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Was an der Rathaus-Spitze wichtig ist

Einschätzungen von Marlene Greinwald und Ludwig Horn aus dem Bürgermeister-Wahlkampf

Vieles ist im Tutzinger Bürgermeister-Wahlkampf zur Sprache gekommen. Bürgermeisterin Marlene Greinwald von den Freien Wählern und CSU-Kandidat Ludwig Horn haben sich zu zahlreichen Themen geäußert - mal gemeinsam in Podiumsdiskussionen, mal jeweils allein bei anderen Gelegenheiten, auf dem Wochenmarkt oder bei Treffen in Ortsteilen von Tutzing. Das Interesse der Einheimischen war dabei sehr unterschiedlich. Obwohl sie am Sonntag eine Entscheidung treffen sollen, haben viele Menschen, die in Tutzing wohnen, überhaupt keine dieser Gelegenheiten wahrgenommen. Bei den drei Podiumsdiskussionen war das Publikum relativ groß, bei anderen Veranstaltungen war das Interesse auffallend gering. Manchmal haben sich die Kandidatin und der Kandidat nur mit einigen wenigen Personen unterhalten. Ihre Aussagen waren teils ähnlich, teils aber auch recht unterschiedlich. Manchmal waren sie sehr deutlich, manchmal aber auch ausgesprochen vage. Auf etliche drängende Fragen gab es keine konkreten Antworten, so bei einigen Dauerbrenner-Themen, etwa wie es mit dem Andechser Hof oder dem Seehof weitergeht oder wie die millionenschwere Sanierung der Mittelschule finanziert werden soll, wenn nicht durch Verkauf der Kustermannvilla.

Wir versuchen die Äußerungen zu einigen Themen zusammenzufassen. Hier einige persönliche Angaben und Einschätzungen zur Arbeit an der Spitze des Rathauses, die durchaus Unterschiede erkennen lassen.

Marlene Greinwald: “Ich habe das Kümmerer-Gen, und jeden Tag gibt es etwas Neues"

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Marlene Greinwald © Juliette Kovacs Weller

Marlene Greinwald ist 1961 in Xanten am Niederrhein geboren. Sie lebt aber schon seit Jahrzehnten in Tutzing und ist hier „verwurzelt“, wie sie auf ihrer Webseite schreibt. 1990 gewann sie der Parteilose Wählerblock (PWB), der sich damals längst als zweitstärkste kommunalpolitische Kraft in Tutzing etabliert hatte, zu ihrer ersten Kandidatur, und sie wurde gleich in den Gemeinderat gewählt, dem sie seitdem - erst für den PWB, seit seiner Umbenennung für die "Freien Wähler" - angehört.

Bei ihrer ersten Wahl in den Gemeinderat war die damals 29-Jährige erst vier Jahre in Tutzing. Nach dem Abitur hatte sie eine landwirtschaftliche Lehre absolviert, sie wurde staatlich geprüfte Wirtschafterin für Landbau. In Dietlhofen bekam sie eine Stelle auf einem Biohof, im Sommersemester der Weilheimer Landwirtschaftsschule lernte sie 1986 auf einem Hof in Bernried Martin Greinwald kennen, den sie kurz darauf heiratete und so Angehörige einer der ältesten Tutzinger Fischerfamilien wurde. Gemeinsam haben sie drei Kinder, aber sie mussten einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen: Ihr Sohn Xaver ist 2016 bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Gemeinsam mit ihrem Mann hat Marlene Greinwald einen der ersten biologisch geführten landwirtschaftlichen Betriebe der Region aufgebaut. Einige Jahre später hat das Ehepaar ihn von der Milchvieh- auf die Pferdehaltung umgestellt. Den Greinwald-Hof, der bis heute das „Bioland“-Siegel trägt, führt inzwischen ihre Tochter Katharina.

Marlene Greinwald, die im Dezember 62 wird, liebt den Hof. Seine Umstellung trägt ihre Handschrift. Aber die Kommunalpolitik nimmt in ihrem Leben einen wichtigen Stellenwert ein. Im Gemeinderat hat sie unter vier Bürgermeistern mitgewirkt: Dr. Alfred Leclaire und Peter Lederer, beide von der CSU, dem parteilosen Dr. Stephan Wanner und Rudolf Krug von der ÖDP, der 2014 mit Unterstützung der Freien Wähler an die Rathausspitze gewählt wurde. Bei Krug wurde sie dritte Bürgermeisterin. Als er erkrankte und 2017 starb, gelangte sie zusammen mit der Vizebürgermeisterin Elisabeth Dörrenberg in eine führende Funktion. Mit ihrer Wahl Anfang 2018 kamen die Freien Wähler erstmals allein an die Tutzinger Rathausspitze - und erstmals gelangte in Tutzing eine Frau ins Bürgermeisteramt.

