Der Auftrieb war beachtlich. Massen von Kindern gingen heute Vormittag durch die Straßen. Grund war der „Tutzinger Klimatag“, der Beitrag unserer Gemeinde zum „Weltklimatag“, den die Initiative „Fridays for Future“ ausgerufen hat. Bayerns Kultusminister Michael Piazolo hatte zwar vor einem Schulstreik gewarnt, aber die Verantwortlichen der Tutzinger Schulen waren geschickt vorgegangen: Sie hatten die Veranstaltung zu einem Projekttag erklärt und quasi wie einen Wandertag behandelt. Die Teilnahme war für die Kinder und Jugendlichen aus den fünf Tutzinger Schulen deshalb Pflicht.
Dessenungeachtet war die Menge beeindruckend. Bürgermeisterin Marlene Greinwald zeigte sich stolz, als sie von einem etwas erhöht auf der Eingangstreppe des Rathauses stehenden Rednerpult aus auf die Menge schaute: Etwa 1500 Schüler waren dort angekommen. Auch Günter Schorn, der in Tutzing lebende Kreisvorsitzende im Bund Naturschutz, war „schier überwältigt von diesem Anblick“.
Ein ansehnliches Bündnis
Nicht alles hat geklappt. Ein Tutzinger hatte ein Straßenfest vorgeschlagen, doch diese Idee wurde nicht realisiert. Offenbar gab es zu viele Bedenken wegen der notwendigen behördlichen Anforderungen, Absperrungen und Organisationsmaßnahmen. Aber dennoch kam ein ansehnliches „Bündnis“ zahlreicher Beteiligter zustande, Die Rathauschefin lobte die vielen, die sich engagiert haben, die Polizei, die Feuerwehr, den Bauhof der Gemeinde, ganz besonders die vielen Teilnehmer aus fünf Tutzinger Schulen, die sich auch intensiv mit Umweltthemen befassten und dafür ausgezeichnet worden sind. Zu den Teilnehmern gehörten auch die evangelische und die katholische Kirche von Tutzing, das Tutzinger Kloster der Missions-Benediktinerinnen, der Energiewende-Verein, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), die Evangelische Akademie sowie die Initiative "Plant-for-the-Planet". Seit Ende der 1960er Jahre werde über den Klimaschutz geredet, sagte Marlene Greinwald: „Aber jetzt ist der Klimawandel da, jetzt müssen wir handeln.“ Die Politik reagiere jedoch zu langsam: „Vernunft und Weitsicht kommen nicht selten unter die Räder.“ Sie gab sich überzeugt: „Es wird Eindruck auf die Politik machen, dass die Jugend so dahinter steht.“
"Wir wohnen einem Wunder bei"
Zwischendurch läuteten lange die Glocken der katholischen Pfarrkirche St. Joseph. „Wir wohnen einem Wunder bei“, sagte am Rande Martin Held, der Ortssprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Der Verein beteiligte sich ebenfalls an der ganztätigen Aktion, so mit einem Infostand an der Marienstraße und einer „Fahrrad-Codierung“. Am Nachmittag unternahm Klaus Hirsch, der Ortsvorsitzende des Bundes Naturschut, mit interessierten Teilnehmern eine Radtour zu Tutzinger Biotopen.
Bei allem Ernst des Themas war auch für Unterhaltung gesorgt. So schallte beim Rathaus Popmusik aus dem Lautsprecher - passend natürlich. „Heal the World“ war da zum Beispiel zu hören, Michael Jacksons Aufruf, die Welt zu heilen. Mit einem großen Transparent stellten sich ein paar Jugendliche vor dem Rathaus-Eingang auf. „Gemeinsam fürs Klima“ stand darauf. Die Aufschriften auf anderen Transparenten und Schildern waren ebenso vielfältig wie unterschiedlich. „Unser Klima hat mehr Defizite als unsere Zeugnisse“ stand auf einem der Plakate. Auf anderen war zu lesen. „Rettet die Welt!“, „Wir protestieren auf allen Vieren“, „Wir wollen eine Zukunft“, „Umweltpolitik statt Lobbypolitik“, „Unsere Welt liegt in unseren Händen, unsere Zeit läuft ab“. Auch englische Sprüche gab es, so etwa „We don’t have time“.
