Von Thorsten Kerbs

Der Gemeinderat zu Besuch in der Bücherei

Noch nie waren Bücher so wichtig wie im digitalen Zeitalter

Lesen_klein.jpg
Wimmelbilder als Lesevorbereitung © privat

Dieser Tage in der Gemeindebücherei. Zufällig war auch der Gemeinderat mitsamt Bürgermeisterin vor Ort, wohl eine Begehung. Frau Benn-Ortlieb informierte die Herrschaften über Abläufe und Entwicklungen.

Erfreulich ist dieses Interesse, weil die Bibliothek mehr ist als nur eine hervorragend sortierte Quelle von Literatur. Wichtiger noch ist der Umstand, dass hier leise und unauffällig an Tutzings Zukunft gearbeitet wird. Büchereien sind prägende Orte von Kindheit und Jugend, hier können Heranwachsende leicht und freudig den Einstieg in Geist und Kultur vollziehen, zumal wenn dieser Weg in der Schule durch Drill, Druck und Freudlosigkeit misslingt. Mit anderen Worten: Büchereien sind Keimzellen der Bildung, deren Bedeutung man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Lesen wird in der an Bildern überreichen Gegenwart wohl auch deshalb geringeschätzt, weil diese Kulturtechnik alltäglich und banal wirkt. Dabei geht es um viel mehr als nur die Aneignung von Informationen. Wer die Geduld aufbringt, sich auf eine Erzählung einzulassen, die in den Bann einer spannenden, bewegenden, erschütternden oder zum Brüllen lustigen Geschichte zieht, dem erschließt sich ein zusätzliches Leben. Bequem auf dem Sofa sitzend, taucht man ein in die Erfahrungen, Erlebnisse und Phantasien anderer Menschen aus anderen Ländern und fremden Kulturkreisen. Uns bietet sich lesend die Gelegenheit, eine komplett andere Warte einzunehmen als die gewohnte, die Welt durch die Brille eines Menschen in ganz anderen Farben und Formgebungen zu betrachten.

Ist das nicht großartig? Lesen ist wie das zeitweilige Auswandern in fremde Daseinszustände. Wir üben demokratische Grundfertigkeiten ein, wenn wir tief in die Erlebniswelten einer anderen Existenz eintauchen. Und aus Sicht der Neuropsychologie leistet das Lesen noch viel Großartigeres. Wir kommen dabei nämlich in einen faszinierenden Zustand gleichzeitig auftretender Ruhe und Betätigung. Psychologen bezeichnen dies als „fokussierte Konzentration“ und lassen sich Behandlungen, die eine solche innere Sammlung bewirken sollen, teuer bezahlen. Sparen Sie sich das, verführen Sie ihr Kind einfach zum Lesen.

Ob die Gemeinderäte wohl auch die Frage beschäftigt hat, wie die Bezuschussung der Bücherei angesichts schrumpfender Leser- und Ausleihzahlen zu rechtfertigen ist? Man kann nur hoffen, dass sie trotz Corona-bedingter Finanzlöcher nicht der Versuchung zur Sparsamkeit erliegen werden. Fraglos geht von Bildschirmgeräten gegenwärtig eine größere Faszination aus als vom Taschenbuch, Heranwachsende verbringen bereits seit Jahren schon im Grundschulalter mehr Zeit am Smartphone als mit Büchern.

Jedoch fällt auf, dass der Trend langsam kippt. Im Anschluss an Wissenschaft und Heilberufe erfassen langsam auch immer mehr Eltern, was diese rauschartige Versuchung für problematische Auswirkungen auf ihre Kinder hat. Der Flynn-Effekt wird in Zusammenhang mit der Mediennutzung gesehen – seit Bildschirme die Welt erobern, werden die Menschen in den westlichen Gesellschaften nicht mehr testintelligenter, sondern eher dümmer. Kurzsichtigkeit grassiert unter Heranwachsenden, besonders in denjenigen asiatischen Ländern, die uns medial einige Jahre voraus sind. Die steigenden Suizidraten unter Jugendlichen werden in technisierten Weltregionen mit der Nutzung sozialer Netzwerke in Zusammenhang gebracht. Und schlussendlich lässt sich im Silicon Valley besichtigen, was wohl früher oder später auch bei uns zum Trend werden dürfte: Weil die Eltern der Tech-Community ziemlich genau wissen, was Bildschirme und Apps mit Suchtwirkung in den Gehirnen von Kindern anrichten, halten sie ihren eigenen Nachwuchs systematisch von den Gadgets fern, mit denen sie selber reich geworden sind.

Und dann, spätestens wenn Bildschirme in unserem Leben durch deren unausweichliche Allgegenwart banal und öde geworden sind, werden wir in eine Renaissance des physisch existierenden Buches eintreten. Schon um nicht immer blöder, überwachter und abhängiger zu werden. Außerdem zeigt uns ja schon die Freude der Jüngsten am Lesen, wie grundlegend wichtig die sinnliche Erfahrung eines Buches ist, das uns fühlbar in der Hand liegt. Das uns Seite für Seite in faszinierender Schlichtheit ein erfüllendes Leseerlebnis zu verschaffen mag.

Lieber Gemeinderat, wir Tutzinger Bürger, und namentlich unsere Kinder, brauchen diese Bücherei mehr denn je!

--------------------------------

Nachweise:

https://de.wikipedia.org/wiki/Flynn-Effekt

https://www.zeit.de/2018/23/kurzsichtigkeit-augenkrankheit-kinder-jugendliche-gefahr-smartphone

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/suizid-studie-der-who-2019-100.html

https://www.thieme.de/de/psychiatrie-psychotherapie-psychosomatik/suizid-welche-rolle-spielen-medien-67439.htm

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/warum-eltern-im-silicon-valley-ihre-kinder-vom-smartphone-fernhalten-15894313.html

Über den Autor
IMG_1051_klein.jpg

Thorsten Kerbs

Thorsten Kerbs ist als Psychologe tätig und in körperorientierter Psychotherpie ausgebildet. Er arbeitet für die Münchner Jugendämter und leitet das Nachhilfeinstitut Bayernnachhilfe.

Add a comment

Anmelden , um einen Kommentar zu hinterlassen.
Feedback / Report a problem