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23.9.2024
Von vorOrt.news

Hoher Gesprächsbedarf beim neuen „Benedictus-Hof“

Die Unterkunft für geflüchtete Menschen beurteilen viele positiv, aber auch Sorgen werden vorgebracht

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Dieses Thema brennt offenkundig vielen auf den Nägeln: Die Rathaustenne war so voller Menschen, dass die Gemeinde für die nächsten Ausgaben ihres "Rathaus-Forums" wohl nach einem größeren Raum Ausschau halten wird

So gut besucht sind Bürgerversammlungen selten. Die Rathaustenne war voller Menschen, die bereit gestellten 80 Sitzplätze reichten längst nicht aus, als vor einigen Tagen die erste von drei Veranstaltungen zur so genannten Geflüchteten-Unterkunft auf der Klosterwiese stattfand, die den Namen „Benedictus-Hof“ erhalten soll. Organisiert wurde sie von der Gemeinde im Rahmen einer neuen Reihe „Rathaus-Forum“ gemeinsam mit dem Ökumenischen Unterstützerkreis Tutzing, doch auch Vertreter des Gewerbes, der Feuerwehr, der Jugend, der beiden Tutzinger Akademien, von Kindergärten, Schulen und Pflege wirkten mit. „Es ist toll, dass Sie es geschafft haben, all die unterschiedlichen Gruppen zusammenzubringen“, sagte ein anwesender Unternehmer anerkennend.

Für die Moderation hatten die Veranstalter Pfarrerin Jutta Höcht-Stöhr, die frühere Leiterin der Evangelischen Stadtakademie in München, gewonnen. „Dies ist kein singulärer Abend“, sagte sie, „sondern der Beginn eines Prozesses.“ Bürgermeister Ludwig Horn sagte zu Beginn: „Dass wir mit größtem Respekt miteinander umgehen, ist mein größter Wunsch.“ Claudia Steinke, die Vorsitzende des Ökumenischen Unterstützerkreises, hielt bei ihren einleitenden Worten ein Buch „Sehnsucht Starnberger See“ empor. Die meisten verbänden die hiesige Region mit vielen positiven Attributen von der schönen Landschaft über alle Schulformen und 78 Vereine allein in Tutzing bis zu perfekter Infrastruktur, sagte sie: „Aber die Realität ist ein bisschen differenzierter.“ Dann schloss sie die Frage an: „Was wissen wir voneinander?“

Daraufhin richtete die Moderatorin Fragen an einige, die vorn saßen: „Wie geht es Ihnen in Ihren Bereichen? Was bräuchten Sie von der Tutzinger Gemeinschaft?“ Die Angesprochenen antworteten mit teils ausgiebigen, teils stichwortartigen Beschreibungen ihrer jeweiligen Institutionen und Aktivitäten: Feuerwehr, Ambulante Krankenpflege, Tafel „Tischlein-deck-dich“, Aktionsgemeinschaft Tutzinger Gewerbetreibender, Vertreter der Jugend, Waldorf-Kinderhaus. Das Thema des Abends – Unterkunft, geflüchtete Menschen - wurde dabei meist nur gestreift. Im späteren Verlauf der Veranstaltung wurde es konkreter. Dabei wurde hoher Gesprächsbedarf über den neuen "Benedictus-Hof" und alles, was mit ihm zusammenhängt, deutlich.

