Kultur
10.10.2023
Von vorOrt.news

Musik ohne Grenzen

Die Tutzinger Brahmstage öffnen sich für innovative Projekte

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Das Mandelring Quartett hat am Wochenende im Schloss die Tutzinger Brahmstage eröffnet

Mit einem glanzvollen Eröffnungskonzert haben die Tutzinger Brahmstage am Wochenende begonnen. Im wunderbaren Ambiente des Schlosses hat das bekannte "Mandelring Quartett" mit Werken von Joseph Haydn, Leos Janáček und Johannes Brahms einen fulminanten Start geliefert - und zwar gleich mit einem Schuss Lokalkolorit: Die aus Neustadt an der Weinstraße stammenden, international gefeierten Musiker brillierten mit dem Streichquartett a-Moll op. 51 Nr.2 - einem Werk, das Johannes Brahms vor genau 150 Jahren bei seinem Sommer-Aufenthalt in Tutzing komponiert hat.

Mit eindrucksvoll vorgetragenen Streichquartetten von Joseph Haydn und Leos Janáček spannte das Quartett den musikalischen Bogen noch viel weiter. Damit wurde gleich zu Beginn demonstriert, dass sich das Programm der Brahmstage keineswegs auf ihren Namengeber beschränkt. Das gilt keineswegs nur für die ernste Musik. Bei diesem Musikfestival, in dessen Zeichen Tutzing den ganzen Monat Oktober über steht, sind künsterische Darbietungen auch ganz anderer Art möglich und gewünscht. Bei einem der insgesamt fünf Konzerte treffen sogar Brahms und Jazz direkt aufeinander.

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Im ausverkauften Festsaal der Evangelischen Akademie: Dr. Andreas Dessauer, der Vorsitzende des Freundeskreises Tutzinger Brahmstage, bei der Begrüßung
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Unter Musikliebhabern sind solche Kombinationen nicht unumstritten, aber die eigenwillige Mischung hat durchaus Anhänger. „Ich kenne Tutzinger, „die sagen, sie kommen nur zu diesem Konzert“, sagt Dr. Andreas Dessauer, der Vorsitzende des Freundeskreises Tutzinger Brahmstage über das Finalkonzert am 26. Oktober mit dem Titel "Brahms meets Jazz". In der Aula des Gymnasiums wird das Diogenes-Streichquartett mit dem Pianisten Andreas Kirpal nach den Ankündigungen der Veranstalter zusammen mit dem Jazzgeiger Max Grosch „atemberaubende Jazzimprovisationen in Verbindung mit klassischer Musik“ bringen.

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Glanzvoller Auftakt des Musikfestivals: Gisela Aigner, die frühere Vorsitzende, und Andreas Dessauer, der heutige Vorsitzende des Freundeskreises, mit den Mitgliedern des Mandelring Quartetts

Ein neues "Klangrausch-Projekt"

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Ein Könner der Orgelimprovisation ist Werner Zuber, der Organist von Tutzings Pfarrei St. Joseph, der bei den Brahmstagen spielen wird. Die Bratschistin Petra Kremer moderiert ein Familienkonzert, bei dem es Mitmachaktionen für Kinder gibt.

Im Programm des weit über Tutzings Grenzen hinaus bekannten Musikfestivals spielen Ausflüge in musikalische Stilrichtungen über die ernste Musik hinaus auch sonst eine auffallend große Rolle, und manche „neudeutsche“ Bezeichnung scheint die Lust an Grenzüberschreitungen noch zu beflügeln. „Brahms goes Organ“: So nennen die Veranstalter beispielsweise eine „Improvisation als Klang-Performance“ am Freitag, dem 20. Oktober um 19 Uhr in der Pfarrkirche St. Joseph. Für solche Erweiterungen des musikalischen Spektrums gibt es in Tutzing einen Glücksfall: Der Theologe und Kirchenmusiker Werner Zuber, seit einem Jahr Organist der katholischen Pfarrei St. Joseph, ist weithin bekannt für Improvisationen an der Orgel. Das Konzert von Zuber, das der bekannte Schauspieler Peter Weiß als Sprecher begleitet, wird nach Überzeugung der Organisatoren ein „neues Klangrausch-Projekt“ werden. Die Sandtner-Orgel von St. Joseph mit ihrem speziell für die romantische Klanggestaltung konzipierten Schwellwerk gilt dafür als bestens geeignet.

Hinter den Erweiterungen des musikalischen Spektrums stehen auch die Bemühungen um möglichst breites und auch jüngeres Publikum. Das verdeutlicht am 15. Oktober um 15 Uhr im Roncallihaus ein erstmals organisiertes „Familienkonzert“ mit einem Kammermusik-Ensemble. Bei diesem musikalischen Event soll es sogar Mitmachaktionen geben, und Kinder, für die der Eintritt gratis ist, sollen Sitzkissen mitbringen, um ganz vorn mit dabei sein zu können. „Wer war eigentlich dieser berühmte Komponist und Namensgeber unserer Brahmspromenade?“ Diese Frage will die Bratschistin Pamela Kremer beantworten.

