Gemeindeleben
10.9.2020
Von vorOrt.news

Bestattungswald auf der Ilkahöhe

Der Gutseigentümer will mit der Zeit 83 Hektar Fläche für diesen Zweck nutzen

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Tutzings bekanntester Aussichtspunkt: die Ilkahöhe © L.G.

Die Ilkahöhe ist eines der beliebtesten und bekanntesten Ausflugsziele in der hiesigen Region. Daran soll sich auch nichts ändern, wenn eine ganz andere Nutzungsform hinzukommt: Ein Teil der großen Fläche soll zu einem „Bestattungswald“ werden. Die Asche Verstorbener wird dabei in biologisch abbaubaren Urnen unter Bäumen beigesetzt.

Die Guts- und Forstverwaltung Ilkahöhe plant hierfür eine Partnerschaft mit der in Griesheim bei Darmstadt ansässigen Friedwald GmbH, die sich auf diese Bestattungsform spezialisiert hat. Andere private Anbieter sind zum Beispiel die Unternehmen „Ruheforst“ und „Trauerwald“.

Da ein privatwirtschaftlicher Betrieb von Friedhöfen in Deutschland gesetzlich verboten ist, suchen die auf diesem Gebiet tätigen privaten Unternehmen die Zusammenarbeit mit kommunalen oder kirchlichen Trägern. Mittlerweile bieten aber auch immer mehr kommunal und kirchlich geführte Friedhöfe Baumbestattungen auf ihrem Gelände an. Solche Areale werden beispielsweise Ruhewald, Friedpark, Friedhain oder Urnenhain genannt. Die Gemeinde Tutzing legt derzeit einen „Ruhewald“ im Waldfriedhof an. Er soll Anfang nächsten Jahres bereitstehen, kündigte Bürgermeisterin Marlene Greinwald im Gemeinderat an. „Die Gemeinde Tutzing hat verschiedene sehr schöne Friedhöfe“, sagte sie zu dem Projekt auf der Ilkahöhe: „Ich gehe davon aus, dass sie dabei nicht gefährdet werden.“

Friedwald sieht das Tutzinger Projekt als "Einzigartigkeit in Bayern"

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171 Standorte von "Friedwald" gibt's in Deutschland - aber nur wenige in Bayern und noch gar keinen in Südbayern © www.friedwald.de/standorte

Der bei Friedwald tätige Standortentwickler Stephan Martini bezeichnete dieses Unternehmen im Gemeinderat als größten Friedhofsverwalter Deutschlands. „Wir wollen 83 Hektar Fläche bereitstellen“, kündigte Hermann Wendelstadt, der Eigentümer des Guts Ilkahöhe, an. Der Wald soll gleichzeitig weiterhin Erholungsraum für die Menschen sein.

Das Tutzinger Projekt wäre das erste von Friedwald in Südbayern. Die meisten seiner bisher 71 Standorte befinden sich in anderen Bundesländern, nur drei in Bayern. Friedwald-Pressesprecherin Carola Wacker-Meister sprach gegenüber vorOrt.news in Hinblick auf die Tutzinger Planung von einer „Einzigartigkeit in Bayern“. Das Interesse des Unternehmens an dieser Region ist schon wegen des Einzugsgebiets München groß. Bedarf sieht Martini rund um den Starnberger See und den Ammersee, vom südwestlichen Rand Münchens bis weit in die Nachbarlandkreise hinein. Die Bevölkerung in diesem Gebiet umfasse rund eine Viertelmillion Menschen.

Mit den geplanten 83 Hektar ist der auf der Ilkahöhe geplante Bestattungswald groß, aber nicht der größte. Der 2001 eröffnete erste Standort von Friedwald bei Kassel umfasst zum Beispiel 140 Hektar. Nicht die gesamte vorgesehene Fläche von 83 Hektar soll auf der Ilkahöhe sofort diesem Zweck dienen. Der Bestattungswald soll nach und nach aufgebaut werden, mit kleineren Parzellen von je drei bis fünf Hektar. „Wir wollen daraus ein Generationenprojekt machen“, sagte Wendelstadt. Eine Laufzeit über 99 Jahre sei geplant.

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Positive Auswirkungen auf den Waldbestand erwartet

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Hermann Wendelstadt will den Wald künftig anders bewirtschaften als bisher © Guts- und Forstverwaltung Ilkahöhe

Warum so ein Bestattungswald? Der Wald, so Wendelstadt, sei ein sehr schwieriges Geschäft: „Und das wird durch den Klimawandel noch viel dramatischer.“ Gegenüber vorOrt.news bekräftigte er, mit Wald sei hier zu Lande kein Geld mehr zu verdienen. Auf den großen Bedarf an Holz angesprochen, sagte er, die Menschen kauften es so günstig wie möglich - und mit den Preisen aus anderen Regionen wie etwa China, die gerade auch durch die niedrigen Arbeitslöhne dort ermöglicht würden, könne man in Deutschland nicht mithalten.

„Wir müssen den Wald anders bewirtschaften als in der Vergangenheit“, so seine Folgerung. Auf diese Weise könne man auch eine Stabilisierung des Waldes erreichen. Martini sprach im Gemeinderat von einer extensiven Entwicklung des Waldes mit höherem Durchschnittsalter der Bäume.