„Ich bin nach fast 30 Jahren im Gemeinderat Bürgermeisterin geworden“, sagte sie jetzt bei einer ihrer Veranstaltungen. Ihre Erfahrungen stellt sie im Vergleich mit ihrem jungen Mitbewerber gern heraus. Man benötige einen guten Überblick, man müsse schnell reagieren, man brauche ein gutes Management, man müsse sich durchsetzen können. Wichtig sei auch eine gute Personalführung. Im Tutzinger Rathaus gebe es mittlerweile mehr als 100 Angestellte: „Da menschelt es.“ Sie habe inzwischen im Rathaus ein gutes Team. Viele gute junge Leute seien dazugekommen, obwohl man mit dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) „kein Großverdiener“ werden könne. Im Bauhof habe es einen Wechsel gegeben – „da rumort es ein bisschen“ -, aber alles in allem sei man in der Gemeindeverwaltung jetzt gut aufgestellt.

Was sie selbst am liebsten macht? „Ich verheirate gern und mache gern Geburtstagsbesuche", erzählte sie, "das ist einfach schön." Eigentlich habe sie sich nie vorstellen können, Bürgermeisterin zu werden. Das sei wohl auch bei allen anderen in solchen Ämtern so – „im Gegensatz zu unserem Ministerpräsidenten, der ist ja so aufgewachsen“, witzelte sie. Jetzt aber sei es für sie ein Traumberuf: “Ich habe das Kümmerer-Gen, und jeden Tag gibt es etwas Neues.“ Sie könne sich in viele Themen hineindenken, von der Technik bis zur Ökologie: „Das ist ein herausfordernder Beruf.“ Neugierde halte sie dabei für sehr wichtig, als Bürgermeister müsse man für alles offen sein. Aber allen werde man es nie recht machen können.

Künftig werde es mehr Engagement aus der Bürgerschaft geben müssen, sagte Marlene Greinwald wiederholt. Denn angesichts ihrer Finanzlage werde die Gemeinde wahrscheinlich nur noch die Pflichtaufgaben erfüllen können. Ob man das nicht mehr kommunizieren müsse, fragte ein Besucher in einer Veranstaltung. „Das wollen die Bürger gar nicht hören“, erwiderte sie. Als Beispiel für vorbildliches ehrenamtliches Engagement erwähnte sie einen für den offenen Ganztag gegründeten Verein, mit dessen Unterstützung nun in Zusammenarbeit mit der Gemeinde 74 Kinder betreut würden. Alles in allem gebe es in Tutzing „paradiesische Zustände“, folgerte sie: „Deshalb wollen ja alle zu uns kommen.“

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Tutzinger Dauerbrenner Seehof: Wie geht es mit dem seit Jahrzehnten leer stehenden Areal weiter? Dazu war inmitten vieler Äußerungen auch in diesem Bürgermeister-Wahlkampf wenig Konkretes zu erfahren © BG

Ludwig Horn: "Der Bürgermeister muss Ideen einbringen und Themen vorgeben"

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Ludwig Horn © L.G.

Ludwig Horn stellte sich als „Tutzinger durch und durch“ vor: „Zutiefst in Tutzing verwurzelt. Meine Mutter Sigrid Horn führt seit 36 Jahren das Hotel Möwe, meine Großeltern Dieter und Rita Harthauser haben dereinst das Kino und die Film-Taverne hier in Tutzing betrieben.“

Der 27 Jahre alte Ludwig Horn hat eine Ausbildung zum Kaufmann absolviert und danach ein Studium der Wirtschaftsinformatik abgeschlossen. Er ist als Selbständiger für eine Versicherungsgesellschaft und bei der in Tutzing ansässigen Firma Lobster tätig. Seit seinem zwölften Lebensjahr ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, dort ist er heute Ausbilder und Mitglied der Vorstandschaft. Er war jahrelang Vorsitzender des Tutzinger Freizeitclubs JM, seit Jahren organisiert er das Weinfest an der Seepromenade. Seinem „tollen Team“, sagt er, haben in diesem Jahr 83 junge Frauen und Männer angehört. „Tausende Menschen sind der Einladung gefolgt, es gab Bombenstimmung mit den Bands, klasse Trinken und Essen“, erzählt er: „Sie können sich vorstellen, welcher logistische Aufwand hier nötig war, um eine Veranstaltung dieser Größenordnung stemmen zu können.“ Allein hätte er es nie geschafft, sagt er: „Anpacken, andere begeistern“ – das sei seine Devise.