„Die Leute ticken anders – das muss man verstehen"

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Gemischte Reihe: Vorn saßen Vertreter von Tutzinger Institutionen und Gruppen, zu denen sich Personen aus dem Publikum gesellten, die Fragen stellten und Anmerkungen machten

Aufmerksam verfolgte das Publikum die Ausführungen der aus Tunesien stammenden Nada Raddaoui, die in Berg wohnt. Sie ist vor 16 Jahren nach München gekommen, hat in bioorganischer Chemie promoviert, ist Generaldirektorin des renommierten Nukleinsäure-basierten Therapienetzwerks in München und betreibt seit 2018 das Gebäudereinigungs-Unternehmen Moppex. „Ich bin dankbar dafür, dass ich in Deutschland gelandet bin“, sagte sie. Deutschland habe sehr viel für die anderen getan. Aber sie fügte sofort hinzu: „Die Leute ticken anders – das muss man verstehen.“ Dann konkretisierte sie, was sie damit meinte: In ihrem Heimatland sage man, wenn man etwas vorhabe und Bedenken wegen Schwierigkeiten auftauchten: „Das geht schon.“ In Deutschland sage man in solchen Fällen: “Das muss man planen.“ Gelächter im Publikum folgte.

Eine gebürtige Ukrainerin, die seit 16 Jahren in Deutschland lebt, bestätigte ähnliche Unterschiede für ihr Volk. Das sei schwierig für ihre Landsleute, denn ihnen werde Vieles nicht richtig erklärt. Viele von ihnen würden gern arbeiten, vorankommen, ihre erlernten Berufe ausüben, doch sie kämen nicht so einfach an wichtige Informationen. Ganz klar steht für Nada Raddaoui dennoch eines fest: „Ich würde die Leute einfach packen und sie beschäftigen.“ Applaus folgte. „Die Möglichkeiten, sich in Deutschland zu integrieren, sind enorm“, fügte sie hinzu. Für eine Mitarbeit in der Gebäudereinigung müsse man beispielsweise nicht viel wissen: „Körpersprache reicht schon.“ In ihr Unternehmen kommen nach ihren Worten viele Frauen, „die keine Alternative haben“. Sie bekämen einen Job, ein Gehalt und nachhaltige Hilfe. Die gebürtige Tunesierin wirkte regelrecht bemüht, es sehr deutlich zu formulieren: „Es ist unsere Aufgabe, sie zu packen und sie irgendwie zu zwingen, sich zu integrieren“, betonte sie. Die betreffenden Personen bekämen dafür im Gegenzug Ausbildung und Arbeit: „Das ist ein Kompromiss.“

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„Wir müssen miteinander auf Augenhöhe begegnen"

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Respekt forderte Tutzings Bürgermeister Ludwig Horn mehrmals an diesem Abend ein

Das Landratsamt kümmere sich für den Freistaat Bayern um die Unterkunft, sagte Tutzings Bürgermeister Horn und fügte hinzu: „Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir ein Haus errichten können – das schaut gut aus.“ So könne beispielsweise vermieden werden, dass Turnhallen beschlagnahmt würden und dass es deshalb keinen Sportunterricht mehr geben könne. Zur Belegung der Anlage, nach der immer wieder gefragt wird, sagte Horn: „Wir schauen, dass es ausgleichend wird, dass es keine Schwerpunkte etwa nach bestimmten Altersklassen oder nach Geschlechtern geben wird.“

Zum immer wieder angesprochenen Thema Sicherheit verwies der Bürgermeister auf die Zuständigkeit des Landratsamts. Man habe in dieser Hinsicht Erfahrungswerte. Landrat Stefan Frey hatte auf der Tutzinger Bürgerversammlung auf eine Frage nach Sicherheitskontrollen gesagt, in keiner Unterkunft für Geflüchtete im Landkreis Starnberg gebe es eine 24-Stunden-Security. Das sei auch nicht notwendig, weil die Unterkünfte gemischt belegt würden. Wenn es Streitigkeiten gebe, werde man die Polizei rufen. Horn verwies darauf, dass Tutzing die letzte Gemeinde im Landkreis Starnberg sei, die bisher keine feste Unterkunft dieser Art hatte. „Wir wollen das alles in engem Austausch mit dem Landratsamt machen“, sagte der Bürgermeister, „wir versuchen, alle Informationen zu bekommen und es gut vorzubereiten, wir versuchen uns so zu positionieren, dass wir jeden hören.“ Mehrmals an diesem Abend betonte Horn unter Beifall das Wort Respekt. „Wir müssen miteinander auf Augenhöhe begegnen und manchmal auch schwierige Situationen bewältigen.“ Dazu seien alle eingeladen.

