Gemeindeleben
21.11.2020
Von vorOrt.news

Tutzing kämpft gegen Not und Sterben

Spendenaktion für Hilfe im Mittelmeer - Gemeinde bringt 3000 Euro ein – Appell an andere Kommunen

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Die Bewegung "Seebrücke" wurde 2018 gegründet, als die "Lifeline" mit 234 Menschen an Bord tagelang in keinem europäischen Hafen anlegen konnte

Als erste Kommune im Landkreis Starnberg hat sich Tutzing mit dem Bündnis „Städte Sichere Häfen“ solidarisch erklärt. Im September hat der Gemeinderat dies einstimmig beschlossen und damit die Bereitschaft der Gemeinde unterstrichen, geflüchtete Menschen willkommen zu heißen und ihnen zu helfen. Nun gibt es eine erste konkrete Maßnahme: Gemeinsam mit dem Ökumenischen Unterstützerkreis Tutzing ruft die Gemeinde zu einer vorweihnachtlichen Spendenaktion auf.

„Tutzing hilft im Mittelmeer“ - so lautet der Verwendungszweck. Die Gemeinde bringt nach einem einstimmigen Beschluss des Hauptausschusses als Sockelbetrag 3000 Euro ein. Der als Seenotretter auf dem Schiff "Lifeline" bekannt gewordene Claus-Peter Reisch aus Landsberg am Lech, der die Aktion unterstützt, kam eigens zu der Sitzung nach Tutzing. Der Ökumenische Unterstützerkreis verweist auf weiterhin große Not und Sterben im Mittelmeer und im Atlantik. Seine Vorsitzende Claudia Steinke sagte, die Not in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln sei sogar noch größer geworden.

"Starke Gegenstimme zur Abschottungspolitik"

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Einsatz für einen "sicheren Hafen" Tutzing: (v.li.) Claudia Steinke, Florian Schotter, Claus-Peter Reisch und Pfarrer Peter Brummer im Rathaus

Dem Bündnis haben sich bisher 208 Kommunen in Deutschland angeschlossen. „Sichere Häfen heißen geflüchtete Menschen willkommen - und sind bereit, mehr Menschen aufzunehmen“ - so wird das Ziel auf der Webseite https://seebruecke.org/sichere-haefen/sichere-haefen/ beschrieben. Kritisch wird dort weiter erklärt: „Gemeinsam bilden die Sicheren Häfen eine starke Gegenstimme zur Abschottungspolitik der Bundesregierung und der EU.“

Claudia Steinke appelliert auch an andere Gemeinden, sich wie Tutzing für die betroffenen Menschen zu engagieren. Sie hofft zudem auf positive Ergebnisse von Gesprächen mit den Landräten. Seit einiger Zeit gibt es auch schon ein Bündnis „Sichere Häfen der Landkreise Starnberg und Weilheim“. Als Ansprechpartner der Gemeinde Tutzing für das Bündnis ist Gemeinderat Florian Schotter benannt worden. Sehr konkrete "Forderungen an Tutzing" veröffentlicht die Organisation Seebrücke auf ihrer Webseite: https://seebruecke.org/safe-havens/tutzing/

Bürgermeisterin Marlene Greinwald sagte im Hauptausschuss: „Wir können zwar keinen Wohnraum zur Verfügung stellen, aber wir können uns mit anderen Aktivitäten beteiligen.“ So sei die Idee einer Spendenaktion geboren worden. „Sicher gibt es auch Not bei uns“, fügte sie hinzu. Auch hierfür werde vorgesorgt. So gebe es bei der Gemeinde ein Konto mit dem Verwendungszweck „soziale Zwecke“. Sie verwies auch auf die Sozialsprechstunden von Gemeinderätin Caroline Krug. Aber was mit den Flüchtlingen geschehe, sei „einfach nur fürchterlich.“

Claus-Peter Reisch: "Wenn sie hier sind, muss man sich auch um sie bemühen"

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Fikerte Kasahun aus Äthiopien und Etienne Sebineza aus dem Kongo dürfen in Tutzing nicht arbeiten

