Kultur
10.10.2021
Von Coachinghouse München-Tutzing

Brückenbauer, Friedenslehrer, Weltbürger

Thích Nhất Hạnh wird am Montag 95 - Auch in Tutzing Achtsamkeits-Angebote

Hinweis: Der Autor ist an dem in diesem Artikel beschriebenen Unternehmen wirtschaftlich ganz oder teilweise beteiligt bzw. handelt auf Veranlassung einer solchen Person.
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Wie an vielen Orten, wird auch in Tutzing Meditation in der Tradition Thich Nhat Hanh gepflegt, beim Gehen am Seeufer oder bei den Abendtreffen der Sangha (Gemeinschaft ) © Collage Goslich

Am 11. Oktober begeht Thích Nhất Hạnh (Aussprache Tik – Njatt – Han) seinen 95. Geburtstag und Menschen in vielen Ländern freuen sich darüber, auch seine Freunde in Tutzing. Wie kam es, dass der zierliche Mönch und Religionswissenschaftler zum engagierten Friedensaktivisten und Gründer sozialer Einrichtungen wurde und was hat das mit unserem Ort zu tun?

Mit 16 Jahren tritt Nhất Hạnh (geb. 1926) in ein buddhistisches Kloster in Zentralvietnam ein und widmet sich dem Studium und der Meditation. Doch in den Grauen des Vietnamkriegs (1955 bis 1975) kann er nicht bei stiller Innerlichkeit bleiben. Das Elend im Land ist groß, der Krieg sollte zwei bis fünf Millionen Opfer fordern. So organisiert er als Student in Saigon mit Gleichgesinnten Hilfsaktionen für Hungernde und Verletzte der Bombenangriffe und begründet die Bewegung des „angewandten“ oder „engagierten Buddhismus“.

1961 erhält er ein Stipendium für Vergleichende Religionswissenschaften an der Princeton University. Von 1962 an lehrt er an der New Yorker Columbia Universität über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von östlicher und westlicher Spiritualität und Mystik. Er begegnet dem Schweizer Theologen Hans Küng und sucht, wie dieser, nach einer universellen Weltethik.

Anfang 1964 kehrt er nach Vietnam zurück, wird Mitbegründer der „Vereinigten Buddhistischen Kirche von Vietnam“ und der „Schule der Jugend für Soziale Dienste“ (SYSS). Diese organisiert mit bis zu 10.000 freiwilligen Helfern den Wiederaufbau zerstörter Dörfer, Schulen und Krankenhäuser. 1966 erhält Thích Nhất Hạnh die Lehrerlaubnis als Zen-Meister. Noch im selben Jahr gründet er den Orden "Inter-Being" („Inter-Sein“) zur Meditation über die Verbundenheit aller Wesen und das daraus folgende Handeln.

Martin Luther King erkannte in Thích Nhất Hạnh einen Gesinnungsbruder

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Martin Luther King jr. schätzte Thich Nhat Hanh (re.) als einen "Apostel des Friedens und der Gewaltfreiheit"; 1966 in Chicago © Plum Village org

Doch der Krieg dauert an; einige Monate später reist der Friedensaktivist wieder in die USA und nach Europa, um zu vermitteln und ein Ende der Feindseligkeiten in Vietnam zu fordern. Er schließt Bekanntschaft mit Dr. Martin Luther King jr., der in ihm einen Gesinnungsbruder erkennt und ihn tief beeindruckt für den Friedensnobelpreis vorschlägt. King sieht in ihm einen "Apostel des Friedens und der Gewaltfreiheit" und schreibt nach Stockholm: „Thich Nhat Hanh in seiner Bescheidenheit und Frömmigkeit ist ein heiligmäßiger Mann. Aber er ist genauso ein Gelehrter von höchsten intellektuellen Fähigkeiten.“

Politisch gerät Hanh jedoch zwischen die Fronten. Sein Einsatz für den Frieden führt 1966 dazu, dass ihm die Wiedereinreise versagt und er aus Nord- und Südvietnam verbannt wird. Im Westen gewinnt er zahlreiche christliche Freunde. Der Benediktiner David Steindl-Rast OSB erinnert sich an ihr gemeinsames erschütterndes Erlebnis am 4. April 1968 in New York: Beide gestalteten mit anderen eine Abendmahlsfeier. Anschließend gingen sie zu einem Vortrag von Hans Küng. Plötzlich wurde die Veranstaltung unterbrochen von der schrecklichen Nachricht, dass Martin Luther King ermordet worden war. In ihrer Bestürzung empfinden sie tief, dass die Verbundenheit von Menschen guten Willens über Religions- und Völkergrenzen hinausreicht.