Unternehmer bietet Raum für Treffen an

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Interessiert verfolgten viele Verantwortliche aus Tutzing die Veranstaltung, darunter (von links) Claudia Steinke, die Vorsitzende des Ökumenischen Unterstützerkreises, Udo Hahn, der Direktor der Evangelischen Akademie, Ursula Münch, die Direktorin der Akademie für politische Bildung, und Bürgermeister Ludwig Horn

Viele zuversichtliche Erwartungen wurden an diesem Abend geäußert. „Wir können uns ärgern oder lächeln“, sagte Bernhard Rekus, und er fügte ein Zitat von Karl Valentin hinzu: "Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch." Es gebe immer Möglichkeiten, sich zu engagieren – alle an ihrem jeweiligen Platz.

Susanne Stolzenburg-Hecht, die Schulpsychologin am Tutzinger Gymnasium ist, berichtete über positive Erfahrungen mit den Flüchtlingen, die nach 2015 im damaligen Tutzinger Zeltlager auf dem alten Volksfestplatz untergebracht waren. „Wir sind mit den Kindern dorthin gegangen“, erinnerte sie sich. Es habe Hilfe bei den Hausaufgaben und Patenschaften gegeben, es seien persönliche Verbindungen entstanden, die bis heute Bestand hätten. „Wir können von den Leuten auch ganz viel lernen“, betonte sie. Und zu denen, die nun in der neuen Unterkunft erwartet werden: „Wir werden sehen – es sind ganz normale Menschen.“

Auch die Volkshochschule StarnbergAmmersee begleitet Flüchtlinge, wie die Vorstandsvorsitzende Christine Loibl berichtete. Sie verwies unter anderem auf die Begleitung eines Sprachcafés in Starnberg und auf Sprachkurse im Tutzinger Beringerheim mit Unterstützung des Tutzinger Rotary-Clubs. Auch in den Unterkünften gebe es Schulungsräume. Kapazitäten in den Schulen seien dafür weniger geeignet, weil vormittags Räume benötigt würden.

Dazu sagte der Tutzinger Unternehmer Uwe Bölz, Chef der HPX Polymers GmbH, er verfüge in seiner Firma über Angebote, er habe Bedarf und bei ihm gebe es auch Räume, in denen man sich zum Beispiel vormittags treffen könne. Ob man eine Gruppe gründen könne, fragte er, deren Mitglieder sich bereit erklärten, früh mit den Menschen in Kontakt zu treten und die Informationen 1:1 an sie weiterzugeben? Die Moderatorin verwies auf ausliegende Listen, in die man sich bei Interesse mit seiner E-Mail-Adresse eintragen könne.

„Wer übernimmt die Verantwortung, wenn jemand zu Schaden kommt?“

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Alle Stühle waren besetzt, und für nicht wenige, die gekommen waren, blieben nur noch Stehplätze © Fotos: L.G.

Einen kritischeren Ansatz brachte ein Besucher ein, der nach eigenen Worten bisher in Hamburg gelebt hat und neu in Tutzing ist. In größeren Städten gebe es erhebliche Probleme, sagte er. In einem Ort wie Tutzing 140 Menschen zu integrieren, werde sehr schwierig sein. Mit Familien funktioniere es relativ gut, doch bei jungen Männern sehe er erhebliche Risiken. „Wer übernimmt die Verantwortung, wenn jemand zu Schaden kommt?“ Für diese Frage erhielt er Beifall. Ein Freund von ihm sei in Hamburg mit drei Messerstichen verletzt worden, er könne bis heute noch nicht wieder richtig sprechen, berichtete er. „Ich habe nichts gegen Ausländer“, sagte er, „aber in einer Gemeinde wie Tutzing sind die Bürger überfordert.“ Er verwies auf die schräg gegenüber der künftigen Anlage befindliche Realschule. „Viele Mädchen gehen da bauchfrei“, sagte er: „Für gewisse Kulturkreise ist das wie eine Aufforderung zu Vergewaltigung oder Schlimmerem." Wieder gab es Beifall, in den sich diesmal sogar Gejohle mischte. Dann wandte sich der Besucher noch konkret an Tutzings Bürgermeister Horn. „Treten Sie zurück“, fragte er ihn, „wenn ein junges Mädchen geschädigt wird?“

