Kirche
13.10.2021
Von Lorenz Goslich

Auftakt mit Lagerfeuer-Romantik

Bei der Begrüßung von Tutzings neuer Pfarrerin Anne Roß warnt der Dekan vor „Spaßbremsen“

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Das Gute und Schöne im Fokus: Dekan Jörg Hammerbacher führte Tutzings neue Pfarrerin Anne Roß in ihr Amt ein

Seit Anfang Oktober ist Anne Roß neben Beate Frankenberger Pfarrerin von Tutzing. Seitdem war sie bereits zwei Mal mit jungen Leuten an Lagerfeuern. Das kam offenkundig gut an, und es scheint eine gewisse Erwartungshaltung geschürt zu haben. „Wir sind schon sehr gespannt“, sagte Tobias Möller, einer aus der evangelischen Jugend, am Sonntag nach einem Festgottesdienst, mit dem Anne Roß in ihre neue Funktion eingeführt wurde. Sie werde „eine spaßige Zeit“ haben, kündigte er an. Auch Beate Frankenberger freute sich sichtlich über „den Schwung und das Neue“, das die Jugend in die Gemeinde trage: „Das tut so gut“, rief sie aus. Ähnliche Gedanken äußerten andere, so Vizebürgermeisterin Elisabeth Dörrenberg, die Unterstützung durch die politische Gemeinde zusagte, wann immer dies benötigt werde.

Arbeit in der evangelischen Kirche soll Spaß machen. Jörg Hammerbacher, Dekan im Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirk Weilheim

Gehilfen der Freude

Spaß war ein zentrales Thema beim Festgottesdienst und anschließend bei den Begrüßungen. Manche Christen hätten ja etwas Schwierigkeiten mit dem Spaßbegriff, sagte Dekan Jörg Hammerbacher (vollständige Ansprache unten als pdf). Natürlich werde man „100 Prozent Spaß“ so gut wie nicht hinbekommen: „Aber eine Grundhaltung, die sich auf das Gute und Schöne fokussiert, ist hilfreich und passt aufs beste zu unserer Botschaft.“ Der Spaß an der Arbeit als Pfarrerin werde der Schlüssel sein, um den anstehenden kirchlichen Wandel gut hinzubekommen.

Glückliche Kirchenvorstände führten dazu, dass Pfarrerinnen und Pfarrer gut und glücklich arbeiteten, sagte der Dekan - und umgekehrt. Leider gelte allerdings auch das Gegenteil: „Spaßbefreite, misstrauische Kirchenvorstände nehmen auch Pfarrern und Pfarrerinnen die Freude, spaßbefreite und machtorientierte Pfarrerinnen und Pfarrer nehmen auch Kirchenvorständen die Freude an der Mitarbeit.“ Hammerbacher rief Anne Roß zu: „Wenn es gelingt, gegen alle Spaßbremsen sich gegenseitig zu Gehilfen der Freude zu werden, dann wird Ihre Gemeinde strahlen und Menschen anziehen.“

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Der Festgottesdienst in der der evangelischen Christuskirche

Online-Kontakte zwischen Bayern und Schottland

Gudrun Willbold, die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands war sich da schon ganz sicher: „Sie werden hier viel Spaß haben“, versprach sie Anne Roß. Passend dazu war ihr Begrüßungsgeschenk für die neue Pfarrerin: ein Gutschein für eine Schifffahrt mit der ganzen Familie auf der Südroute des Starnberger Sees. „Zweieinhalb Stunden - das langt mit kleinen Kindern“, meinte Gudrun Wilbold. Auf der Fahrt werde Anne Ross in Bernried vorbei kommen und auch in Seeshaupt - und dort werde sie dann schon in der Zuständigkeit von Pfarrer Philipp Ross, ihrem Mann, sein. Er beginnt in Penzberg, genauso wie seine Frau in einer Halbtagsstelle.

„Das sind glückliche Fügungen“, sagte Dekan Hammerbacher am Rande. Zwei halbe Pfarrstellen waren im Dekanat zu besetzen, und das Ehepaar Roß schien dafür bestens geeignet. Über längere Zeit hatte der Dekan mit beiden online Kontakt, als sie noch in ihren bisherigen Tätigkeiten in Schottland waren. „Wir haben viel gezoomt“, erinnerte er sich. „Ich hatte gehofft, dass wir diese Stellen bekommen würden“, sagte die neue Pfarrerin.

Von Dean Martin bis Louis Armstrong

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Musik unterstrich die positive Atmosphäre: Anne Roß (rechts) und Rina Mayer

Neben den Aufgaben in Tutzing und Penzberg gibt es für das Ehepaar schon weitere kirchliche Tätigkeiten. Anne Roß wird in der evangelischen Landeskirche auch in einem Präventionsteam „sexueller Missbrauch“ mitwirken. Dabei gehe es unter anderem auch darum, Schutzkonzepte zu erstellen, sagte sie am Rande. Etwas Besonderes hat auch ihr Mann Philipp Roß vor: Er will mit einer „Ape“ im ganzen Dekanat unterwegs sein. Mit dem dreirädrigen "Rollermobil" will er alle möglichen Plätze besuchen, so zum Beispiel Wochenmärkte oder Spielplätze, auch in Tutzing, und dort mit den Menschen über die Kirche und über ihre Wünsche sprechen. Einen Namen für diese ungewöhnliche Form der theologischen Kommunikation hat er auch schon: „Pop-up-Kirche“.

