Gemeindeleben
10.12.2021
Von vorOrt.news

„Jeder, der helfen kann, sollte es tun“

Das erstaunliche Lebenswerk des im Alter von 90 Jahren verstorbenen Unternehmers Peter Gsinn

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Peter Gsinn war bis zuletzt oft im Optikgeschäft anzutreffen, das heute sein Sohn Bernd führt © L.G.

Peter Gsinn ist gestorben. Diese Nachricht hat sich heute in Tutzing wie ein Lauffeuer verbreitet. Viele können es gar nicht glauben, weil sie den Unternehmer noch vor nicht allzu langer Zeit gesehen haben - trotz seiner 90 Jahre vital und interessiert wirkend wie immer. „Er hat bis vor vier Wochen noch bei uns mitgeturnt“, schrieb Rudi Klein traurig an den Vorstand des TSV Tutzing. Bei der von ihm betreuten AH-Donnerstaggruppe des Vereins hat Peter Gsinn fest dazu gehört. Vor etwa zwei Wochen aber hat er sich mit Corona infiziert - trotz zweifacher Impfung. Den Termin für seine Boosterimpfung hatte er schon.

Peter Gsinn war Vater von drei Kindern, Opa von zwei Enkeln und Uropa von einer Urenkelin. Nach dem Tod seiner Frau Anneliese hat er neues Glück mit seiner Lebensgefährtin Angela Roth gefunden. Er wirkte äußerlich immer ruhig, aber gleichzeitig war er voller Energie und schier ungebremst vielseitig.

Nach seiner Lehre in Prien am Chiemsee hatte er in den 1960er Jahren die frühere Bäckerei Funk an der Hauptstraße übernommen, die er dann zum Optikgeschäft umgebaut und mit seiner Frau Anneliese über Jahrzehnte geführt hat. Weitere Optikgeschäfte hat er in Schongau und Peiting betrieben. Etwa 50 Jahre gehörte er der FDP an, deren Tutzinger Ortsvorsitzender er lange war. 1976 hat er die Aktionsgemeinschaft Tutzinger Gewerbetreibender (ATG) gegründet, 1982 das Monatsmagazin Tutzinger Nachrichten. „Ich verneige mich in tiefer Demut vor seinem Lebenswerk“, schrieb der ATG-Vorsitzende Roberto Mestanza heute an die Mitglieder.

Die lokale Wirtschaft lag ihm am Herzen

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Peter Gsinn und Angela Roth haben das gemeinsame Leben in Tutzing genossen, so wie hier bei einem Besuch des Biergartens auf der Ilkahöhe © L.G.

Die lokale Wirtschaft lag Peter Gsinn stets am Herzen - aber das galt für das örtliche, kleine, mittelständische Gewerbe, nicht für die „große“ Wirtschaft mit Supermärkten und Discountmarkt-Filialen. Aus diesem Grund wollte er in den 1970er Jahren gemeinsam mit anderen Tutzinger Geschäftsleuten und Handwerkern ein Kaufhaus auf dem Suiter-Gelände an der nördlichen Hauptstraße aufbauen. Aus diesem Plan wurde aber nichts, was er bis zuletzt bedauert hat. Auf dem betreffenden Grundstück wurde stattdessen ein Tengelmann-Markt eröffnet, der mittlerweile zu einem Edeka-Markt wurde.

Auch mit Immobilienerwerben hat er immer wieder für Aufmerksamkeit gesorgt. Vor Jahren hat er das Gasthaus „Tutzinger Hof“ an der Hauptstraße gekauft. Dort sah man ihn nicht selten engagiert bei Bauarbeiten, so im Untergeschoss an der Kegelbahn. Mit handwerklichem Geschick hat er viele Aufgaben selbst und mit Hilfe von Freunden wie dem Bauunternehmer Josef Huber erledigt, so auch den Bau einer Tiefgarage in seinem Wohn- und Geschäftshaus mitten in Schongau.

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"Er war ein Multitalent"

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Peter Gsinn und Alfons Mühleck (re.) waren lange eng befreundet © L.G.

Besondere Leidenschaft verband Gsinn aber stets mit Gesundheitsthemen. Dabei konnte er auf umfangreichen Grundlagen aufbauen: Er hatte drei Meistertitel - Uhrmachermeister, Augenoptikermeister, Akustikermeister -, außerdem war er Heilpraktiker. Zusätzlich hat er sich auf etlichen weiteren Fachgebieten weitergebildet: Chiropraktik, Neuraltherapie, Osteopathie. Seine Kenntnisse auf vielen Gebieten, bis hin zur so genannten „kybernetischen Methode“ zur Unterstützung bei Legasthenie, hat er zusammengeführt und auch eigene Erfindungen beigesteuert.

