Hallo, liebe Leute in Tutzing, ich bin's schon wieder, das Mikrofon aus dem Sitzungssaal des Rathauses. Zweimal habe ich Euch hier ja schon mein Leid geklagt. Ich lag einsam auf dem Ratstisch, während mein Partner vorn beim Bürgermeister ständig im Einsatz war, und ich war, ehrlich gesagt, ziemlich eifersüchtig. Heute melde ich mich aus einem ganz anderen Grund: Ich bin glücklich. Richtig glücklich. Seit im Mai die neue Amtsperiode des Gemeinderats begonnen hat, komme ich kaum noch zur Ruhe.
Die meisten, die an den Seiten und hinten am großen Ratstisch sitzen, nehmen mich jetzt tatsächlich in die Hand, wenn sie etwas sagen wollen. Ich werde von Platz zu Platz weitergereicht wie ein Staffelstab. Manche stehen sogar auf und gehen eigens um den ganzen Tisch herum, um mich zu holen. Mich! Stellt Euch vor, wie sich das anfühlt, wenn man jahrelang nur als Dekoration herumgelegen hat. Ich freue mich jedes Mal wie ein Schneekönig, und das ganz ohne Winter.
Mein Partner vorn, das andere Mikrofon, hat sich ja nie beklagen müssen. Der Bürgermeister, die Leute aus der Verwaltung und die Referenten haben schon immer brav hineingesprochen. Inzwischen schaut mein Partner manchmal fast ein bisschen neidisch zu mir herüber, weil ich so viel herumkomme. Aber keine Sorge, wir verstehen uns prächtig. Eifersüchtig bin ich jedenfalls nicht mehr.
Das Schönste ist, was ich hinten im Saal beobachte. Dort wird nicht mehr ratlos getuschelt, ob der Nachbar das eben verstanden habe. Die Leute nicken, runzeln die Stirn, schütteln manchmal auch den Kopf, aber sie tun es, weil sie wissen, worum es geht. Die Presseleute schreiben eifrig mit, statt fragend in die Luft zu schauen. Und wenn der Bürgermeister fragt, ob es Gegenstimmen gibt, weiß man jetzt auch in der letzten Reihe, ob die Antwort „eine" oder „keine" lautete. Darüber soll es früher ja schon Meinungsverschiedenheiten bis in die Familien hinein gegeben haben.
Ein paar Unverbesserliche gibt es allerdings noch. Sie lassen mich links liegen, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aus Vergesslichkeit, vielleicht weil sie ihre Stimme für kräftig genug halten. Oder wollen sie etwa gar nicht von allen verstanden werden? Am Ratstisch mag das, was sie sagen, ankommen. Im Zuschauerraum dagegen landen davon nur ein Murmeln hier und ein halber Satz dort. Das ist ungefähr so, als würde man an der Brahmspromenade bei kräftigem Wind etwas über den See rufen: Gesagt ist es schon, nur gehört hat es keiner. Buchstäblich in den Wind gesprochen. Schade eigentlich, denn gerade die Leiseren haben oft Interessantes zu sagen.
Aber ich will nicht schon wieder jammern, das habe ich lange genug getan. Nach meiner ersten Klage hatte mir eine Gemeinderätin in den Kommentaren sogar versprochen, sich zu bessern. Inzwischen haben sich offenbar sehr viele ein Herz gefasst, und dafür sage ich: Danke! Das ist ein schönes Stück Bürgernähe, und es kostet nichts als einen kurzen Griff zur Seite. Den wenigen, die noch zögern, möchte ich zurufen, laut und deutlich natürlich: Ich beiße nicht. Ich sage auch nichts anderes, als was Ihr selbst sagt, nur eben so, dass es alle hören.
Einsam bin ich jedenfalls nicht mehr. Nur manchmal ein bisschen außer Atem.
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