Von Ferdinand Goslich

Eine Organistin, die in der Champions-League spielt

Die Gemeinde Tutzing zeichnet Helene von Rechenberg mit dem Wilhelm-Hausenstein-Preis aus

Wenn man als Musikerin einen Preis erhält – was liegt da näher, als Beispiele seiner Kunst zu geben? Also präsentierte Helene von Rechenberg ihr großes Können an der Orgel in der Pfarrkirche St. Joseph. Für ihre „Kleine Abendmusik“ wählte sie das wohl bekannteste Orgelwerk überhaupt: Toccata und Fuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach, die sie kraftvoll und zupackend, dabei aber ungemein transparent und durchhörbar spielte. Auf ein besinnliches „Ave Maria“ von Max Reger, das sie einfühlsam modulierte, folgte die Toccata von Georgi Alexandrowitsch Muschel (1909-1989). Auch dieses wiederum energiegeladene, vorwärtsdrängende Stück bewältigte Helene von Rechenberg brillant. Mit diesen Proben ihrer Meisterschaft gestaltete sie eine feierliche Ouvertüre zu dem eigentlichen Programmpunkt.

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Nach der "Kleinen Abendmusik" standen die Besucher in der Kirche auf, um Helene von Rechenberg zu applaudieren © L.G.

Internationale Konzerttätigkeit

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Stolze Kulturpreisträgerin: Helene von Rechenberg (M.) zwischen Bürgermeisterin Marlene Greinwald und Prof. Klemens Schnorr © L.G.

Zur Verleihung des Wilhelm-Hausenstein-Kulturpreises kam eine große Zuhörerschaft im Sitzungssaal des Rathauses zusammen. Bürgermeisterin Marlene Greinwald würdigte die Organistin als eine „Musikerin von herausragender künstlerischer Qualität“ und mit internationaler Konzerttätigkeit. Ganz im Sinne der nach dem Kunsthistoriker, Kritiker und Schriftsteller Hausenstein benannten, seit 2007 vergebenen Auszeichnung sei Helene von Rechenberg eine Musikerin, die das Kulturleben in Tutzing auf wertvolle Weise bereichere. 2009 sei sie als Kirchenmusikerin und Organistin von der Pfarrei St. Joseph berufen worden und habe Tutzings Konzertkalender durch völlig neue Formate gefördert.

Sie habe den Tutzinger Orgelherbst begründet und lade jedes Mal zum Beginn der großen Ferien zum Sommerkonzert ein. Sie bilde Jahr für Jahr mit ihrem Orgelspiel einen der Höhepunkte der Kulturnacht und habe 2017 in Kooperation mit den Brahmstagen durch die Aufführung des Deutschen Requiems von Brahms mit dem Kirchenchor St. Joseph „für eine Sternstunde“ gesorgt. Darüber hinaus arbeite von Rechenberg gern mit anderen Tutzinger Musikern zusammen, fördere Musikliebe und Musikverständnis bei der nachwachsenden Generation, locke ein breites Publikum jenseits von klassischer Kirchenmusik in die Kirche und trage mit der von ihr eingespielten CD „Helene von Rechenberg an der Sandtner-Orgel“ den Namen Tutzings weit über den Ort hinaus.

Wettbewerbspreis ist „ein Ritterschlag“

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Auch ins Goldene Buch der Gemeinde Tutzing trug sich Helene von Rechenberg ein © L.G.

Klemens Schnorr, emeritierter Professor für Orgel an der Musikhochschule Freiburg, erinnerte in seiner Laudatio daran, dass seine spätere Schülerin Helene von Rechenberg Aufnahmeprüfungen gleich an drei Musikhochschulen bestanden habe: in Augsburg, Freiburg und München. Er habe sie dann überredet, zu ihm nach Freiburg zu kommen. Nach dem erfolgreichen kirchenmusikalischen A-Studium in Freiburg habe sie 2001 mit einer „feurigen Interpretation“ der Orgelsonate von Julius Reubke bei der prüfenden Kommission Aufsehen erregt. Sie sei direkt davon entzückt gewesen. Auf ihrer Tutzinger CD sei dieses Werk zu hören. Nach einem Aufbaustudium bei der Orgel-Koryphäe Michael Radulescu habe von Rechenberg zwei Preise gewonnen, in Odense in Dänemark und in Nürnberg.

