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Odyssee einer Orgel

Ein fast 300 Jahre altes Instrument wollen in Tutzing die einen behalten, die anderen weggeben

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Zwischen- oder Endstation einer Odyssee? Die Schleich-Orgel an ihrem derzeitigen Standort im Ortsmuseum © L.G.

Sie ist eine Kostbarkeit - da sind sich eigentlich alle einig: Eine aus dem Jahr 1720 stammende Orgel befindet sich im Eigentum der Gemeinde Tutzing. Sie stand lange in der St. Nikolauskirche auf der Ilkahöhe. Weil die eine neue Orgel bekommen hat, wurde sie vor wenigen Wochen ins Ortsmuseum am Thomaplatz geschafft. Der frühere Tutzinger Kulturreferent Gernot Abendt plädiert dafür, dass sie dort bleibt. Aber im Gemeinderat scheint es andere Ziele zu geben. Die Mitglieder des Hauptausschusses neigten eher dazu, die fast 300 Jahre alte Orgel als Dauerleihgabe einem Orgelmuseum in Kelheim zur Verfügung zu stellen, als sie sich dieser Tage mit dem Instrument befassten.

Die historische Rarität stammt von dem Orgelbauer Philipp Franz Schleich (um 1686 bis 1723). Es handelt sich um eine von zwei, vielleicht auch drei „Schleich-Orgeln“, die es gibt. Eine steht im Stadtmuseum von Regensburg. Die Tutzinger Orgel dagegen scheint auf einer Odysee ihr Ziel immer noch nicht gefunden zu haben. Vor vielen Jahren hat sie sich am Ostufer des Starnberger Sees befunden. Dann war sie Johann Salomon, dem früheren Direktor des heutigen Tutzinger Gymnasiums, geschenkt worden. Zu einer Unterbringung in einem Musikraum der Schule kam es nicht. Sie landete im Dachstuhl der zum Gymnasium gehörenden Kalle-Villa und geriet über längere Zeit in Vergessenheit. Dort entdeckte sie vor etwa 30 Jahren der damalige Hausmeister des Gymnasiums, Kurt Lorenz - allerdings zerlegt in Einzelteile.

Emotionale Worte im Rathaus

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Gernot Abendt ist Berater fürs Ortsmuseum - und würde die Orgel dort gern behalten © L.G.

Zunächst wusste niemand, was das eigentlich ist. Der damalige Tutzinger Bürgermeister Alfred Leclaire zog den ihm gut bekannten Orgelbauer Dieter Schingnitz aus Iffeldorf hinzu.

Der erkannte den wertvollen Fund und brachte die Orgel aufwändig wieder in Schuss, indem er wichtige Teile - so die über die Jahre arg in Mitleidenschaft gezogenen Metallpedale - ersetzte.

Die nächste Station für die Schleich-Orgel war dann das kleine Nikolaus-Kircherl, bis sie vor ein paar Wochen ins Ortsmuseum geschafft wurde.

Davon zeigte sich Orgelbauer Schingnitz nun im Hauptausschuss alles andere als begeistert. „Die Orgel hat wunderbar in die Kirche gepasst“, sagte er. Weil sie historisch sei, könne man auf ihr alte Werke originalgetreu interpretieren.

Schingnitz war anzumerken, wie sehr ihn dieses Thema bewegt. Die Verlagerung der Orgel von der Kirche ins Ortsmuseum kritisierte er recht emotional mit kritischen Bemerkungen. Bürgermeisterin Marlene Greinwald wies seine Vorhaltungen mit ebenfalls deutlichen Worten zurück.

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Sommerliche Orgelkonzerte im Ortsmuseum bei offenen Türen?

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Orgelkonzerte bei geöffneten Museumstüren im Sommer schweben Gernot Abendt vor © L.G.

In der Debatte wurde aber auch deutlich, dass es bei aller Wertschätzung des historischen Juwels durchaus Kritik an der musikalischen Qualität dieser Orgel gibt. Sie verfügt nämlich nur über eine kleine Oktave, außerdem ist sie um einen Halbton höher gestimmt als üblich. Das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten erfordert deshalb eine etwas mühsame Transposition, wie Helene von Rechenberg, die Kirchenmusikerin der katholischen Pfarrgemeinde, im Ausschuss erläuterte. Auch die Begleitung des Gemeindegesangs sei mit dieser Orgel schwierig.

Damit sieht sich die Gemeinde Tutzing als Eigentümerin nun vor der Frage, was mit dem Instrument geschehen soll. Schingnitz befürchtete einen allzu billigen Verkauf, bestätigte aber selbst, dass für einen von ihm als akzeptabel angesehenen Preis kein Käufer zu finden sein wird. Deshalb brachte er selbst als Möglichkeit das Kelheimer Orgelmuseum ins Spiel.

Diese Idee schien mehreren Ausschussmitgliedern sichtlich zu gefallen. Dass das Instrument wertvoll sei, stehe nicht in Abrede, sagte zum Beispiel Vizebürgermeisterin Elisabeth Dörrenberg (CSU), doch die Orgel habe keinen wirklichen Tutzinger Bezug, ihr Klang sei „gewöhnungsbedürftig“. Regelrecht „schräg“ fand sie ihn - ein Attribut, das auch Thomas von Mitschke-Collande (CSU) benutzte. Im kleinen Ortsmuseum, so wurde weiter argumentiert, nehme sie zudem relativ viel Platz in Anspruch, sie sei dort viel zu dominant. Im Kelheimer Orgelmuseum sei sie dagegen gut aufgehoben, und dort werde sie wahrscheinlich auch liebevoll restauriert.

Kirchenmusikerin von Rechenberg zeigte sich davon nicht so sehr angetan. „Ich wäre als Organistin stolz, wenn wir so ein historisches Instrument im Ort hätten“, sagte sie. Das sieht Ex-Kulturreferent Abendt genauso. Er liebäugelt schon mit Konzerten im Sommer, bei offenen Türen des Ortsmuseums zum Thomaplatz hin. Dafür müsste die Orgel aber dort bleiben.

Quelle Titelbild: L.G.
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