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Im wunderbaren Ambiente des Tutzinger Schlosses gab es im Verlauf der Eröffnungsveranstaltung auch Gelegenheit für viele Gespräche

Tutzing - ein Magnet für musikinteressierte Menschen

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Bariton Christoph Pohl (links) und Schauspieler Udo Wachtveitl treten in Tutzing gemeinsam auf

Für eine besondere künstlerische Mischung sorgt am 22. Oktober um 18 Uhr im Festsaal der Evangelischen Akademie auch ein Abend mit dem einzigen Liederzyklus von Brahms: „Die schöne Magelone“. Der Bariton Christoph Pohl und der Pianist Tobias Krampen tragen diese Liebesgeschichte mit Anklängen an die Märchen aus 1001 Nacht vor. Den Erzähler kennen viele aus dem Fernsehen: Udo Wachtveitl, der Münchner „Tatort“-Kommissar Franz Leitmayr, gibt sich in Tutzing die Ehre.

Musikalisch interessierte Menschen scheint dieser Ort auf fast magische Weise anzulocken. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, von Johannes Brahms über die Künstler, die früher die „Tutzinger Musiktage“ gestaltet haben, bis zu den „Musikfreunden Tutzing“ und den Brahmstagen. Das gilt auch für die Konzert- und Opernagentin Manuela Schotter. Die Wahl-Tutzingerin, die aus Österreich stammt, ist seit dem vorigen Jahr künstlerische Leiterin der Brahmstage als Nachfolgerin von Christian Lange, der das Festival 1997 gegründet hatte.

Musikhistorisch-literarischer Spaziergang bis zum "Voglhäuschen"

Noch viel mehr Lokalkolorit gibt es bei diesen Brahmstagen. Der Tutzinger Musiklehrer Thomas Zagel organisiert zum Beispiel am Sonntag dieser Woche, dem 15. Oktober um 11 Uhr (Treffpunkt am Biersteg unten an der Schlossstraße) - bei freiem Eintritt - einen „musikhistorisch-literarischen Spaziergang“ zu den hiesigen Lieblingsplätzen des Komponisten, der vor genau 150 Jahren einen Sommer in diesem Ort verbracht hat. Da soll auch der berühmte Brahmspavillon nah am Seeufer nicht fehlen - das einst liebevoll "Voglhäuschen" genannte ehemalige Fischerhaus, das dem mit Brahms befreundeten Sänger-Ehepaar Heinrich und Therese Vogl gehörte. Von innen besichtigt werden kann der Pavillon beim Spaziergang aber wohl nicht - das will dessen Besitzer nicht.

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Im "Brahms-Pavillon" hat Johannes Brahms 1873 während seines Sommeraufenthalts in Tutzing unter anderem die Haydn-Variationen komponiert.

Wie wäre es mit Peter Maffay bei den Brahmstagen?

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Sie haben für die Tutzinger Brahmstage alles gut vorbereitet: (von links) Manuela Schotter, Dr. Andreas Dessauer und Elisabeth Carr vor dem Festsaal der Evangelischen Akademie im Tutzinger Schloss. Dort finden zwei der fünf Konzerte bei den Brahmstagen statt. © Fotos: Maren Martell / Freundeskreis Tutzinger Brahmstage e.V. / L.G./

Bei der Frage, wie weit die musikalischen Grenzüberschreitungen gehen dürfen, gibt sich Andreas Dessauer vom Freundeskreis Tutzinger Brahmstage recht aufgeschlossen. „Wenn Peter Maffay sagen würde, ich trete mit meiner Gitarre auf, könnte man sich so etwas durchaus vorstellen“, sagt er. Das wäre die nächste Phase der Programm-Auffächerung und weiteres Tutzinger Lokalkolorit mit dem Rocksänger, der in Tutzing ein Studio betreibt. Offen für neue Ansätze äußert sich auch Elisabeth Carr, die Leiterin der Starnberger „KunstRäume am See“, die die Brahmstage zusammen mit dem Freundeskreis organisieren. „Es zeichnet die Brahmstage aus“, sagt sie, „dass es bei ihnen immer wieder Innovationen gibt.“

Gelegentlich dauert der Weg von der einen zur anderen musikalischen Welt einfach etwas länger. Schauspieler Udo Wachtveitl, der bei den diesjährigen Brahmstagen mitwirkt, kann dafür als Beispiel dienen. Er sei eher von der Pop- und Rockmusik der 68er-Generation geprägt, hat er vor anderthalb Jahren in einem Interview mit dem Radiosender „BR-Klassik“ gesagt. Damals hat er seinen ersten künstlerischen Ausflug in die Opernwelt unternommen: An der Bayerischen Staatsoper ist er als Haushofmeister in "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss aufgetreten. In Tutzing steht der bekennende Zappa-Fan nun mit seiner Mitwirkung bei der „schönen Magelone“ quasi exemplarisch für Musik ohne Grenzen.

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Ein Finale der besonderen Art: Das Diogenes-Quartett (links) trifft sich beim Schlusskonzert am 26. Oktober in Tutzing mit dem Jazzgeiger Max Grosch (rechts) zu "Brahms meets Jazz"

Weitere Informationen:

https://www.tutzinger-brahmstage.de/

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