„Meine Adresse ist Tutzing am Starnbergersee.“ So schlicht schrieb Johannes Brahms im Juli 1873 an seinen Freund, den Wiener Chirurgen Theodor Billroth – und fragte augenzwinkernd hinterher, ob Karlsbad nicht vielleicht die bessere Adresse wäre. Mehr als 150 Jahre später ist eine Tutzinger Adresse wieder Gesprächsthema: Seit dem 1. September heißt die frühere Elly-Ney-Straße offiziell „Am Seeblick“.
Zwischen diesen beiden Adressen spannt sich eine Musikgeschichte, um die größere Städte unsere Gemeinde beneiden könnten. Sie reicht aber auch tief in die politischen Abgründe des 20. Jahrhunderts. Wer ihr nachspüren will, hat in den kommenden Wochen reichlich Gelegenheit: Morgen, am Sonntag, eröffnen die Musikfreunde Tutzing ihre 55. Saison, eine Woche später beginnen die 29. Tutzinger Brahmstage.
Nach Tutzing kam Brahms eher zufällig. Auf einem Erkundungsausflug mit seinen Münchner Freunden, dem Hofkapellmeister Hermann Levi und dem Fotografen Julius Allgeyer, landete er am Westufer – und blieb. Am 14. Mai 1873 ließ er sich nieder und schwärmte bald an Levi: „Tutzing ist weit schöner, als wir uns neulich vorstellen konnten.“ Der See sei nach einem Gewitter fast schwarz gewesen, gewöhnlich aber tiefer blau als der Himmel, dazu die schneebedeckten Berge: „Man sieht sich nicht satt.“
Sechs Gulden für ein Klavier, auf dem niemand spielen sollte
Quartier nahm der Komponist im Wirtshaus von Konrad Amtmann. Für Zimmer und Schlafkammer zahlte er laut seinem Biografen Max Kalbeck 25 Gulden im Monat, dazu sechs Gulden für ein verstimmtes, kaum brauchbares Klavier. Als ein Besucher entsetzt die Tasten anschlug, soll Brahms trocken geantwortet haben: „Ja, das habe ich mir nur gemietet, damit niemand darauf spielt.“
Für ernsthafte Arbeit wich er ins „Voglhäuschen“ aus, den Musikpavillon des Sängerehepaars Heinrich und Therese Vogl am Ufer. Die beiden waren gefeierte Wagner-Interpreten, Therese Vogl zudem eine Tutzinger Lehrerstochter, die mit ihrem Mann einen Bauernhof bewirtschaftete. Kalbeck notierte vergnügt, dass die beiden heute als Tristan und Isolde Lorbeeren ernteten und morgen wieder ihr Heu einfuhren. Im Pavillon sang Heinrich Vogl die frisch entstandenen Lieder aus Opus 59. Sein tägliches Spazierpensum absolvierte Brahms im Park zwischen Garatshausen und Possenhofen.
Die Bilanz dieses Sommers kann sich hören lassen: Brahms vollendete in Tutzing seine beiden Streichquartette op. 51, die er Billroth widmete, die Lieder und Gesänge op. 59 und die berühmten Haydn-Variationen op. 56. Das Manuskript der Fassung für zwei Klaviere ist mit „Tutzing, Juli 1873“ datiert – Brahms selbst nannte das Werk, als er einen Kopisten suchte, bescheiden einen „Schmarrn“. Nur eine geplante Oper mit dem Dichter Paul Heyse kam nie zustande. Bis Mitte September blieb der Komponist am See. Im Dezember verlieh ihm der bayerische König den Maximiliansorden.
Gefeiert, geehrt – und belastet
Die Erinnerung an den Brahms-Sommer wachzuhalten, machten sich 85 Jahre später zwei prominente Tutzinger zur Aufgabe. 1958 riefen die Pianistin Elly Ney und der Cellist Ludwig Hoelscher die „Tutzinger Musiktage“ ins Leben. Die Reihe zog bekannte Musiker und ein internationales Publikum an den See – 30 Jahre lang, bis 1987. Im Gründungsjahr 1958 brachte der Tutzinger Musikantiquar Hans Schneider sein erstes Buch heraus. Seither steht „Tutzing“ als Verlagsort in unzähligen musikwissenschaftlichen Literaturverzeichnissen weltweit. Elly Ney war die gefeierte Beethoven-Interpretin ihrer Zeit, aber sie war auch eine glühende Verehrerin von Adolf Hitler. 1937 trat sie in die NSDAP ein, im selben Jahr ernannte Hitler sie zur Professorin. Schon 1933 hatte sie sich geweigert, für den jüdischen Pianisten Rudolf Serkin einzuspringen. 1944 stand sie auf der sogenannten „Gottbegnadetenliste“ des Regimes. Nach dem Krieg erhielt sie von den Amerikanern zunächst Auftrittsverbot. Die Stadt Bonn lehnte es 1952 ab, ihr dortiges Verbot aufzuheben, und bezeichnete sie als ausgeprägte Nationalsozialistin. Im selben Jahr ernannte Tutzing sie zur Ehrenbürgerin. Auch ihr Partner Hoelscher war seit 1937 Parteimitglied. Im Krieg spielte er Propagandakonzerte, etwa im Dezember 1944 in Krakau vor Generalgouverneur Hans Frank. Selbst die 1997 von Christian Lange gegründeten Brahmstage beriefen sich in ihren Programmheften lange auf Ney als ideelle Vorläuferin.
