Von Ferdinand Goslich

„Tod, wo ist dein Stachel?“

Beeindruckend gehen die Tutzinger Brahmstage mit dem Requiem des Meisters zu Ende

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Gewaltige Besetzung, gewaltiges Werk: Am Sonntag in der Tutzinger Pfarrkirche St. Joseph © Michaela Schuster

Knisternde Anspannung macht sich breit. Wie auf einer Tribüne stehen wir hoch oben im Altarraum. Unten - vor uns ausgebreitet - das Publikum. St. Joseph ist mit Zuhörern voll besetzt. Lauter erwartungsvolle Menschen. „Kannst Du die Dirigentin sehen?“ „Wenn der Kollege einen Schritt zur Seite geht, seh‘ ich sie besser!“ Alles hört auf das Kommando von Helene, der Dirigentin. Mit sanften Tönen beginnt „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms, eines der beliebtesten und meistaufgeführten Werke des Meisters. „Selig sind, die da Leid tragen“, hauchen wir vom Chor über das Orchester hinweg.

Imposante Klangkulisse

So empfand ich den Einstieg in dieses festliche Schlusskonzert der Tutzinger Brahmstage. Eine derart gewaltige Besetzung hatte die Tutzinger Pfarrkirche St. Joseph seit der letzten Aufführung des Brahms-Requiems vor 20 Jahren nicht mehr gesehen: 45 Musiker im Philharmonischen Orchester Stringendo und etwa 90 Sängerinnen und Sänger im Brahms-Festivalchor, der eigentlich aus drei Chören bestand, sorgten für eine imposante Kulisse. In der Bassgruppe stehend fühlte ich mich von der Dirigentin Helene von Rechenberg wunderbar geleitet – durch die faszinierende Klangwelt des Brahmsschen Requiems. Voller Innigkeit interpretierte die Sopranistin Felicitas Fuchs den Trost an die gläubigen Christen. „Herr, lehre doch mich, daß ein Ende mit mir haben muss“, trug Franz Hawlata (Bariton), der an der Wiener Staatsoper engagiert ist, mit Wärme und Brillanz vor. Stimmgewaltig „blies“ er „zur letzten Posaune“.

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Ein mächtiger musikalischer Sturm

Nicht nur ums Sterben geht es im Requiem, sondern vor allem darum, dass es danach weitergeht: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel?“. Da bricht tatsächlich ein mächtiger musikalischer Sturm los. Ein Genuss war es, dieser Verheißung aus voller Kehle Nachdruck zu verleihen. Mit großer Geste, aber auch einfühlsamem Duktus hatte Helene von Rechenberg den großen Klangapparat im Griff. Hohe Konzentration war Pflicht bei jedem einzelnen Chormitglied, um dem gewaltigen Anspruch dieser Komposition gerecht zu werden. Wie auf Händen getragen fühlten wir uns vom Orchester Stringendo. Möglich macht dies die fabelhafte Musik von Johannes Brahms. Meisterhaft versteht er es, das Auseinanderstreben der vier Stimmgruppen – die Polyphonie - zu einem lebendigen Klangbild zu formen und daraus ein harmonisches Ganzes zu schmelzen. Zarte, ans Herz gehende Passagen wechseln sich ab mit gewaltigem Donnergetöse. Das ergreift die Zuhörer, trifft sie ins Mark. So zeigten sie sich beeindruckt und spendeten langanhaltenden Applaus. Als sie hinausströmten, war ich gespannt, spitzte die Ohren und vernahm schwelgendes Lob: „Tolles Konzert“; „es war wunderbar“; „so schön war es, ich hab’s genossen.“ Ein würdiger Abschluss der diesjährigen Brahmstage!

Eine Premiere dreier Chöre

Immerhin waren es drei Chöre, die an diesem Sonntag, 29. Oktober 2017, zum ersten Mal gemeinsam auftraten und ihr Bestes gaben: der Kirchenchor von St. Joseph, Tutzing, der damit sein Jahreskonzert absolvierte, die Chorgemeinschaft St. Pius, Pöcking, und der ars-musica-Chor, Ottobrunn. Der Leiter der beiden letzteren, Norbert Groh, hatte gemeinsam mit seiner Kollegin Helene von Rechenberg dem Gesamtensemble beim Einstudieren den letzten Schliff gegeben. Drei Wochen vor dem Konzert hatten die drei Chöre im Kloster Baumburg, in Altenmarkt an der Alz nördlich des Chiemsees, intensiv für das Brahms-Requiem geprobt. So wurden wir in Dynamik, Ausdruck und Stimmführung verbessert. Wir lernten aber auch unterschiedliche musikalische Auffassungen der Dirigentin und des Dirigenten kennen, die beide schlüssig sind.

Kooperation St. Joseph und Brahmstage

Nach der Begrüßung durch den Pfarrer von St. Joseph, Peter Brummer, erinnerte Thomas H. Zagel, der 2. Vorsitzende des Freundeskreises Tutzinger Brahmstage, an zwei besondere Umstände: Vor 20 Jahren sei bei den Tutzinger Brahmstagen das Requiem des Meisters aufgeführt worden und heuer erneut. Damit sei es endlich wieder zu einer Kooperation mit der Kirchenmusik von St. Joseph gekommen. Und ebenfalls bereits vor 20 Jahren habe Franz Hawlata den Brahmstagen die Ehre gegeben.

Noch zwei Mal Requiem

Das Konzert wird zwei Mal wiederholt: am Freitag, 10. November, um 19.30 Uhr im Wolf-Ferrari-Haus in Ottobrunn und am Sonntag, 12. November 2017, um 17 Uhr in der Kirche St. Pius in Pöcking. Dann aber mit den Solisten Jaewon Yun (Sopran) und Raphael Sigling (Bass). Beide Aufführungen finden unter der Leitung von Norbert Groh statt.

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Ferdinand Goslich © privat

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Ferdinand Goslich singt in der Bassgruppe des Kirchenchors St. Joseph und ist Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Kirchenmusik in Tutzing e.V.

Quelle Titelbild: Michaela Schuster
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Über den Autor

Ferdinand Goslich

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Kommentare

Ein wunderschöner Beitrag, um sich das Werk aus der Sicht von Mitwirkenden vorzustellen. Der Autor ist einer der besten Mitmacher in der Pfarrgemeinde und in vielseitiger Weise mitwirkend. Reizt neben der genialen Darbietung des Brahmsrequiems zum Mitmachen, so dass noch viele weitere geistliche Musikabende folgen können...
Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank an Helene von Rechenberg und alle Mitwirkenden (inbesondere auch den Kirchenchor von St. Joseph) für eine fantastische Aufführung des Brahms Requiems heute Abend. Ein imposantes Werk erstklassig dargeboten.