Die Gäste des Kulturtheaters erlebten am vergangenen Samstag eine Sternstunde der Tutzinger Filmerkundungen. Edgar Reitz, Mitbegründer des Neuen Deutschen Films und Schöpfer der legendären Heimat-Trilogie war gekommen, um sein jüngstes Werk Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes vorzustellen. Mit dabei: Hauptdarsteller Edgar Selge, der sich mit Reitz in einem langen, intensiven Austausch auf seine Rolle vorbereitet hat.
Im einführenden Gespräch mit Friedemann Beyer erzählte der 93jährige Reitz von seinen Motiven, dem heute weitgehend vergessenen Mathematiker und Universalgelehrten G.W. Leibniz (1646-1716) einen Film zu widmen. Dabei entfaltete Reitz ein faszinierendes Panorama seiner eigenen Philosophie des Sehens und des Wahrheitsgehalts künstlerischen Schaffens angesichts der aktuellen Veränderungen durch digitale Technik und KI.
Edgar Selge berichtete von der Herausforderung, eine ferne historische Persönlichkeit, von der kaum Persönliches überliefert ist, präzise zu verkörpern. Welchen Gesichtsausdruck verleiht man einem Menschen, dessen größte Freude das Denken ist? Wie spricht ein solcher Mensch des ausgehenden 17. Jahrhunderts?
Überraschende visuelle Elemente
Von asketischer Strenge ist dann auch Reitz‘ Leibniz-Film. Ein Werk, das sich von der heute gängigen, auf Entertainment getrimmten Kino- und TV-Ästhetik krass unterscheidet und dem Zuschauer vielmehr ein Höchstmaß an Konzentration abverlangt. Reitz entfaltet in seinem konsequent unzeitgemäßen Kammerspiel ein philosophisches Exerzitium, das mit überraschenden visuellen Elementen angereichert ist und vom Tutzinger Publikum gebannt verfolgt und anschließend mit langanhaltendem Applaus für Regisseur und Hauptdarsteller gefeiert wurde.
Im zweiten Teil der Filmerkundungen präsentierte Edgar Reitz sein Künstlerporträt Cardillac, entstanden 1969 und inspiriert von E.T.A. Hoffmanns Kriminalnovelle „Das Fräulein von Scuderi“ (1819) über einen Goldschmied (Hans-Christian Blech), der nicht ertragen kann, dass seine Arbeiten in fremden Besitz übergehen und darüber zum Mörder wird. Stilistisch verspielt, zwischen improvisierten, inszenierten, schwarz-weißen und farbigen Szenen changierend, atmet dieses Frühwerk ganz den (Zeit-) Geist der Freiheit und des Aufbruchs der späten 1960er Jahre. In Edgar Reitz‘ Worten: „Schwabinger Nouvelle vague“.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Edgar Reitz und Edgar Selge, die zur Unterstützung des Bürgerkinos pro bono ins Kulturtheater Tutzing gekommen sind. Ein denkwürdiger, herausragender Abend, der den Besuchern des Tutzinger Kulturtheaters lange in Erinnerung bleiben wird.
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