Von vorOrt.news

Mit Hilfe der Bürger

Die Tutzinger Grünen plädieren für Gemeinwohl- statt Gewinnorientierung

Weichmann-Flora.png
Für Flora Weichmann wird es die zweite Gemeideratsperiode. Sie hat unter den Tutzinger Grünen bei der Kommunalwahl die meisten Stimmen (1533) erhalten

Flora Weichmann ist positiv überrascht. „Ich hatte auf drei Mandate gehofft“, sagt die Sprecherin der Tutzinger Grünen. Nun sind es trotz eines Verlustes von 3,5 Prozent auf 17,8 Prozent (2020: 21,37 Prozent) vier Sitze im Gemeinderat geworden, ebenso viele wie bei der vorigen Kommunalwahl 2020.

Für die Grünen ziehen Flora Weichmann, Bernd Pfitzner, Tobias Möller und Gerald Herrmann in den neuen Gemeinderat ein. Das aktuelle Ergebnis sehen sie irgendwie als ausgleichende Gerechtigkeit. „Bei der vorigen Wahl 2020 hatten wir schon fünf Sitze, als wir abends ins Bett gegangen sind - und als wir am Morgen aufgestanden sind, waren es doch vier“, erzählt Bernd Pfitzner. Das eine Mandat ging damals an die FDP – und die hat nun ziemlich knapp einen ihrer bisherigen zwei Sitze verloren. Zufrieden zeigen sich die Tutzinger Grünen auch deshalb, weil sie deutlich weniger verloren haben als die Grünen im Landkreis Starnberg insgesamt.

Angesichts einiger Verschiebungen wertet der Agraringenieur Gerald Herrmann, einer der neuen Grünen im Gemeinderat, das Wahlergebnis kurz und bündig so: „Gerupft, verjüngt, gestärkt.“ Manchem nicht mehr gewählten Mitglied des Gemeinderats, meint er, werde man gegebenenfalls noch nachtrauern.

Pfitzner-Bernd.png
Bernd Pfitzner ist mit 1454 Stimmen in den Gemeinderat gewählt worden. Es ist bereits seine dritte Ratsperiode.

Einen besonders jungen Gemeinderat haben die Grünen selbst in ihren Reihen: den 22 Jahre alten Tobias Möller. Er selbst habe damit gar nicht gerechnet und sei positiv überrascht gewesen, erzählt Flora Weichmann. Über seine Wahl freue sie sich sehr: „So kommen verschiedene Sichtweisen rein - ich glaube, wir werden eine gute Fraktion.“ Pfitzner erinnert sich, dass er in seiner ersten Gemeinderatsperiode mit damals Mitte 40 der Zweitjüngste gewesen sei. Er findet es sehr gut, dass der Gemeinderat jetzt merklich jünger geworden ist. Junge Gesichter seien herzlich willkommen, sagt Herrmann. Sie würden ihre Zeichen setzen.

Alles in allem rechnet Pfitzner im neuen Gemeinderat nicht mit besonders starken Veränderungen. In der Konstellation mit der in Tutzing wiedererstarkten CSU und Kommunalpolitikern der FDP, der Tutzinger Liste und der UWG sieht er eher eine „konservative Mehrheit“. Ob die Grünen aus diesem Grund als zweitstärkste Gemeinderatsfraktion zur Rolle der Hauptopposition neigen? „Nein, wir sehen uns nicht als Opposition“, sagt Pfitzner. Opposition sei im Gemeinderat immer schwierig. Wie Bürgermeister Ludwig Horn sprechen auch Weichmann und Pfitzner von einer möglichst „konstruktiven“ Zusammenarbeit. Opposition werde „eher im Bundestag und im Landtag gelebt, vielleicht auch im Kreistag“, sagt Weichmann. In einer Gemeinde wie Tutzing gehe es eher darum, sich mit möglichst guter Zusammenarbeit gemeinsam konkret für den Ort einzusetzen. Auch Herrmann verweist auf allseitige Beteuerungen im "fairen Wahlkampf", dass man konstruktiv zusammenarbeiten wolle. Er fügt aber eher abwartend hinzu, es werde interessant werden, wie die größte Gemeinderatsfraktion mit ihrer Verantwortung umgehen werde.

Anzeige
Webrug_1_EDEKA_HEISS.gif
M-ller-Tobias.png
Neu in den Tutzinger Gemeinderat gewählt worden ist der 22 Jahre alte Student Tobias Möller. Er hat bei der Wahl mit 1202 Stimmen das drittbeste Ergebnis der Grünen erzielt.

Wie etwas bewegt werden kann, dafür führt Pfitzner den Beschluss zum Wohnbauprojekt Schönmoos als Beispiel an, das der für den sozialen Wohnungsbau zuständige Verband Wohnen auf Eis gelegt hat. Auch wenn die von den Grünen daraufhin angeregte Gründung einer Bürgergenossenschaft nicht so wie von ihnen beantragt, sondern nach einem Vorschlag von Bürgermeister Ludwig Horn nur als mögliche Option befürwortet wurde, sieht Pfitzner darin einen Erfolg.

Die Bürger mit ins Boot zu holen, sei ein Kapital der Kommunen - eines der wenigen, das sie hätten, sagt Pfitzner: „Das müssen wir machen.“ Wenn Bürgerkapital und kommunales Kapital zusammenkommen, könne man viel erreichen. Es gehe um Gemeinwohlorientierung statt Gewinnorientierung. Auch die an der Bundesstraße 2 geplante Agri-Photovoltaikanlage ist ein kommunales Projekt, das mit Hilfe der Bürger über eine Genossenschaft, die Bürgerenergie Tutzing eG realisiert werden soll.

Herrmann-Gerald-A.png
Neu in den Gemeinderat zieht der Agraringenieur Gerald A. Herrmann ein, der mit 1133 Stimmen gewählt worden ist

Ob dabei nicht das Gegenargument befürchtet wird, dass die Bürger ja Steuern zahlen und nun darüber hinaus noch für alle möglichen Projekte zusätzlich zur Kasse gebeten werden sollen? Pfitzner hält entgegen, dass die Bürger bei solchen Beteiligungsmodellen investierten: „Statt in eine Altersversorgung oder eine Lebensversicherung sollen sie in die Wärmeversorgung oder andere kommunale Projekte investieren.“ So begrüßt er auch die aktuellen Überlegungen zu einem kommunalen Wärmenetz in Tutzing sehr. Dem CSU-Bürgermeister Horn bescheinigt er, dass der sich „richtig ins Zeug“ lege und sich „tief in die Themen“ einarbeite: „Wir können mit dem Bürgermeister in Tutzing schon ganz gut - er ist ein Bürgermeister, der etwas bewegen will.“

Ob die Grünen einen der beiden Vizebürgermeisterposten anstreben? Da gibt sich Pfitzner zurückhaltend. „Das werden wir erst mal intern besprechen.“ Ein stellvertretender Bürgermeister müsse dafür auch die Zeit haben. Etwas deutlicher wird bei dieser Frage Gerald Herrmann: Er sieht in der Wahl des zweiten und dritten Bürgermeisters oder der zweiten und dritten Bürgermeisterin „die erste Nagelprobe“.

ID: 8609
Über den Autor

vorOrt.news

Kommentar hinzufügen

Anmelden , um einen Kommentar zu hinterlassen.