Kultur
8.12.2022
Von Ferdinand Goslich

Musikalischer Wettstreit zweier Epochen

Der Amadeus-Chor schlägt die Konzertbesucher der Christuskirche mit ausgefeilter Stimmkultur in seinen Bann

Einen imponierenden Eindruck hat der Amadeus-Chor, der aus dem Raum Ansbach-Neuendettelsau in Mittelfranken angereist war, in der Tutzinger Christuskirche hinterlassen. Enorme Klangkultur, Stimmsicherheit und das Beherrschen verschiedener Stilrichtungen zeichnen ihn aus. Wer das Konzert unter dem Titel „Lux aurumque“ besuchte, erfuhr eine große sinnliche Bereicherung. Außerdem stimmte die nachmittägliche Veranstaltung bestens auf die Adventszeit ein. Chorleiter Benedikt Haag hatte sein Ensemble, das ohne Instrumentalbegleitung, also a cappella sang, bestens im Griff. Man merkte ihm seine lange Erfahrung als Stimmen-Spezialist an.

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Eine gewaltige Bandbreite musikalischen Ausdrucks demonstrierte der Amadeus-Chor in der Tutzinger Christuskirche © L.G.

Spannende Programm-Auswahl

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Der Amadeus-Chor besteht aus 47 Sängerinnen und Sängern, die aus dem süddeutschen Raum nach Neuendettelsau zum Proben zusammenkommen. In Tutzing, Herrsching und Miesbach haben sie am Wochenende einen imponierenden Eindruck hinterlassen. © Andreas Jehkul

Schon die Programm-Auswahl war hoch spannend. Denn Benedikt Haag bot einen Wettstreit zwischen zwei Epochen an. Auf der einen Seite kam der Renaissance-Komponist Johann Eccard (1553-1611) zu Ehren, der seinerzeit heute so bekannte Liedsätze wie „Übers Gebirg Maria geht“ oder „In dulci jubilo“ klanglich wunderbar vertont hat. Auf der anderen Seite führte der Amadeus-Chor abwechselnd dazu Stücke von fünf zeitgenössischen Komponisten auf. Darunter waren drei baltische Komponisten: der Litauer Vytautas Miškinis, der Lette Ēriks Ešenvalds und der estnische Komponist Urmas Sisask. Dazu kam ein Stück des Norwegers Ola Gjeilo zu Gehör. Darüber hinaus machte das Werk „Lux aurumque“ (Licht und Gold) des US-amerikanischen Komponisten Eric Whitacre, das dem Konzert als Motto vorangestellt war, dem Inhalt seines Namens alle Ehre. Von Heinrich Kaminski (1886-1946), der mit den Malern Franz Marc und Emil Nolde befreundet war und der sich widerständig während der Nazizeit gezeigt hatte, sang der Chor „Maria durch ein Dornwald ging“.

Nicht nur das Stelldichein zweier Epochen prägte das Konzert. Sondern aufgelockert wurden die Darbietungen durch Harfen-Stücke. Marianne Erhard spielte einfühlsam und stimmungsvoll Stücke zum Advent von Katrin Unterlercher, Berta Höller und Karin Schroll auf dem vielsaitigen Instrument. Eine ganz andere Art von Segnung, als man sie aus dem Gottesdienst her kennt, bescherte der Amadeus-Chor den Zuhörern zum Schluss mit „Benedictio“ von Urmas Sisask: Beginnen die Männerstimmen mit gleichbleibendem wie einlullenden Benedicat, so sorgen helle laute Frauenstimmen abrupt für den Kontrapunkt des Segnungsspruchs. Ein unglaubliches, aber fabelhaftes Hörerlebnis!

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Es war einfach eine große Freude und ein Genuss

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Chorleiter Benedikt Haag hatte sein Ensemble bestens im Griff. © Astrid Ackermann

Die ganze Zusammenstellung der Werke empfand ich als hervorragend gelungen. Der Amadeus-Chor verfügt über eine gewaltige Bandbreite musikalischen Ausdrucks. Wenn es angezeigt war, ließ er die Grundfesten der Christuskirche erzittern, um im nächsten Moment in zartes Piano hinüberzuwechseln. Die bekannten Sätze von Johann Eccard kamen dem Chor und wohl auch dem Publikum wie ein Labsal vor.

Anders verhält es sich mit den modernen Werken, in die man sich erst hineinhören muss. Zum Teil kamen darin deutliche, vom Komponisten so geschriebene Dissonanzen vor. Für den Chor schien es ein Leichtes zu sein, diese ungewohnten Schwingungen ausgesprochen klangschön zu deklamieren. Es war einfach eine große Freude und ein Genuss, diesen zeitgenössischen Stücken zu lauschen, die merkwürdigerweise alle mit lateinischem Text versehen sind. Vielleicht sollte man dies als einen Beitrag werten, diese Sprache wieder „ins Gespräch“ zu bringen. Eigentlich würde man sich wünschen, in Konzerten öfters derart brillante moderne Werke zu hören. Die Musikszene scheint viel reicher daran zu sein, als man denkt.

Ein Lorbeerkranz für diesen schönen Konzert-Nachmittag gebührt dem Leiter des Amadeus-Chors, Benedikt Haag. Dass er sein Ensemble so propper einstudiert präsentierte, kam nicht von ungefähr, hatte er doch als junger Musiker bei Michael Gläser, dem zeitweiligen Leiter des Chores des Bayerischen Rundfunks, an der Münchner Musikhochschule studiert. Haag leitet auch den Münchner Motettenchor und ist seit einem Jahr zusätzlich als Professor für Chorleitung an der Musikhochschule Würzburg tätig.

Der Amadeus-Chor wurde vor 52 Jahren von Karl-Friedrich Beringer gegründet. Mittlerweile besteht das Ensemble aus 47 Sängerinnen und Sängern, die aus dem süddeutschen Raum nach Neuendettelsau zum Proben zusammenkommen. Wegen Corona feierte es erst dieses Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Etwa drei Stunden nach diesem Tutzinger Konzert am Samstag trat der Amadeus-Chor noch einmal auf, dann in der St. Nikolaus-Kirche in Herrsching. Einen Tag später, am Sonntag, führte er das Programm in der Apostelkirche in Miesbach auf.

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Ferdinand Goslich

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