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Zukunft der Kustermannvilla steht zur Debatte

Mietvertrag endet in zwei Jahren - Von Rheinbaben würde gern bleiben - Gemeinde will nicht verkaufen

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Was wird aus der Kustermannvilla? Darüber gibt es zurzeit Diskussionen © L.G.

Der Mietvertrag der Kustermannvilla endet im November 2022. Darauf hat Dr. Ernst Lindl, der Vorsitzende des Rechnungsprüfungsausschusses, kürzlich im Tutzinger Gemeinderat hingewiesen. Das Gebäude am Rande des Kustermannparks gehört der Gemeinde. Lindl mahnte Überlegungen und eine Entscheidung über die Zukunft der Villa an: Soll sie weiter vermietet werden, gibt es andere Möglichkeiten wie etwa eine Erbpacht oder könnte die Gemeinde sie gar verkaufen?

Der Münchner Unternehmer Max Kustermann hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts während des Baus der Bahnstrecke im damals noch unverbauten Süden von Tutzing viel Grund gekauft, auf dem er eine elegante, klassizistische Villa errichten ließ. Unweit von ihr entfernt ließ er ein Wirtschaftsgebäude dazu bauen, das heute als Kustermannvilla bezeichnet wird. Es handelt sich um einen zweigeschossigen Walmdachbau mit hervorspringenden Gebäudeteilen, so genannten Risaliten, und einer Neurenaissance-Fassade. Die Gemeinde Tutzing erwarb den von Hofgartendirektor Carl Effner im englischen Stil angelegten Park mit der Villa in den frühen 1970er Jahren. Zunächst sollte die Villa zu einem Kulturzentrum werden, später wurde sie vermietet.

In der Kustermannvilla gab es auch schon Aktionärstreffen

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Phönix-Preisverleihung 2018: Richard von Rheinbaben mit Laudator Christian Ude, Preisträgerin Slava Seidel und Akademiedirektor Udo Hahn (von links)

Nutzer ist seit 15 Jahren Richard von Rheinbaben mit mehreren Firmen. Eine von ihnen ist die Mediantis AG, ein im Internet tätiges Buchhandelsunternehmen, dessen Einzug in die Villa im Jahr 2005 praktisch das Börsenzeitalter in Tutzing eingeleitet hat. Die Aktien der Mediantis AG waren damals im Neuen Markt notiert. Zu ihrem Kerngeschäft gehörte das „Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher“, kurz ZVAB, ein Online-Anbieter, über den man in 3700 Antiquariaten aus 21 Ländern nach Büchern, Noten, Landkarten oder Grafiken stöbern konnte. Inzwischen hat sich im Firmenverbund von Rheinbabens einiges geändert. Mediantis ist nicht mehr börsennotiert, ZVAB gehört seit Jahren über den Online-Marktplatz AbeBooks zum Internet-Kaufhaus Amazon.

Von der Kustermannvilla aus geführt werden heute die Firmen Mediantis, Eurobuch - eine Buch-Suchmaschine - und Eurobuch-Sportanlagen, die wiederum den Starnberger Tennispark betreibt. Ansässig ist in der Villa außerdem die ABC-Stiftung zur Förderung der Ausbildung von Kindern in Lateinamerika. Von Rheinbaben ist auch Honorarkonsul von Bolivien für Bayern und Baden-Württemberg sowie Initiator des Kunstpreises "Phönix", den Eurobuch alljährlich gemeinsam mit der Evangelischen Akademie Tutzing auslobt. Etwa 100 Werke der Preisträger hängen in der Villa.

In der Kustermannvilla würde von Rheinbaben gern bleiben, wie er sagt. Auf der ersten Mediantis-Hauptverammlung in der Villa 2006 hatte er im Beisein etlicher teils von weit her angereister Aktionäre mitgeteilt, dass die Monatsmiete damals 4800 Euro betrug. Regelmäßige Mietsteigerungen wurden damals vertraglich vereinbart. Der Mietvertrag wurde zweimal verlängert, diesmal gibt es aber keine Verlängerungsoption. Eine Mietverlängerung strebt von Rheinbaben auch nicht an. Er könnte sich gut eine Erbpachtregelung vorstellen, um für sich und seine Familie langfristig planen zu können.

Trotz hohen Finanzbedarfs neigt die Gemeinde nicht zum Verkauf

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Unter Denkmalschutz: Das alte Gärtnerhaus, im Hintergrund die Kustermannvilla © Dr.Eva-Maria Schröder

Auch über einen denkbaren Verkauf der Kustermannvilla gab es offenbar schon Überlegungen. Auf die Gemeinde kommen hohe finanzielle Anforderungen zu, von der Neugestaltung des Ortszentrums in Zusammenhang mit der Sanierung der Hauptstraße bis zu den bevorstehenden umfangreichen Baumaßnahmen an der Mittelschule. Wie diese und andere Aufgaben bezahlt werden sollen, ist bisher offen.

Ein Verkauf der Kustermannvilla wäre wohl für die Gemeinde eine Möglichkeit, ihre Finanzlage zu verbessern. Bedenken hatte es offenbar gegeben, ob ein Verkauf der Villa vor dem Hintergrund alter Vereinbarungen überhaupt möglich ist. Der Freistaat Bayern hatte vor Jahrzehnten zum Kauf des Kustermannparks durch die Gemeinde Geld beigesteuert, und dies könnte mit Einschränkungen zur Weiterveräußerung verbunden gewesen sein. In dieser Hinsicht gibt sich Bürgermeisterin Marlene Greinwald auf Anfrage eher gelassen. Sie hält einen Verkauf der Villa jedoch für unwahrscheinlich. So sieht es auch Richard von Rheinbaben. Er kann sich zwar einen Kauf der Villa vorstellen, glaubt aber nicht, dass die Gemeinde das will. Konkrete Gespräche über die diversen Möglichkeiten scheint es bisher noch nicht gegeben zu haben.

Zur Kustermannvilla gehören auch Nebengebäude, so ein Bootshaus und ein früheres, mittlerweile verfallenes Gärtnerhaus. Für dessen Nutzung hatte von Rheinbaben schon vor Jahren Ideen, so unter anderem für ein Jugendcafé mit einem eigenen Eingang. Die Lage für so ein Projekt mit Blick auf den See hätte von Rheinbaben wegen der Nähe der Realschule und des Gymnasiums für ideal gehalten. Doch daraus ist bisher nichts geworden. Auf Nachfrage von Anja Behringer, der Vorsitzenden des Förderkreises Kustermannvilla & -park, hat das Landesamt für Denkmalpflege vor etwa zwei Jahren die Einbeziehung beider Nebengebäude in den Denkmalschutz bekräftigt.

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