"Lieber mit einem Bus fahren als mit einem Benz"
Wünsche und Ziele für den Klimaschutz trugen Jugendliche aus den einzelnen Tutzinger Schulen in einer Diskussionsrunde vor, die Studienleiterin Katharina Hirschbrunn von der Evangelischen Akademie moderierte. „Sehr materialistisch“ lebten viele im Landkreis Starnberg, fand eine Schülerin. Ihrer Meinung nach wäre es sinnvoller, „mit dem Bus zu fahren und nicht mit dem Benz“. Die Studienleiterin brachte einige Details, zum Beispiel Schäden von rund 180 Euro, die die Emission einer Tonne Kohlendioxid nach Berechnungen des Bundesumweltamts verursacht, und Forderungen nach einer entsprechenden Steuer. Eine Schülerin forderte daraufhin, die Firmen sollten sich „endlich zusammenreißen und sich auf einen Mindestausstoß von C02 beschränken“.
Eher über eigene Potenziale berichteten andere: Selbstgemachte Produkte im Pausenverkauf, Verzicht auf Strohhalme, wiederverwendbare Stifte für die Tafeln, keine Elternbriefe mehr auf Papier, stattdessen Informationen auf der Schul-Website. Ob Strom- oder Papierverbrauch ökologisch günstiger ist, wurde nicht näher thematisiert. Auch in Tutzing verbreitete Beschwerden über Pizzakartons, die Schüler nach dem Essen in die Gegend werfen, hörte man an diesem Tag nicht.
Am Rande kam es auch zu nachdenklichen Diskussionen in kleinerem Kreis. Ob alle nur noch Elektroautos fahren sollten? Ja, sagte eine Schülerin. Aber ob es wirklich richtig sei, mit dem für die Batterien benötigten Lithium den Menschen in Bolivien die Lebensgrundlage zu entziehen? Nein, auf keinen Fall, erwiderte sie, doch ein wenig zurückhaltend. Also doch keine Elektroautos? Ja, dann doch lieber nicht. Aber was dann? Alle sollten zu Fuß gehen oder Rad fahren. Also alle Autos abschaffen? Ja, bestätigte sie.
Sechs Bäume vom Münchner Hauptbahnhof nach Tutzing verpflanzt
Weiter hinten auf der Lindlwiese nahm die Lautstärke im Verlauf der Veranstaltung immer mehr zu. Da standen Schüler in Gruppen beieinander, unterhielten sich sich, ratschten, schienen die Szene als gewonnene Freizeit zu genießen. Für all die drängenden Aufrufe zum Klimaschutz und die vielen Details, die vorn in die Mikrofone gesprochen wurden, schienen sich die meisten weiter hinten nicht besonders zu interessieren. Dort war es so laut, dass selbst die per Lautsprecher verstärkten Worte kaum zu verstehen waren. Schlagartig anders wurde es, als Grundschüler einen Song aus dem von ihnen vor einiger Zeit aufgeführten Musical „Plastik Planet“ vortrugen. Da hörten alle zu, viele sangen sogar mit,
Sechs Bäume wurden anschließend an verschiedenen Stellen von Tutzing gepflanzt, so auf der Wiese neben der Kirche St. Joseph und beim Gymnasium. Sie standen auf Initiative des Kindermuseums und der Organisation „Plant-for-the-Planet“ eigentlich bereits am Starnberger Flügelbahnhof des Münchner Hauptbahnhofs. Doch dort mussten sie wegen dessen Umbaus wieder verschwinden - und nun sind sie in Tutzing. Ein junges Mitglied von Plant-for-the-Planet formulierte vor dem Rathaus den Grundgedanken kurz und knapp: „Bäume sind die einzigen Maschinen, die das CO2 aus der Luft filtern können.“ An einen Gingko-Baum, der beim Gymnasium gepflanzt wird, hingen Schüler Wunschzettel fürs Klima.
Pfarrer Brummer lädt für Sonntag zu einer weiteren ökumenischen Aktion nach dem Gottesdienst ein: „Sunday for future“, gegen 11.30 Uhr vor dem Tutzinger Rathaus. Heute in Tutzing: "Sunday for Future"





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