Auch in den USA besteht nun Deportationsgefahr für Thích Nhất Hạnh, doch Frankreich gewährt ihm Asyl und einen Ausweis für Staatenlose. 1969 leitet er bei den Pariser Friedensgesprächen die buddhistische Delegation. Er bekommt einen Lehrauftrag an der Sorbonne, hält Vorträge, forscht und schreibt Bücher über die Kunst der Achtsamkeit und des „lebendigen Friedens“.

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Plum Village - das größte buddhistische Praxiszentrum des Westens

1975 gründet er eine Ordensgemeinschaft nahe Paris und verlegt das Zentrum 1982 nach Village des Pruniers nahe Bordeaux, das als „Plum Village“ weltweit bekannt wird. Unter der spirituellen Führung von „Thay“ (Lehrer), wie ihn seine Schüler liebevoll nennen, entwickelt es sich zum größten buddhistischen Praxiszentrum des Westens. Plum Village und weitere Zentren in anderen Ländern (z.B. EIAB bei Bonn) begrüßen Menschen aller Glaubensrichtungen. Gelehrt werden heilsame Praktiken wie Gehmeditation, Tiefenentspannung und achtsames Atmen. Es gehe auch darum, das „göttliche Samenkorn“ in sich zu Leben und Wachstum anzuregen. Buddhistische Kritiker monieren, seine Lehre sei kein reiner Buddhismus. Aber viele Christen im Westen schätzen den überbrückenden, interspirituellen Ansatz des Zen-Meisters und Religionswissenschaftlers als ganzheitlich wohltuend und zukunftsweisend für das 21. Jahrhundert.

Die Leser seiner über hundert therapeutischen Bücher schätzen seine Herzensweite und werden psychologisch angeleitet zu Achtsamkeit, innerem Frieden, friedvoller Beziehungskultur und Heilung seelischer Verletzungen, auch zu Fragen der Ökologie und einem umweltbewussten Lebensstil.

In der jahrelangen Ausgrenzung und Verbannung in fremde Kulturen habe er stark an Heimweh und Rastlosigkeit gelitten, das bekennt der Exilant in seinen autobiographischen Geschichten. Sein Schmerz habe geendet durch das Vertiefen der Einsicht, dass wir immer schon am Ziel und bei uns selbst zuhause sind, wenn wir uns verbinden mit der Erde, den Lebewesen, mit dem Augenblick und uns selbst. So lautet ein Lieblingsmantra: „Ich bin angekommen, ich bin zuhause, im Hier und Jetzt“. Nach 39 Jahren im Exil konnte er erstmals 2005 seine alte Heimat Vietnam wieder besuchen. Im Jahr 2018 kehrte „Thay“ endgültig zurück nach Vietnam in den Tempel Tu Hieu in Hue, in dem er vor langer Zeit Novize war.

Tutzinger Angebote in der Tradition von Thich Nhat Hanh

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Zum Vergrößern bitte anklicken; siehe auch pdf unten

Für Interessierte und Freunde der Tradition Thich Nhat Hanh gibt es auch in Tutzing Achtsamkeits-Angebote, zu denen jeder willkommen ist:

Meditationskreis/ Sangha Treffen 1. und 3. Montag im Monat, 19.45 - 21.30 Uhr, Roncallihaus (Musikzimmer im UG, Eingang Drummerweg).
Ansprechpartner: Klaus J. Wagner: 08151/ 2 95 00, klausjwagner@yahoo.de, Susanne Mössinger: 08158/ 25 82 80, susa.lilie@gmx.de
(Siehe auch https://blog.gal-bayern.de/meditationskreise)

Geh-Meditation am See 1. und 3. Sonntag im Monat, 10.30 Uhr bei jedem Wetter. Herbst-Winter-Treffpunkt (Okt.- März): Dampfersteg, Schlossstr. 4; Anmeldung unter 08158/ 90 69 44 oder per Mail unter fr.goslich@t-online.de

Über den Autor
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Coachinghouse München-Tutzing

Dr. Roswitha Goslich ist Inhaberin der Philosophischen Praxis Coachinghouse. Die Hochschuldozentin und Buchautorin lehrt an der LMU München Philosophie.

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