichtnahme pädagogisch aufzuarbeiten.

Die Natur der Grundschule, bei der alle 4 Jahre die Eltern und ihre Kinder zur nächsten Schule weiterziehen, macht die Fortführung aller nachhaltigen Projekte besonders schwierig. Das klappt auf Dauer nur, wenn man diese Projekte institutionalisiert. Die Schulleitung oder Elternbeirat müssten bereit sein, die Verantwortung zu übernehmen, oder man begründet einen speziellen „Förderverein“ hierfür. Darüber hinaus ist solch ein Projekt weder eine Selbstverständlichkeit, noch selbsterklärend. Jede Schul- und Elterngeneration muss den Neulingen den pädagogischen Sinn und Nutzen nahebringen, und aktiv das Interesse wecken diese Projekte wertzuschätzen und weiterzuentwickeln.
(Bearbeitet)
Während die Realschüler und Gymnasiasten Tutzings sich an wunderbaren Seegrundstücken erfreuen können, haben es die Kleinsten in Hinblick auf das Schulgebäude und dessen Lage am Schlechtesten getroffen. Und natürlich gilt das ebenso für die Hauptschüler, denen man 2009 von Seiten des Kultusministeriums an Stelle einer greifbaren Aufwertung dieser aussterbenden Schulform nur einen Euphemismus zugestand. So wirken deren Schulgebäude ebenso wie die Schulhöfe ungastlich, verkommen und wie Kraut und Rüben. Der Versuch einer Aufwertung durch das Gartenbauprojekt war nett gemeint und wie der Bericht verdeutlicht, sicher auch gut und mit Herzblut umgesetzt. Das Projekt musste deshalb einen langsamen Tod sterben, weil keine der Schulleitungen die Bedeutung des Schulgebäudes für das Lernen und Reifen von Kindern erfasst hat. Nicht umsonst spricht man in der Unterrichtsforschung vom (schulischen) Raum als dem dritten Pädagogen. Der spielt eine große Rolle, denn je kindgerechter ein Schulgebäude konzipiert wurde (möglichst unter direkter Beteiligung der Kinder schon in der Planungsphase), desto leichter und besser lernen die Kinder dort auch noch mehrere Schülergenerationen später, wie die Forschung weiß. Eine solche Zusammenarbeit zwischen Erwachsenen und Kindern setzt jedoch eine Beziehungskompetenz des Kollegiums auf hohem Niveau voraus. Der Deutsche Schulpreis wird jährlich an solche Schulen vergeben, die sich um all dies besonders bemüht und verdient gemacht haben. Nun ist die Tutzinger Grund- und Mittelschule aber schon an dem kleinen Vorhaben gescheitert, die Betonwüste ihres Schulhofs ein wenig freundlicher, kindgerechter zu gestalten. Tutzing, ein Ort in allerbester Seelage mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen Deutschlands überlässt seine jüngsten ebenso wie seine hilfsbedürftigsten Schüler der Trostlosigkeit. Das ist nun wirklich richtig, richtig traurig.