2009 ließ der damalige Bürgermeister Stephan Wanner Neys Porträt aus dem Rathaus abhängen. Charlotte Knobloch, damals Präsidentin des Zentralrats der Juden, kritisierte die fortdauernde Ehrung scharf. Nach einer Sondersitzung bis tief in die Nacht wählte der Gemeinderat einen Kompromiss: Ein nach Ell Ney benannter Straßenname und eine für sie auf der Brahmspromenade aufgestellte Büste blieben, ergänzt um eine Erklärtafel. Einen neuen Anstoß gab Jahre später der Tutzinger Jugendbeirat, gestützt auf die Empfehlung einer Münchner Expertenkommission. Im September 2025 beschloss der Gemeinderat mit 12 zu 3 Stimmen: Keine Straße soll mehr nach Ney benannt sein, die Büste wird entfernt. Verwaltung, Jugendbeirat und Ortsgeschichtlicher Arbeitskreis sollen gemeinsam eine angemessene Form der Erinnerung vorschlagen. Der Jugendbeirat bot an, eine Informationssäule mitzugestalten und mitzufinanzieren. Einmütig war das nicht. Kritiker warnten, Geschichte dürfe nicht „ausradiert“ werden, und verwiesen auf den Aufwand für die Anwohner. Der Beschluss sei eine „Ruck-Zuck-Maßnahme“. Befürworter hielten dagegen, beendet werde eine Ehrung, nicht die Erinnerung. Am 14. April 2026 legte der Gemeinderat den neuen Namen fest. Die Elly-Ney-Straße oberhalb der Bahngleise heißt seit dem 1. September „Am Seeblick“. Doch noch hängen dort beide Schilder.
Fünf Schlosskonzerte der Musikfreunde Tutzing
Die Musik selbst hat in Tutzing längst neue Träger gefunden. Seit 1971 engagieren sich die Musikfreunde Tutzing, gegründet als „Freundeskreis zur Förderung der Musik in Tutzing e. V.“, ehrenamtlich für klassische Konzerte. Fünf Schloss-Konzerte im Jahr veranstaltet der Verein unter seinem Vorsitzenden Prof. Reiner Ginzel im Musiksaal der Evangelischen Akademie, mit der Reihe „Stars von Morgen“ fördert er zudem junge Musiker. Eine hübsche Pointe am Rande: Im Schloss residierte schon 1873 der Verleger Eduard Hallberger, der damals Künstler und Freunde an den See holte.
Morgen um 18 Uhr eröffnet dort das Trio E.T.A. die 55. Saison. Das 2019 in Hamburg gegründete Klaviertrio, im Mai mit dem 1. Preis beim Internationalen Kammermusikfestival im japanischen Osaka ausgezeichnet, spielt unter dem Titel „Zeitensprünge“ Werke von Ravel, Haydn und Schumann. Auf seinem neuen Album findet sich übrigens ein Trio in A-Dur, das früher Brahms zugeschrieben wurde – eine passende Fußnote, denn auch beim Thema seiner Tutzinger „Haydn-Variationen“ gilt Haydns Urheberschaft heute als zweifelhaft.
Weitere Veranstaltungen der Musikfreunde Tutzing in diesem Jahr: Der Rotary-Club Tutzing veranstaltet am 8. November ein Benefizkonzert zugunsten Ambulante Krankenpflege Tutzing mit der Pianistin Gitti Pirner und Reiner Ginzel am Violoncello, die Hofkapelle München bringt am 6. Dezember "Italienische Weihnachten", das Cello-Quartett "Cello Nations" überrascht am 31. Januar unter dem Titel "Cello geht fremd - in allen Stilen!" Ein Festkonzert zum 55-jährigen Bestehen der Musikfreunde Tutzing mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim findet am 9. Mai in der Würmseehalle statt, und am 27, Juni gibt es ein Treffen mit dem "German Horn Sound", einem Horn-Quartett, in der "Wolfsschlucht" open air im Schlosshof der Evangelischen Akademie Tutzing.
Ein zehnjähriger Pianist eröffnet die Tutzinger Brahmstage
Eine Woche später, vom 11. bis 25. Oktober, folgen die 29. Tutzinger Brahmstage. Träger ist der Freundeskreis Tutzinger Brahmstage e. V. mit dem Vorsitzenden Dr. Andreas Dessauer und der künstlerischen Leiterin Manuela Schotter. Der Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf dem musikalischen Nachwuchs, der gemeinsam mit Profis die Konzerte gestaltet. Bezeichnend für Bemühungen, Tradition und Moderne zusammenzuführen und auch für ein jüngeres Publikum interessant zu werden, ist die Schirmherrschaft: Die hat der in Tutzing lebende Rocksänger Peter Maffay übernommen, dem die Förderung junger Musiker ein Herzensanliegen ist.
Fünf Termine stehen auf dem Programm der Brahmstage: Zur Eröffnung am Sonntag, 11. Oktober, spielt ein gerade erst zehnjähriger Pianist in der Evangelischen Akademie, Louis Zhang, dazu erklingt Julia Fischers „Kindersinfonie“. Am 15. Oktober laden Monika Drasch und Martin Danes zum Salonkonzert ins Restaurant „Theodor“, am 17. Oktober gestalten Pamela Kremer und die Fink Geschwister das Familienkonzert im Roncallihaus von St. Joseph. Beim Liederabend am 18. Oktober treten Henrike Legner, Gerrit Illenberger und Gerold Huber auf, den Abschluss macht am 25. Oktober das Konzert der Kammermusikakademie.
Eintrittskarten
Musikfreunde Tutzing:
Karten im günstigeren Vorverkauf bei der Buchhandlung Held, Hauptstraße 70, Tel. 08158 8388, Restkarten an der Abendkasse.
Reservierungen auch bei Ursula Müller, Tel. 08158 3876
Weitere Informationen https://www.musikfreunde-tutzing.info/Programm-20262027
Tutzinger Brahmstage:
Programm und Tickets https://www.tutzinger-brahmstage.de/programm/
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