Bei der Kommunalwahl 2020 stand Ludwig Horn auf Platz elf der CSU-Liste – und es gelang ihm, eines von sechs Gemeinderatsmandaten seiner Partei zu erringen, was einige andere langjährige Ratsmitglieder auch der CSU nicht geschafft haben. In den Kreistag ist er ebenfalls gewählt worden.

„Wo will ich hin?“ Diese Frage habe er sich im Vorfeld seiner Wahl zur Nominierung als Bürgermeisterkandidat der CSU oft gestellt, erzählte er. Dann habe er gemerkt, dass diese Frage letztlich falsch gestellt sei. Sie müsse so lauten: „Wohin muss Tutzing – als Lebensort, als Wirtschaftsstandort, als schlicht lebenswerter Ort? Wie kann ich das schaffen?“ Der Bürgermeister müsse Ideen einbringen und Themen vorgeben. Er müsse der Vermittler zwischen der Gemeinde, der Gemeindeverwaltung und den Bürgern sein. Man müsse wissen, welche Aufgaben man als Bürgermeister bedienen könne.

"Ich möchte ein moderner Bürgermeister sein“, bekräftigte Horn immer wieder, "mir geht es um eine neue Sichtweise und um neue Lösungsansätze.“ Als besonders wichtig bezeichnete er die Digitalisierung. Viel mehr Angebote der Tutzinger Gemeindeverwaltung als bisher sollten seiner Meinung nach künftig in digitaler Form zur Verfügung gestellt werden. Das bedeute deutlich bessere Dienstleistungen für die Bevölkerung, ohne das Personal der Gemeindeverwaltung zu belasten. Im Gegenteil: Deren Mitarbeiter würden entlastet – „eine Win-Win-Situation“, davon zeigt er sich überzeugt. Als Beispiel dafür führt er gern die Ausstellung eines Reisepasses an: Mit einer Dokumenten-Abholbox könnten alle ihre neuen Pässe jederzeit ohne Termin im Rathaus abholen – rund um die Uhr, 24 Stunden, sieben Tage durchgehend.

Viel hat Ludwig Horn in diesen Wochen über seine Werte gesprochen. Transparenz und Kommunikation hat er dabei an die oberste Stelle gesetzt. So am Beispiel des so genannten Integrierten Stadtentwicklungskonzepts "ISEK“, das Wege für Tutzings Zukunft weisen und vor allem zu staatlichen Förderungsmitteln verhelfen soll. Zum dabei oft beschworenen Thema Bürgerbeteiligung sagte er: „Keiner wird sich engagieren, wenn er merkt, dass er letztlich gar nicht ernst genommen wird.“ Wenn Konzepte in die Schublade wanderten und nicht angepackt würden, wenn Informationen nur spärlich kommuniziert würden: „Das demotiviert.“ Dies werde nie sein Stil sein: „Wer politische Gegensätze durch eine gewisse Informationspolitik lösen will, der verspielt alles Vertrauen.“ Was alle angehe, könnten nur alle lösen. „Wir in der Gemeinde müssen die Bürger viel mehr ehrlich beteiligen“, betonte er. Transparenz und Kommunikation – das wären für ihn die Pfeiler eines guten, modernen Bürgermeisters.

Deutlich wandte er sich in diesem Zusammenhang gegen den Begriff „Bürgersprechstunde“. Für ihn klinge das so: „Das Bürgerlein möge zu genau festgelegten Zeiten einen Termin mit meinem Vorzimmer vereinbaren, dann darf das Bürgerlein vorsprechen und dann möge das Bürgerlein wieder gehen.“ Er werde es anders machen. „Wann immer Sie ein Anliegen haben: Schreiben Sie mir, mailen Sie mir, rufen Sie mich an – mir kann man sogar noch ein Fax schreiben.“ Er werde darauf in jedem Fall antworten, versprach er.

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