Moderatorin Jutta Höcht-Stöhr sagte dazu: „Die Botschaft ist angekommen. „Wir sollten so viele wie möglich auffangen, das Beste tun und ein Netz bauen, damit die Leute nicht gefährdet werden“, fügte sie hinzu. Aber dann mahnte sie: „Wir sollten jetzt nicht zehn Wortmeldungen in derselben Richtung haben.“ Es gab dann nur noch wenige Äußerungen ähnlicher Art. Ein Besucher aber sagte, gerade manche jüngere Menschen machten sich Sorgen, dass der Kustermannpark künftig „verloren“ sein werde: „Viele haben ihn schon abgeschrieben.“ Noch ein weiterer Besucher bezog sich auf den Einwand des aus Hamburg Zugezogenen. Es gebe Straftäter in Deutschland. Es sei wichtig, dass sich die Personen, die in der neuen Anlage untergebracht werden, untereinander gut verstünden.

Das Potenzial in Tutzing sei generell sehr groß, sagte dieser Besucher. Viele seien sehr positiv eingestellt, und es werde kein Problem sein, die Neuankömmlinge zu integrieren. Eine gute Möglichkeit biete dabei der Sport: „Da braucht man keine Sprachkenntnisse, da kann man sich gut integrieren.“ Auch bei Kindern gebe es in der Regel keine Berührungsängste. Hoffnungen setzte er beispielsweise ins Kinderturnen, sobald die Dreifachturnhalle, die zurzeit noch wegen eines Wasserschadens repariert wird, wieder benutzt werden kann. Doch bei 140 Menschen werde es bestimmt auch einige geben, die sich nicht integrieren wollten. „Ich habe auch Angst um die Kinder, die hierher kommen“, sagte er, „dass einige Leute alles kaputt machen.“ Damit verband er nachdrücklich die Bitte, das Sicherheitskonzept zu überdenken.

Kriminelle gebe es hier zu Lande genauso, sagte an anderer Stelle Susanne Stoplzenburg-Hecht: „Es gibt überall Deppen, aber die allermeisten sind sicher normale Menschen.“ Zu angesprochenen Traumatisierungen bemerkte der Diplompsychologe Thorsten Kerbs: „Ein Trauma heilt in vielen Fällen dann von selbst ab, wenn die Betroffenen sich sicher fühlen, Beschäftigung und das Gefühl haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein und gebraucht zu werden." Die Lager, in denen Geflüchtete in Bayern untergebracht werden, wirkten diesem Heilungsprozess deshalb entgegen, weil sich dort kein Sicherheitsgefühl einstellen könne. "Es muss also das Ziel der Gemeinde sein, die Insassen so schnell wie möglich aus dem Lager herauszuholen und sie in Wohnungen unterzubringen", sagte Kerbs. Das Problem der gesteigerten Aggressivität in Unterkünften gehe auf den Umstand zurück, dass Insassen in Deutschland in Unterkünften oft gewaltbegünstigenden Bedingungen ausgesetzt seien wie mangelnder Privatsphäre und fehlenden Gewaltschutzkonzepten. Nach der Veranstaltung bekräftigte Kerbs: "Es wäre also gut, wenn die Gemeinde sich über diese Themen im Vorfeld Gedanken machen und Konzepte entwickeln würde, die gleich bei Einzug etabliert werden können."

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