Bei einem Orgelwettbewerb einen Preis zu gewinnen, bezeichnete Schnorr als „einen Ritterschlag“, müsse man doch auf unbekannten Orgeln einer fremden Jury vorspielen, verschiedene Interpretationsrichtungen berücksichtigen und dabei „viel Können und viel Nervenstärke“ beweisen. Wer dies schaffe, sagte Schnorr voller Anerkennung, spiele nicht in der Landes- oder Bundesliga, sondern in der Champions-League, um einen Vergleich mit dem Fußball zu ziehen. Leider ließen es die Tarifstrukturen des Bistums Augsburg nicht zu, auch bei Rechenbergs Gehalt auf Champions-League-Niveau zu gehen, fügte er süffisant hinzu. Die Organistin reihe sich jedenfalls in die Ruhmeshalle der bekanntesten Tutzinger Musiker ein – wie Gitti Pirner, Franz Massinger, Elly Ney oder Ludwig Hoelscher.

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Festlich war die Stimmung in der Pfarrkirche St. Joseph bei der "Kleinen Abendmusik" © L.G.

Lob des „gefürchteten Kritikers“

Zugunsten seiner ehemaligen Orgelstudentin zitierte Professor Schnorr genüsslich das überschwängliche Lob des „gefürchteten Kritikers“ Johannes Adam, der 2008 nach von Rechenbergs Interpretation der ersten Orgel-Sonate von Max Reger in der „Badischen Zeitung Freiburg“ geschrieben hatte: „Die Wiedergabe klar, adäquate Farben vom Säuseln bis zur Opulenz, starker Ausdruck, Vertrautheit mit der Ästhetik der deutschen Spätromantik. Vor allem: junger, wilder Reger mit Biss, mit Saft und Kraft. Und sehr genießbar. So muss es sein. Kompliment.“ Auch Schnorr erinnerte daran, dass die Preisträgerin den Namen Tutzings in die Welt hinaustrage. Im Zeitraum 2018/19 sei sie in Leipzig, München und Wien zu hören, und dazu habe sie zweimal schon in China gastiert. Er gratulierte der Pfarrei St. Joseph und der Gemeinde Tutzing zu einer Musikerin, „die Ihnen alle Ehre macht“.

„Spielwiese“ St. Joseph

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Nach ihrer Kleinen Abendmusik gewährte Helene von Rechenberg einen Einblick in ihre "Spielwiese" © L.G.

„Ganz überwältigt“ zeigte sich schließlich die Geehrte. Ihren Eltern rechnete es Helene von Rechenberg hoch an, dass sie nicht gesagt hätten: „Werd doch was Gscheit‘s und keine Musikerin.“ Ihre Schwester (Flöte) habe sie (Klavier) immer gedrängt, mit ihr im Duo zu spielen. Dadurch habe sie nicht nur das Vom-Blatt-Spielen gelernt, sondern auch ihr eigenes Sprachrohr, die Musik, gefunden. Bei ihrem Lehrer Klemens Schnorr bedankte sie sich, dass er schon, als sie erst 14 war und in der Münchner Stephanuskirche übte, erkannt habe, dass sie offenbar für die Kirchenmusik und das Orgelspielen begabt war.

Ganz warme Worte fand sie für Wien, wo sie eine Zeit lang gelebt hat: „Das ist meine Stadt.“ Als sie ihren Mann Mark Haslinger kennenlernte, habe ihre Mutter ihn vorgewarnt: „Sie müssen Musik schon sehr mögen.“ Inzwischen habe sie längst in Tutzing tiefe Wurzeln geschlagen. Helene von Rechenberg bedankte sich bei der katholischen Pfarrei für die Wertschätzung ihr gegenüber. Und eine große Freude sei es, jetzt auch von der politischen Gemeinde geehrt zu werden. Es gebe hier viele musikbegeisterte Menschen, „und in der wunderschönen Kirche St. Joseph habe ich meine Spielwiese entdeckt“, sagte sie. Eine Probe davon, was auf dieser Spielwiese alles möglich ist, hatte die Festakt-Gemeinde tatsächlich bei der „Kleinen Abendmusik“ bekommen.

Quelle Titelbild: L.G.
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Ferdinand Goslich

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