Spaß, Schwung und Zuversicht waren in der ganzen Feier spürbar. Organist Alexander Rabas und Saxophonist Thomas Bouterwek brachten gleich zu Beginn den mexikanischen Evergreen „Sway“, den Dean Martin bekannt gemacht hat. Und am Schluss strahlten sie mit Louis Armstrongs „What a wonderful world“ Optimismus aus. Zwischendurch unterstrich Anne Roß die positive Stimmung selbst singend, an der Gitarre begleitet von Vikarin Rina Mayer, mit dem Lied „!ch verdanke dir soviel“ des Teams Christoph Zehendner/Manfred Staiger.

Viele Frauen in Tutzings evangelischer Kirche: "Ein guter Zufall"

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Arbeit in der evangelischen Kirche soll Spaß machen: Tutzings Pfarrerin Beate Frankenberger (rechts), die nach der Begrüßungsfeier gleich anpackte, mit ihrer Vorgängerin Ulrike Wilhelm

Lauter Pfarrerinnen gibt es in Tutzings evangelischer Kirche seit einiger Zeit. Auch Beate Frankenbergers Vorgängerin Ulrike Wilhelm, die nach Garmisch-Partenkirchen gewechselt ist, kam zum Festgottesdienst, vor Anne Roß war Dorothee Geißlinger-Henckel in Tutzing. „Das ist eher ein Zufall“, sagte dazu der Dekan. „Aber ein guter Zufall“, fügte er hinzu. Auch im Tutzinger Kirchenvorstand gebe es mehr Frauen als Männer. In der evangelischen Kirche insgesamt liege das Verhältnis männlich zu weiblich etwa bei 50 zu 50. Wie es insgesamt mit dem Nachwuchs aussieht? „Es geht noch, aber der Nachwuchs wird weniger.“ Am Starnberger See seien aber zurzeit alle elf Pfarrstellen besetzt.

Betont wurde auch die kommunale Nachbarschaft. Schließlich ist die evangelische Pfarrei für Tutzing und Bernried zuständig. Bernrieds Bürgermeister Georg Malterer kam eigens zur Amtseinführung. „Wir arbeiten mit Tutzing sehr gut zusammen“, sagte er, und der neuen Pfarrerin bot er gleich eine Dorfführung an. Beispielhaft erwähnte er die barocke Hofmarkskirche: „Sie gehört der Gemeinde Bernried, deshalb dürfen wir in der Kirche relativ viele Dinge machen.“

Starke Verbindungen zum Kloster und zur Evangelischen Akademie

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Weiter gute Aussichten für die Ökumene in Tutzing: Schwester Ruth Schönenberger, die Priorin des Klosters, mit Anne Roß © Fotos: L.G.

Viel war auch von der Ökumene die Rede. Für sie sei Tutzings katholischer Pfarrer Peter Brummer sehr aufgeschlossen, sagte Dekan Hammerbacher. Und über das Kloster bemerkte Pfarrerin Frankenberger: „Wir werden von den Schwestern immer mit offenen Armen empfangen.“ So wird die evangelische Pfarrei in diesem Jahr zu Weihnachten die Torbogenhalle in Bernried benutzen dürfen. Die Priorin des Tutzinger Klosters, Schwester Ruth Schönenberger, griff das Thema gleich auf. Sie sehe viele weitere Möglichkeiten der Gemeinsamkeit. „Der Ball liegt bei Ihnen“, rief sie der neuen Pfarrerin zu.

Starke Verbindungen gebe es auch zur Evangelischen Akademie, sagte Pfarrerin Frankenberger. Deren Direktor Udo Hahn halte in der evangelkschen Kirche viele Gottesdienste, die immer gut besucht seien. Hahn nahm den Faden eines vom Dekan behandelten Themas auf. "Wozu sind wir da auf dieser Welt?", hatte Hammerbacher unter Hinweis auf häufig gestellte Fragen gesagt: "Was hilft uns, gut und unserer Bestimmung als Menschen gemäß zu leben?" Dazu bemerkte Hahn nachdenklich, es gebe immer mehr Menschen, die gar nicht mehr mit der Möglichkeit rechneten, dass Menschsein gut werden kann. Notwendig seien daher Bildung sowie Raum für unterschiedliche Perspektiven und Meinungsbildung. „Dafür haben wir in Tutzing zwei Standorte der evangelischen Kirche“, sagte er. Und auch von ihm gibt es für die neue Pfarrerin und ihre Familie einen Gutschein: für eine Schlossführung, die er selbst übernehmen will.

„Pfarrerin ist der schönste Beruf der Welt“, sagte Ulrike Wilhelm, gestand aber gleich, dass er nicht immer nur Spaß mache: „Manchmal führt er auch sauber ins Schwitzen.“ Da hatte sie für Anne Roß aber gleich Entspannungshilfe mitgebracht: ein Duftöl für die Sauna. In und um Garmisch ist die leidenschaftliche Bergsteigerin Ulrike Wilhelm heute für Tourismus-Seelsorge zuständig. Da organisiert sie alle möglichen Outdoor-Angebote, von Berggottesdiensten über Sonnenaufgangsmeditationen bis zu spirituellen Wanderungen, so beispielsweise durchs Höllental. Titel: „Mit der Bibel durch die Hölle“.

Über den Autor
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Lorenz Goslich

Wirtschafts- und Lokaljournalist. Schreibt für diverse Medien und liebt seinen Heimatort Tutzing.

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