Gesundheit
12.8.2019
Von vorOrt.news

Nachricht aus Polling verärgert Tutzinger

Hospiz im Pfaffenwinkel soll erweitert werden - für Tutzinger Anlage gab’s keinen Versorgungsauftrag

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Aufwändig errichtet: Für rund 4,5 Millionen Euro haben Tutzinger das Gebäude für ein Hospiz (links) neben dam alten Beringerheim (rechts) gebaut

Es war nur von kurzer Dauer: Ein 2015 im Tutzinger Beringerpark eröffnetes Hospiz musste nach wenigen Monaten wieder geschlossen werden. Grund: Weil es angeblich keinen Bedarf für zusätzliche Hospizbetten gab, hat die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände damals einen Versorgungsvertrag für das von privaten Gesellschaftern finanzierte Tutzinger Haus abgelehnt. Ein bestehendes Hospiz in Polling (Landkreis Weilheim-Schongau) wurde als ausreichend betrachtet.

Angesichts dieser Argumentation sorgt eine neue Nachricht aus Polling in Tutzing für tiefe Verärgerung: Das Pollinger Hospiz soll erweitert werden. Zusätzlich soll in dem Komplex ein ambulantes, teilstationäres Kinderhospiz errichtet werden. Die Tutzinger Beteiligten sehen in diesen Plänen des Hospizvereins im Pfaffenwinkel den Beweis dafür, dass die Verantwortlichen bis hin zu den Krankenkassen und zum bayerischen Gesundheitsministerium damals nicht korrekt argumentiert haben.

Die Tutzinger sind bis heute schwer enttäuscht darüber, dass ihnen die Realisation ihres Hospizes trotz ihres großen, privat finanzierten Engagements verwehrt worden ist. „Warum tötet man in Bayern ein Hospiz?“ fragt der Arzt Dr. Egon Gniwotta, einer der Gesellschafter neben dem früheren Bernrieder Bürgermeister Walter Eberl, Krista Frembs, Prof. Gernot Klein und Ernst Knob. Für Gniwotta war das alles „von parteipolitischen Vernetzungen begleitet.“ Mehrere der Tutzinger Initiatoren haben sich im Zuge der Schwierigkeiten zurückgezogen, es gab auch persönliche Irritationen. Aber in der Kritik an der Art, wie sie behandelt wurden sind sich alle einig.

Die Mitteilung des Hospizvereins im Pfaffenwinkel

  Hospizverein-im-Pfaffenwinkel.pdf herunterladen

Respekt für Polling - aber auch in Tutzing wird Hospiz für notwendig gehalten

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Die Tutzinger Gesellschaft ist nach wie vor aktiv

Die neuen Informationen aus Polling betrachten die Tutzinger Initiatoren als Beweis: Die damaligen Hinweise auf angeblich fehlenden Bedarf für weitere Hospizbetten waren nach ihrer Überzeugung falsch. Ein Hospizbett für je 60 000 Einwohner - das gilt in Bayern seit Jahrzehnten als Maßstab. Die Tutzinger Gesellschafter bezeichnen diese „Regel“ als „aus der Luft gegriffen“ und überholt. Ihre Kritik wollen sie aber ausdrücklich nicht als Zweifel an der Qualität der Hospizarbeit in Polling verstanden wissen. Ganz im Gegenteil zeigen sie großen Respekt vor der dortigen Leistung. Der Hospizverein im Pfaffenwinkel sei organisatorisch und fachlich gut geführt, betont Gniwotta. Diesen Verein kennen mehrere der Tutzinger Initiatoren gut, denn sie waren dort früher selbst tätig. Einige sind dem Pollinger Verein bis heute verbunden.

Wegen des als groß betrachteten Bedarfs an Hospizbetten halten sie aber beide Einrichtungen für dringend notwendig. Ein Hospizverein Fünfseenland war vor Jahren eigens gegründet worden, um das Tutzinger Projekt zu unterstützen. Für den Vereinsvorsitzenden Dr. Wolfgang Weber-Guskar war die Ablehnung des Tutzinger Versorgungsauftrags regelrecht menschenverachtend: „Wohl wissend, dass viele Menschen keine Aufnahme finden konnten, sondern zu Hause oder auf Palliativstationen oder anderen Klinikstationen und auch Altenheimen verstarben, wurde von offizieller Seite in Polling das Vorhandensein einer Warteliste oder die vergebliche Anmeldung verneint.“ Die Wartelisten in Polling seien aber oft lang.

Scharfe Kritik: "Ohne öffentliche Gelder erstelltes Hospiz sabotiert"

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Dr. Wolfgang Weber-Guskar kritisiert die Ablehnung des Tutzinger Versorgungsvertrags als "menschenverachtend" © L.G.

Die für 4,5 Millionen Euro errichteten Anlage am Tutzinger Beringerpark ist seit drei Jahren an den Münchner FeroMedik Intensivpflegedienst vermietet, der sich vor allem um langzeitbeatmete Menschen und Wachkoma-Patienten kümmert. Der Vertrag mit diesem Unternehmen läuft zehn Jahre. Von ihrem Plädoyer für ein Hospiz in Tutzing rücken die Gesellschaftrt dennoch nicht ab. Dass dies gelingen kann, wird allerdings mit einer Erweiterung des Pollinger Hospizes immer unwahrscheinlicher werden - dessen sind sie sich bewusst.

Aufgrund der aktuellen Pläne in Polling hat Dr. Wolfgang Weber-Guskar, einen Brief an die Mitglieder des Hospizvereins Fünf-Seen-Land geschrieben. Darin kritisiert er deutlich mangelnde Unterstützung durch die Kassen, durch die Politik und auch durch den Hospizverband, die „ein ohne öffentliche Gelder erstelltes, voll funktionsfähiges stationäres Hospiz sabotiert“ hätten. In Polling dagegen solle jetzt ein Anbau an ein denkmalgeschützes Kloster aufwändig und kostenintensiv mit öffentlicher Förderung erstellt werden. „Wir vom Hospizverein-Fünf-Seenland beschweren uns über kein zusätzliches Hospizbett“, betont Weber-Guskar. Der Bedarf bestehe unzweifelhaft: „Warum aber werden vorhandene Ressourcen negiert, ein großzügiger Bau mit lichtdurchfluteten weiten Räumen und entsprechend großzügigem Nassbereich ‚übersehen‘?“

Weber-Guskar macht in seinem Brief kein Geheimnis daraus: Ob es angesichts der Pollinger Pläne noch sinnvoll sei, den Hospizverein Fünf-Seen-Land am Leben zu halten, müsse kritisch hinterfragt und mit den Mitgliedern diskutiert werden. Zu diesem Zweck will er für Ende Oktober oder Anfang November zu einer Versammlung einladen. Eine Auflösung plant er nicht, er hält sie aber auch nicht für undenkbar, falls die Mehrzahl der derzeit 45 Mitglieder es wünscht.

Der Mitgliederbrief des Hospizvereins Fünf-Seen-Land

  Hospizverein-Fu-nf-Seen-Land.pdf herunterladen

Quelle Titelbild: L.G.
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