Gleichzeitig gibt es eine recht auffallende Veränderung der Bestattungskultur. Der Anteil der Einäscherungen habe bereits von früher 40 Prozent auf 60 Prozent und mehr zugenommen, sagte Martini. Wer sich für eine Baumbestattung interessiert, muss sich nach Angaben von „Friedwald“ grundsätzlich für eine Einäscherung entscheiden.

Nicht zuletzt pflegefreie Bestattungsformen sind heutzutage immer mehr gefragt. Grabpflege und Grabschmuck sind im „Friedwald“ laut Martini untersagt: „Die Pflege übernimmt die Natur jahreszeitlich variierend.“ Ueli Sauter, der 1933 in der Schweiz den ersten „Friedwald“ angelegt hat, sah in der Aufnahme von Asche durch den Baum ein Symbol für die Rückkehr in den Kreislauf der Natur.

Es gibt auch Friedwald-Standorte in kirchlicher Trägerschaft

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Ein Namensschild am Baum macht auf die Grabstätte aufmerksam © Friedwald GmbH

Ein Bestattungswald widerspreche nicht dem christlichen Auferstehungsglauben, betonte Martini im Tutzinger Gemeinderat. Einige Standorte von „Friedwald“ befänden sich sogar in kirchlicher Trägerschaft.

Auch mit den Tutzinger Kirchen sei er darüber im Gespräch, sagte Wendelstadt: „Sie stehen dem neutral gegenüber, erkennen aber den Bedarf in der Bevölkerung, sowohl bei konfessionsgebundenen als auch bei konfessionsfreien Menschen.“

Für streng gläubige Muslime komme eine Einäscherung nicht in Frage, sagte Martini auf eine entsprechende Frage von Christine Nimbach (Grüne). Doch im Friedwald hätten inzwischen „Menschen aus allen Weltreligionen“ ihre Ruhestätte gefunden. Ob Beisetzungen mit kirchlicher Begleitung oder individuell nach eigenen Wünschen stattfinden, bleibe dem Einzelfall überlassen.

Wie ein Friedhof sieht ein Bestattungswald üblicherweise nicht aus. Gerade Wege sind dort in der Regel ebenso wenig zu finden wie Grabsteine oder Grabeinfassungen. Die namentliche Nennung der Verstorbenen bezeichnete Martini als Regel. „Ein Namensschild am Baum macht auf die Grabstätte aufmerksam“, erläutert das Unternehmen „Friedwald“. An den Hauptzugangswegen stehen nach seinen Angaben Wandtafeln, auf denen die für Bestattungen dienende Fläche eingezeichnet ist.

Eine öffentliche Einrichtung der Gemeinde Tutzing im Privatwald

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Es soll nur Urnenbeisetzungen geben © Friedwald GmbH

„Es wird eine öffentliche Einrichtung der Gemeinde Tutzing im Privatwald“, sagte Martini. Es soll sich um einen öffentlich-rechtlich gewidmeten Friedhof unter der Trägerschaft der Gemeinde Tutzing handeln. Der Gemeinde entstünden keine Kosten, versicherte der Standortentwickler. Nach seinen Worten können sich die Menschen zu Lebzeiten für einen Baum entscheiden. Es werde nur Urnenbeisetzungen geben. Die Asche der Verstorbenen werde in 2,5 bis drei Metern Entfernung vom ausgewählten Baum - damit seine Wurzeln nicht geschädigt werden - in 70 bis 80 Zentimetern Tiefe beigesetzt.

Die Preise nannte Martini mit 770 Euro für einen einzelnen Grabplatz plus 350 Euro für die Beisetzung. Man kann auch einen ganzen Bestattungsbaum für die Familie erwerben. Da kann der Preis – zunächst für zwei Grabplätze - je nach Dicke und Position 2990 bis über 6000 Euro erreichen. Das Grabnutzungsrecht soll auf der Ilkahöhe bis zum Ende der geplanten 99 Jahre laufen. In der ersten Zeit erwartet Martini wöchentlich etwa fünf Beisetzungen. Alle 14 Tage soll es Waldführungen für interessierte Menschen mit einem Friedhofsförster geben, bei denen sie auch für sich Bäume auswählen können.

Das alles, meinte Martini, könne auch die Hotellerie und Gastronomie in Tutzing sowie den hiesigen Arbeitsmarkt beleben. Angesichts der erwarteten Besucher hält er aber beim geplanten Friedwald einen Parkplatz mit etwa 20 Stellflächen für ausreichend, sagte er auf eine Frage von Claus Piesch (Freie Wähler). Und der Verkehr werde sich vor allem auf drei Tage in der Woche beschränken.

Im Tutzinger Gemeinderat kam das Projekt gut an. Nach einem einstimmigen Beschluss soll es weiter verfolgt werden. Eine gewisse Zurückhaltung ließ Bürgermeisterin Marlene Greinwald dennoch erkennen. Zunächst soll sich nach ihren Worten nun der Hauptausschuss des Gemeinderats mit dem Vorhaben befassen. Dabei solle auch geklärt werden, „ob es wirklich ohne Kosten für die Gemeinde abläuft“.

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