„Jeder, der die Möglichkeit und das Wissen hat, anderen zu helfen, sollte es tun“ - so lautete seine Überzeugung. Und er konnte vielen Menschen helfen - auch solchen, die schon keine Verbesserung mehr erwartet hatten. Besonders engagiert hat er sich über viele Jahre für Kinder mit Lernschwierigkeiten. Als Ursachen ihrer Probleme erkannte er häufig schlechtes Sehen und Hören. Für die Organisation Osteuropahilfe hat er über Jahrzehnte Reisen unter anderem nach Kaliningrad (Königsberg) und in die Ukraine unternommen, um dort betroffene Personen zu untersützen. Aus ähnlichen Gründen war er in Tunesien. Immer wieder kamen Patienten teils von weit her zu ihm nach Tutzing. Für seine Leistungen hat er das Bundesverdienstkreuz und die Tutzinger Bürgermedaille erhalten.

„Er war ein Multitalent“, sagt Alfons Mühleck, der frühere Leiter der Tutzinger Kreissparkasse und langjährige Kirchenpfleger von St. Joseph, der seit Jahrzehnten mit Gsinn befreundet war. Gemeinsam haben beide viel bewirkt.

Bis zuletzt hat Peter Gsinn an Arbeitstreffen der ATG teilgenommen

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Die "Tutzinger Nachrichten" spiegeln 38 Jahre lokaler Entwicklung wider. Peter Gsinn hat alle Jahrgänge binden lassen und sie im Oktober an die Gemeinde übergeben. Von links: Vizebürgermeisterin Elisabeth Dörrenberg, Peter Gsinn, Redaktionsleiterin Elke Schmitz und Bürgermeisterin Marlene Greinwald © L.G.

Ein ganz besonderes Beispiel dafür sind die Tutzinger Nachrichten. Um den lokalen Anbietern mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, spielte Peter Gsinn nach der Gründung der ATG lange mit dem Gedanken, eine eigene Zeitung zu gründen. Alfons Mühleck war damals Kassier im Gewerbeverein, und seine Frau erinnerte an ein Mitteilungsblatt in der unterfränkischen Stadt Aub, in der beide früher gelebt haben. 1981 fuhren sie alle zusammen dorthin, holten sich Anregungen - und im Sommer 1982 kam es zu einer denkwürdigen Runde im damals noch bestehenden Café Kammerlocher an der Hallberger Allee. Teilnehmer waren der Pauli-Sepp, Ingrid Cavada, Peter Gsinn, Alfons Mühleck und der Grafiker Herbert Spiegel. Das war die Geburtsstunde der „Tutzinger Nachrichten“. Wie sehr sie für Gsinn Teil seines Lebenswerks waren, das hat er erst kürzlich bewiesen: Er hat alle in 38 Jahren erschienenen Ausgaben der „Tutzinger Nachrichten“ binden lassen und sie in einer feierlichen Veranstaltung der Gemeinde übergeben.

Die Aktivitäten von Peter Gsinn wirken in vieler Hinsicht fort. „Gerade in der letzten Zeit hatten wir viel miteinander zu tun“, sagt der ATG-Vorsitzende Mestanza: „Er war bei den Arbeitstreffen bis zuletzt immer an unserer Seite.“ 45 Jahre ehrenamtlich im Dienst von Handel und Handwerk in Tutzing - das sei ein echter Meilenstein: „Er wird uns fehlen.“ Auch in den Betrieben der Familie ist die Weiterentwicklung gesichert. Im Optikgeschäft steht sein Sohn Bernd an der Spitze, den von Peter Gsinn vor Jahren erworbenen „Tutzinger Hof“ hat erst sein Sohn Andreas geführt, heute leitet ihn seine Tochter Petra Gsinn zusammen mit ihrem Lebensgefährten Rolf Läkamp.

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Da viele Tutzinger und auch ich selbst Herrn Gsinn die letzte Ehre in diesen Coronazeiten wohl leider nicht persönlich bei seiner Beerdigung erweisen können, nutze ich hier die Gelegenheit meine Trauer auszudrücken, ihm für alles zu danken und seinen Angehörigen und engen Freunden viel Kraft & Trost zu wünschen.
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