In eindrucksvoller Präsentation fand am 18. Oktober, im Festsaal des Tutzinger Schlosses das vierte Konzert der Brahmstage statt. „Junge Interpreten treten mit großen Meistern auf“ – so lautet das Motto des diesjährigen Musikfestivals. Eine bessere Umsetzung dieses Konzepts hätte in einem Liederabend wohl kaum gelingen können.
Henrike Legner, die noch in der Welt zwischen Studium, Konzertförderung und Musikwettbewerb unterwegs ist, war die Sopranistin in diesem großen Konzert. Gerrit Illenberger, der bereits zwei Jahre dem Jungen Ensemble der Semperoper Dresden angehörte, und der auch schon bei anderen Festivals aufgetreten ist, war als Bariton der männliche Partner. Mit den beiden Sängern eröffneten sich in diesem Doppel-Liederabend ganz besondere Gestaltungs-Varianten durch den Wechsel von Frauenstimme und Männerstimme, im Wechsel der unterschiedlichen Tonhöhenlagen und mit dem Wechsel durch den verschiedenen Klang-Charakter der beiden Singstimmen.
Diese Möglichkeiten kamen in besonders wirkungsvoller Weise gleich bei den acht Volksliedern am Anfang des Konzerts zum Einsatz. Die einzelnen Strophen wurden oft im Wechsel von Sopran und Bariton gesungen. Beim Lied „Schwesterlein“ gab es sogar innerhalb der Strophen eine Abwechslungs-Aufteilung: Die ersten beiden Verszeilen sang Bariton Illenberger, da hier im Text der Mann eine Frage stellt, und bei den Versen drei bis sechs antwortete Sopranistin Legner als angesprochene Frau wie in einem echten Dialog. Besser kann man das nicht gestalten.
Bei den Fünf Liedern op. 94 - alle vom Bariton großartig interpretiert – gab es im letzten Lied auch wirkungsvoll dargebotene opernhafte Dramatik. Die Sopranistin übernahm die nächste Liedgruppe - hier waren die Lieder im Charakter zarter. Aber es gab auch virtuose Koloraturen, welche mit großer Präzision und Ausdruckskraft gesungen wurden.
Am Ende des ersten Teils standen noch zwei Duette mit beiden Sängern, die besonders beeindruckend waren. Das zweite „Der Jäger“ enthält auch polyphone Passagen, in denen der eine die Aussage des anderen zeitversetzt bestätigend verstärkt. Zudem entwickelte dieses Duett eine rasant-wilde Rhythmik – ein furioser Schluss-Effekt vor der Pause.
Von Anfang an konnte man sich als Zuhörer vom harmonischen, runden Stimmklang von Gerrit Illenberger in den genussvollen Bann ziehen lassen. Er kann als Bariton zusätzlich sowohl mit tenoralem Obertonreichtum als auch mit dem kraftvollen Körperklang eines Basses agieren. Zudem präsentiert er seine Lieder mit erstaunlich guter Textverständlichkeit: Ohne ausgedruckte Gedichte zum Mitlesen kam jedes Wort beim Zuhörer an. Henrike Legner brillierte mit ihrem strahlend-hellen Sopran, der sich mühelos-souverän in höchste Tonlagen aufschwang. Zugleich war aber ihre Stimme auch voller Wärme und emotionaler Beweglichkeit. Dazu verfügt sie über eine spezielle Legato-Singtechnik, welche die Melodien ganz besonders energiereich schwingen lässt.
Nun fehlt nur noch der Klavier-Begleiter, dessen Leistung aus Experten-Sicht mindestens so wichtig ist wie die der Sänger. Großmeister Gerold Huber legte bei diesem Konzert einen Traum-Auftritt der Sonderklasse hin. Schon seine Klavier-Vorspiele – besonders erkennbar bei den kunstvollen Klavierparts der Lieder im zweiten Konzert-Teil – waren immer nur wunderschön: Bei „Auf dem Kirchhof“ zum Beispiel oder ganz besonders bei „Das blaue Auge“ – von Johannes Brahms im Sommer 1873 in Tutzing komponiert. Hubers selig-singende Diskant-Melodien in Verbindung mit dem je nach Stimmung feinfühlig differenzierten Klang-Unterbau – immer ausdrucks-intensiv, immer zauberhaft.
Auch die beiden Gesangs-Solisten ließen bei den kunstvollen Kompositionen des zweiten Konzertteils in der Expressivität nicht nach. Bei jedem Lied wurden Inhalt und Atmosphäre des vertonten Gedichtes, oft auch nur der vertonten Gedichtzeile und oft auch nur eines einzelnen vertonten Wortes in verblüffend- verständlicher und emotional-ergreifender Weise unmittelbar auf die Zuhörer übertragen.
Bei der Zugabe des Volksliedes „In stiller Nacht“ ließen sich die Künstler noch eine weitere überraschende Besetzungs-Kombination der beiden Singstimmen einfallen: Sie sangen „unisono“ zusammen einstimmig die Melodie der ersten Strophe – ohne
Klavierbegleitung. Ein sehr anrührender Effekt. Nach der dritten Zugabe „Guten Abend, gut Nacht“ tobte das Publikum dann noch mehr.


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