Tutzing braucht ein Jugendzentrum – da waren sich am Dienstag im Gemeinderat so ziemlich alle einig. Gut gefiel den meisten auch die hierfür vorgeschlagene Nutzung des 89 Jahre alten Museumsschiffs „Tutzing“. Von einer „charmanten“ Idee sprachen die einen, die anderen fanden sie „wunderbar“, „kreativ“ oder „cool“. Aber im Verlauf einer längeren Diskussion wurden doch einige Zweifel vorgebracht: Kann das Schiff an Land ganzjährig seinen Dienst tun oder sind dafür aufwändige Dämmungen erforderlich? Ist der hierfür vorgeschlagene alte Volksfestplatz an der Seestraße, auf dem derzeit noch das Lager für die Straßensanierung steht, dafür wirklich geeignet? Kämen eventuell andere Standorte in Frage? Wer kümmert sich langfristig um das Schiff?
Die Umnutzung der „Tutzing“ beantragt hat Claus Piesch (Freie Wähler), der Jugend-, Sport- und Freizeitreferent des Gemeinderats. Er hatte bereits intensive Vorbereitungen getroffen und eine Präsentation "Die Tutzing für die Jugend" erstellt, mit der er in der Sitzung über zahlreiche Details eines solchen Projekts berichtete. Mehrere Bilder auf dieser Seite stammen aus der Präsentation, die unten auf dieser Seite als pdf zu finden ist.
Die Kosten für Transport, Aufstellung, Sanierung und Umgestaltung könnten nach einer ersten groben Schätzung 850 000 Euro betragen. Piesch war klar, dass viele das Schiff in Tutzing gern weiter als Gastronomie- und Kulturstätte hätten: „Aber das ist nicht machbar.“ Matthias Helbig, der Vorsitzende des Museumsschiffsvereins, kümmert sich seit drei Jahrzehnten aufopferungsvoll um die Tutzing. Außer ihm helfe ein einziger Engagierter mit, sagte er am Rande der Sitzung.
Jugendbeirat sieht Vorteile wegen der Nähe zu Sport- und Freizeiteinrichtungen
Der vorgesehene Bereich des alten Volksfestplatzes sei kein Schutzgebiet, sagte Piesch, Schutzgebiete gebe es „drum herum“. Und die jungen Menschen seien dort „außerhalb des Bereichs, wo sie stören“, sagte er, und er erinnerte an ständigen Ärger wegen Lärms bei Partys, als der Freizeitclub JM noch im Dachgeschoss des alten Lehrerwohnhauses sein Heim hatte.
Um die Bedeutung eines Jugendzentrums zu betonen, zitierte Piesch die Regelung der Kinder und Jugendhilfe im Sozialgesetzbuch VIII (Paragraf 11 Jugendarbeit): „Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen.“ Das sei eine Pflichtaufgabe, sagte er, es werde aber immer wieder gern als freiwillige Leistung deklariert. Eine Jugendpflegestelle sei in Tutzing bereits fest eingeplant.
Joel Hafner vom Tutzinger Jugendbeirat bestätigte den Bedarf: „Für viele Jugendliche in Tutzing fehlt ein Ort, an dem sie sich unabhängig treffen und ihre Freizeit verbringen können.“ Für den alten Volksfestplatz spricht nach seiner Meinung, dass er sich in unmittelbarer Nähe zu Sport- und Freizeiteinrichtungen befindet, die viele Jugendliche nutzten. Und das Projekt könne mit überschaubaren finanziellen Mitteln realisiert werden.
Plädoyer für Integration des Projekts ins ISEK-Konzept
Dr. Wolfgang Behrens-Ramberg (Tutzinger Liste) plädierte dafür, die Entscheidungsgrundlagen sehr systematisch aufzubereiten. Dabei müsse auch das Städtebaukonzept ISEK beachtet werden. Gerade dem dort in Arbeit befindlichen Rahmenplan mit dem Freizeitgelände Süd dürfe man nicht vorgreifen. Das Projekt lasse sich sicher ins ISEK integrieren, meinte Dr. Joachim Weber-Guskar (FDP). Der Erhalt des Schiffs und seine neue Nutzung seien es „aus emotionaler Sicht wert“, doch er habe Zweifel, ob dies einem Jugendzentrum gerecht werde.
Ein Schiff zu erhalten sei komplexer als ein Gebäude zu erhalten, sagte Dr. Ernst Lindl (CSU). Das gelte gerade im Winter. Die Folgekosten seien zu bedenken, sagte Christine Nimbach (fraktionslos): „Die werden nicht unerheblich sein.“ Caroline Krug (ÖDP) meinte: „Vielleicht gäbe es eine andere Möglichkeit für ein Jugendzentrum?“ So eine Einrichtung solle ja auch für Menschen mit Behinderungen gut erreichbar sein. Auf alle Fälle müsse das Thema Jugendzentrum aber vorangebracht werden: „Seit 2014 tun wir da hin.“ Damals, erinnerte sie, habe es eine Option hinter dem Tutzinger Keller gegeben. Aber es sei immer wieder verschoben worden.
Auf die schon sehr lange, allerdings nicht sehr intensive Suche nach einer Möglichkeit für ein Jugendzentrum wies auch Flora Weichmann (Grüne) hin. „Für dieses Geld kriegen wir kein Haus gebaut“, fügte sie hinzu. Bürgermeister Ludwig Horn hält den Standort am alten Volksfestplatz nicht für perfekt. Fraglich sei auch, ob das Schiff so wie für diesen Zweck benötigt umgebaut werden könne, mit Fluchtwegen, einem Brandschutzkonzept und anderen Anforderungen.
Viele offene Fragen sollen zunächst geprüft werden
Nun gibt es zunächst einmal Aufgaben für die Gemeindeverwaltung. Der Gemeinderat beauftragt sie mit intensiven Prüfungen: Ist der alte Volksfestplatz als Standort nutzungs- und genehmigungsfähig? Auch Alternativen, also andere eventuell mögliche Standorte, sollen untersucht werden.
Weitere Fragen sollen untersucht werden: Wie sieht es mit den technischen und baulichen Voraussetzungen aus, mit dem Transport des Schiffs, mit dessen Aufstellung, dem Einlassen und der Erschließung?
Gewünscht wird weiter eine belastbare Kosten- und Finanzübersicht. Eine wichtige Rolle spielen dürfte dabei die Förderfähigkeit des Vorhabens mit den entsprechenden Antragsfristen. Piesch hat in seiner Präsentation eine ganze Reihe potenzieller Förderquellen aufgeführt, von der Städtebauförderung (ISEK) über den Bayerischen Jugendring und die Aktion Mensch (wegen einer angestrebten Barrierefreiheit) bis zu einem Förderprogramm zum Erhalt als Industriedenkmal.
In diesem Jahr soll es auf dem Museumsschiff „Tutzing“ ab Mai den normalen Betrieb mit einer Cafeteria und auch wieder ein Kulturprogramm geben, sagte Piesch. Den Gemeinderatsmitgliedern empfahl er: „Da bietet sich’s an, hinaus zu kommen.“
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