Claus-Peter Reisch, der schon mehrmals zu Vorträgen im Tutzinger Roncallihaus war, stellte drei Aspekte in den Vordergrund: Erstens die Bekämpfung der Fluchtursachen - man müsse dafür sorgen, dass sich die Menschen nicht „auf den tödlichen Weg“ machten. Zweitens die Seenotrettung: „Man kann sie nicht ertrinken lassen.“ Drittens ihre vernünftige Integration hier zu Lande: „Wenn sie hier sind, muss man sich auch um sie bemühen.“ Gerade in Tutzing gab es schon viel Kritik an gegensätzlichen Bestrebungen. Der Ökumenische Unterstützerkreis beklagt seit langem, dass Arbeitsgenehmigungen zum Teil prinzipiell nichts mehr gewährt und auch zunehmend nicht mehr verlängert würden. In einem Flyer hat der Unterstützerkreis der bayerischen Regierung schon vor zwei Jahren vorgeworfen, sie beschädige die deutschen Interessen. „Bayerische Politik verhindert Integration“ - Tutzinger Asylhelfer starten Online-Petitionen Hiesige Unternehmen mussten schon auf ausländische Arbeitskräfte verzichten, die sie gern weiter beschäftigt hätten, weil die Ausländerbehörde die Genehmigung verweigert hat. Die Tutzinger Gaststätte "Tutzinger Hof" hat aus diesem Grund bereits zwei bei Arbeitgeber wie Kunden gleichermaßen beliebte Mitarbeiter verloren: Etienne Sebineza aus dem Kongo und Fikerte Kasahun aus Äthiopien. Äthiopierin darf in Tutzing nicht arbeiten - Tutzinger Arbeitgeber entsetzt

Claudia Steinke: "Unbegleitete Jugendliche zahlen oft einen hohen Preis"

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Claus-Peter Reisch, Claudia Steinke und Pfarrer Peter Brummer (v.li.) © Fotos: L.G.

Tutzings katholischer Pfarrer Peter Brummer begrüßte die Entscheidung für eine Spendenaktion und für die Beteiligung der Gemeinde in der Hauptausschuss-Sitzung sehr. Mit dieser Aktion werde interessierten Bürgern ermöglicht, humanitäre Hilfsprojekte vor Ort im Mittelmeer und auf den griechischen Inseln zu unterstützen, sagte Claudia Steinke. Als dringend notwendig gelten Verbesserungen der medizinischen Versorgung in griechischen Flüchtlingslagern, des Kinderschutzes und der Bildung in griechischen Flüchtlingslagern sowie die Seenotrettung im Mittelmeer. In den Lagern gebe es viele unbegleitete Jugendliche. Auf der Suche nach Schutz wendeten sie sich an Erwachsene, doch viele von ihnen zahlten dafür einen hohen Preis.

Welche Organisationen die Spenden erhalten, darüber soll eine Jury mit Mitgliedern des Gemeinderats und des Ökumenischen Unterstützerkreises sowie mit Reisch entscheiden. Die Spendenaktion läuft bis Ende Januar 2021. Bis spätestens Ende März 2021 soll die Vergabe der Spendengelder abgeschlossen sein. Als wichtiges Vergabekriterium gilt die Weitergabe der Gelder in voller Höhe. Am 28. November von 11 Uhr bis 13 Uhr wird es auf dem Tutzinger Wochenmarkt einen Informationsstand geben.

Spendenkonten für "Tutzing hilft im Mittelmeer"

Spenden sind ab sofort möglich, und zwar unter dem Verwendungszweck „Tutzing hilft im Mittelmeer“ auf folgenden Konten:
• Gemeinde Tutzing IBAN DE 92 7025 0150 0430 5700 44
• Katholische Kirchenstiftung St. Joseph Tutzing IBAN DE 09 7025 0150 0017 2467 78
• Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Tutzing/Bernried IBAN DE 21 7025 0150 0010 5808 19

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Comments

Und welchen Betrag bringt die Kirche von ihrem Milliardenvermögen ein?
Ist eine Spendenaktion wirklich das, was die Initiative Seebrücke im Blick hat? Auf deren Webseite lese ich dies: "Sichere Häfen sollen sich für neue und stärkere Programme zur legalen Aufnahme geflüchteter Menschen stark machen – und selbst mehr Kompetenzen fordern, um auch eigenständig Menschen helfen zu können. Sie sollen deutlich signalisieren, dass sie bereit sind, mehr Menschen als bisher aufzunehmen." Wenn unsere Bürgermeisterin spricht, die Gemeinde Tutzing, dem zweitreichsten Landkreises Deutschlands in einem der wohlhabendsten Länder der Welt zugehörig, könne Geflüchteten keinen Wohnraum zur Verfügung stellen, widerspricht das der Seebrücke-Agenda diametral. Schon deren Name stellt zweifelsfrei klar, dass es ausdrücklich um die Aufnahme von Menschen in den hiesigen Gemeinden geht. Und die Webseite wird noch deutlicher: "Wir solidarisieren uns mit allen Menschen auf der Flucht und erwarten von der deutschen und europäischen Politik ... eine menschenwürdige Aufnahme der Menschen, die fliehen mussten oder noch auf der Flucht sind ...". Spenden sind eine so verständliche wie menschliche Geste. Sie werden aber gar zu leicht zur ritualisierten Ablasshandlung, die den Spender emotional entlastet, ohne wirklich zum Anliegen des Almosenempfängers zu passen. Und das eigentliche Anliegen der Flüchtenden lautet, hier anzukommen. Und letztlich geht es auch hier wieder um (nicht offen benannte) Verteilungskämpfe zwischen Arm und Reich.
(Bearbeitet)
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