Gemeindeleben
12.10.2021
Von Bernhard Gattner

"Pflegereform geht nicht weit genug"

Caritas-Präsident Neher mahnt in Tutzing: Häusliche Pflege nicht berücksichtigtDer Autor ist Leiter der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Caritasverband für die Diözese Augsburg

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Dr. Peter Neher © Festschrift 100 Jahre Ambulante Krankenpflege

Beim Festakt für die Ambulante Krankenpflege Tutzing zu deren 100-jährigem Bestehen hat der Präsident des Deutschen Caritasverbandes e.V., Prälat Dr. Peter Neher, gefordert, dass die Pflegereform weiter gehen müsse. Die häusliche Pflege sei bislang nicht berücksichtigt worden.

Die von der Bundesregierung kurz vor Ende der Legislaturperiode beschlossene Pflegereform reiche trotz aller guten Fortschritte nicht aus, "um die Pflege in Deutschland zukunftsfest zu gestalten", sagte Neher. Pflege, ihre Ausgestaltung und ihre Finanzierung seien "Zukunftsfragen von grundsätzlicher Bedeutung". Erst recht in einer alternden Gesellschaft.

Neher, der sich in dieser Woche nach 18-jähriger Amtszeit nicht mehr in der Delegiertenversammlung zur Wahl stellt, nahm seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger in die Pflicht, sich um die Zukunft insbesondere der häuslichen Pflege zu kümmern. Die Pflegereform von 2021 habe sie nämlich außen vor gelassen.

"Pflege ist ein Menschenrecht", unterstrich Neher. Gute Pflegebedingungen müssten "für alle Menschen" geschaffen werden, für die Pflegenden, die Gepflegten und die Angehörigen". Deshalb verbiete es sich, nur über die stationäre Pflege zu sprechen. Eine wirklich umfassende Pflegereform müsse deshalb Pflege "ganzheitlicher, vernetzter und flexibler" denken. Schließlich würden drei Viertel aller Pflegebedürftigen im häuslichen Umfeld gepflegt.

Dabei setzte sich Neher einerseits für mehr Engagement von Kommunen ein: Sie müssten eine altersgerechte Infrastruktur entwickeln und unterstützen. Andererseits forderte er den Staat auf zu mehr Hilfe für die Kommunen auf. Er müsse sie trotz der Folgen der Pandemie finanziell in die Lage versetzen, den Rahmen für ein selbstbestimmte Teilhabe ihrer Bürgerinnen und Bürger auch im Alter und bei Pflegebedürftigkeit zu schaffen.

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Häusliche Pflege sollte auf die einzelnen Personen und ihre Situation maßgeschneidert werden können, sagte Peter Neher in Tutzing © Primavera Life

Der demografische Wandel und die Tatsachen, dass vereinzelt Regionen durch Weg schrumpfen, dürften nämlich auf keinen Fall dazu führen, alten Menschen ein Leben im gewohnten Umfeld mit einer guten Betreuung zu verwehren, mahnte Neher. Christliche Einrichtungen und Diensten schreibt der katholische Geistliche, der aus dem Bistum Augsburg stammt, eine wichtige Aufgabe in der Pflege zu: "Sie machen durch ihre Arbeit deutlich, dass es um den ganzen Menschen, mit seinen Sorgen und Befürchtungen, aber auch mit seinen Hoffnungen und seinem Glück geht." Professionell bedeute eben nicht nur Fachlichkeit, sagte Neher, sondern auch die Bereitschaft, sich als Menschen zu begegnen: "Dadurch machen viele Mitarbeitende Tag für Tag die Botschaft von einem menschenliebenden Gott erfahrbar - und das auch dann, wenn nicht von Gott die Rede ist."

Der scheidende Caritas-Präsident wünscht sich deshalb eine Vernetzung von Versorgungsformen durch den Ausbau von Angeboten, die sektorenübergreifend Pflege und andere Unterstützungsformen verbinden. Damit häusliche Pflege auf den Einzelnen und seine Situation maßgeschneidert werden können, müssten die verschiedenen Anbieter vor Ort besser vernetzt werden. "Pflege als Konfektionsware für alle gibt es nämlich nicht", sagte er.

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Es ist schade, dass Caritas-Präsident Neher im Abschied von seiner Verbandstätigkeit nicht das gesellschaftliche Dilemma in den Blick nimmt, das er mit seiner Forderung nach höheren Leistungen im Pflegebereich zwangsläufig aufwirft. Und das ist die große Frage, wie sich Verteilungsgerechtigkeit in einer Gesellschaft verwirklichen lässt, die nicht nur immer älter und pflegebedürftiger wird, sondern die bei einer abnehmenden Zahl von Erwerbstätigen insgesamt schrumpft, weil es ihr an Kindern und Zuzug mangelt. Und auf die gleichzeitig noch so manch anderes, lange verschleppte und absehbar kostenintensive Problem zurollt. Wie etwa der Klimawandel und so manche Strukturreform. Zu dieser großen Frage hätte man sich von ihm substanzielle Antworten jenseits der zu erwartenden Verbandsforderung nach mehr Geld für die eigene Branche gewünscht.
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